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Der Wanderfalke ist gerettet - und wird besonders oft illegal verfolgt

Der schnellste Vogel der Welt war in Baden-Württemberg fast ausgerottet. Heute leben im Südwesten die meisten Wanderfalken bundesweit. Diesen Erfolg feiert die AG Wanderfalken zum 50-jährigen Bestehen.

20.11.2015
  • MADELEINE WEGNER

Stuttgart Für Andre Baumann ist es "eine der schönsten Erfolgsgeschichten im Naturschutz": War der Wanderfalke vor 50 Jahren so gut wie ausgerottet, ist er in Deutschland heute gerettet. "Was aber nicht heißt, dass wir uns nicht mehr um ihn kümmern müssen", fügt der Nabu-Landesvorsitzende hinzu.

49 Paare gab es 1965 in Baden-Württemberg, elf Jahre später waren es - bundesweit - nur noch 48 Paare. Die meisten davon lebten in Baden-Württemberg und Bayern. Aktuell liegt die Zahl bei 260 Brutpaaren im Land. Der Südwesten hat damit den bundesweit größten Bestand. "Das Mittelgebirge Schwäbische Alb ist prädestiniert für Falken", sagt Jürgen Becht. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz (AGW), die sich seit 50 Jahren für den Schutz von Falken und anderen felsenbrütenden Vögeln einsetzt.

Das Jahr 1972 markiert in zweierlei Hinsicht eine Wende: Zum einen war damals das Bestandsminimum (26 Paare) erreicht, zum anderen verbot die Regierung bundesweit den Einsatz des Insektizids DDT. Wie gefährlich dieses Insektizid für viele Greifvögel weltweit ist, wurde erst später deutlich, als auch die Zahl der Wanderfalken im Land wieder stieg. Der schnellste Vogel der Welt kann dabei als wichtiger Umweltindikator dienen: Da der Wanderfalke an der Spitze der Nahrungskette steht, reichern sich in dem Tier Schadstoffe an. Untersuchungen nicht geschlüpfter Küken zeigen deshalb laut Becht recht gut, wie stark die Pestizidbelastung in Deutschland ist.

Doch es war längst nicht nur das DDT-Verbot, das den Wanderfalken im letzten Moment gerettet hat. Ehrenamtliche der AGW bewachten dauerhaft Brutplätze der letzten Wanderfalken und verhinderten so, dass Menschen Eier- und Jungvögel aus den Horsten rauben. Darüber hinaus betreibt die AGW seit 50 Jahren ein konstantes Monitoring: Die Ehrenamtlichen der AGW protokollieren, wo genau Falken und auch Uhus leben und wie viel Nachwuchs sie bekommen. "Diese Daten sind Gold wert", sagt Baumann - beispielsweise, wenn es um den Ausbau der Windkraft geht und teure Datenerhebungen wie jene für den Rotmilan entfallen. "Der Ausbau der Windkraft wäre schneller möglich gewesen", folgert Baumann. Frank Rau aus dem AGW-Vorstand kritisiert jedoch auch, dass Arten- und Sachkenntnis in den vergangenen Jahren ausgelagert wurde ins Ehrenamt, weil vieles in den Ämtern nicht mehr leistbar sei.

Gefahren für Wanderfalken gibt es nach wie vor. Zwar sei wildes Klettern am Felsen nicht mehr ein so großes Problem wie früher. Doch andere Freizeitaktivitäten wie Geocaching oder Sportarten nehmen zu, welche die Natur belasten können. Allgemein gefährde die immer intensivere Flächennutzung - sei es durch Freizeit, Forst- oder Landwirtschaft - viele Tierarten und deren Lebensraum. Becht kritisiert außerdem, dass die Falknerei ein falsches Bild von wilden Greifvögeln vermittle und die Tiere niemals artgerecht gehalten werden könnten.

Über einige Vögel wie den Wanderfalken und den Kolkraben würden falsche Informationen verbreitet, was wiederum Vorurteile wecke und die illegale Verfolgung anstachele. Aufklärung und praktische Lösungen also sind nötig. So arbeitet der Nabu beispielsweise mit Schäfereien zusammen, die über Schäden durch Kolkraben klagen.

In den vergangenen Jahren hat der Naturschutzbund 700 Fälle registriert, in denen mehr als 1100 Greifvögel zu Schaden kamen oder getötet wurden. Damit nimmt das Land den zweiten Platz bundesweit ein, wenn es um die illegale Verfolgung von Greifvögeln geht. Der Nabu geht zudem von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. "Wir stellen viele Strafanzeigen, jedoch geht die Aufklärungsquote gegen Null", sagt Baumann. AWG und Nabu fordern deshalb eine Koordinationsstelle für Umweltkriminalität, weil solche Fälle bei der Staatsanwaltschaft oft neben anderen Straftaten wie Mord oder Raub untergingen.

Die Rettung des Wanderfalken ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte im Naturschutz. 50 Jahre nach Gründung der AGW kommen auch Uhus und Kolkraben - nachdem sie hier ausgestorben waren - wieder in ganz Baden-Württemberg vor.

 Der Wanderfalke ist gerettet - und wird besonders oft illegal verfolgt

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20.11.2015, 12:00 Uhr

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