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 Es bleiben Szenen fürs Leben: Iris Mangler-Wörz und ihre Theater-AGs
Iris Mangler-Wörz führt bei den Theaterproduktionen des Kepler-Gymnasiums Regie. Auch in der Requisite ist sie gelegentlich die ordnende Hand. Die Kostüme und Gegenstände spielten alle eine mehr oder minder tragende Rolle – so etwa der Gummireifen im Stück „Die Welle“. Bild: Sommer
Lehrerin mit Leidenschaft

Es bleiben Szenen fürs Leben: Iris Mangler-Wörz und ihre Theater-AGs

Die Tübinger Gymnasiallehrerin Iris Mangler-Wörz leitet schon jahrelang Theater-AGs – nun auch an der Gemeinschaftsschule in Pliezhausen.

26.10.2016
  • Ute Kaiser

Die jüngsten Stücke boten alle harten Stoff. Vor drei Jahren präsentierte die Truppe vom Kepler-Gymnasium „Die Welle“ – das Symbol für eine Gemeinschaft, die alle, die anders sind, niederwalzt. Ein Jahr später durchlebte das Publikum im Thornton-Wilder-Stück „Wir sind noch einmal davongekommen“ drei Katastrophen: Eiszeit, Sintflut und Krieg. Im vergangenen Jahr begehrt der Jugendliche Frits in „Träumt weiter“ gegen den Muff der 1960er Jahre auf und blieb sich trotz Sanktionen und Ausgrenzung treu.

Seichte Unterhaltung ist nicht Iris Mangler-Wörz’ Ding. Auch ihre Lieblingsinszenierung – Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ – ist ausdrücklich eine Tragikomödie. „Ich brauche die Herausforderung“, sagt die 56-jährige Lehrerin, die in Tübingen Germanistik und evangelische Religion studiert hat. Und sie reize, „was ich noch nie gemacht habe“.

Fürs laufende Schuljahr hat sie sich drei Projekte vorgenommen: Mit ihrem Kollegen Heiner Klaasen-van Husen und der Theater-AG des Kepler-Gymnasiums will sie „Herr der Fliegen“ frei nach William Golding einstudieren und möglichst im Anlagenpark aufführen. Mit dem Theater- und Literaturkurs der Oberstufe wird sie sich modernen Kurzgeschichten unter dem Arbeitstitel „Facetten der Angst“ widmen und eine schulinterne Inszenierung entwickeln. An ihrem neuen Wirkungsort, der Gemeinschaftsschule in Pliezhausen, möchte sie mit der Theater-AG der Fünft- und Sechstklässler einen „Theaterzirkus“ in Anlehnung an „Das Gauklermärchen“ von Michael Ende vorführen.

Zwei Tage in der Woche ist die Hirschauerin am „Kepi“, zwei Tage an der Gemeinschaftsschule – als Deutschlehrerin einer fünften Klasse. Dass im Frühjahr auch ihre Tochter Abitur machen wird, bietet der Mutter von vier Kindern Freiräume. Die drei älteren Söhne – 20 bis 23 Jahre alt – studieren bereits. Alle haben sich für den Journalismus entschieden – wie ihr Vater. Das Unterrichten und die Theaterarbeit hätten dafür gesorgt, dass sie „nie eine Helikoptermutter“ war, sagt Mangler-Wörz. Kein ganzes Deputat zu haben, ermöglichte ihr, viel Energie und Freizeit in die AGs zu investieren.

Die Lehrerin ist auch Lernende

Etwas Neues anfangen, eine neue Schulform kennenlernen und neue Methoden ausprobieren: Das war ihr Antrieb, sich eine zweite Wirkungsstätte zu suchen. Die „enge Zusammenarbeit“ mit ihren Kolleginnen an der Gemeinschaftsschule, das „an einem Strang ziehen“, so ihr erster Eindruck im neuen Schuljahr, gefallen ihr gut. Mit dieser Aussage sind keine Wertungen verbunden, und sie will die beiden Schulformen auch nicht gegeneinander ausspielen.

In Pliezhausen ist die Lehrerin, die in Bad Urach Abi gemacht hat, auch Lernende. Gerade erfahre sie viel über die Nationalitäten ihrer Schüler/innen, darunter Pakistan, Indien und China. Die Klassen seien noch heterogener als am Gymnasium. Das werde dadurch kompensiert, dass sie nur 22 Kinder unterrichtet. Beim Kennenlernen und auch zur Motivation helfen „Warming ups“, die sie auch bei der Theaterarbeit einsetzt – kleine Spiele, bei denen sich die Kinder bewegen und bei denen manches Eis bricht.

Zum Schultheater kam Mangler-Wörz durch Zufall am Albert-Einstein-Gymnasium in Böblingen – ihrer ersten Stelle als Lehrerin. Der Leiter der Theater-AG wollte aufhören und hat sie „ins kalte Wasser geworfen“. Die damals 30-Jährige konnte gleich schwimmen. Und ließ fortan nicht mehr vom Theater – auch als Zuschauerin. So spontan wie andere ins Kino gehen, besucht Mangler-Wörz die Tübinger Theater. Was ihr gefällt, schaut sie auch mehrfach an: „Den Hölderlin habe ich fünf Mal gesehen.“

Sich die Arbeit anderer Regisseure ansehen und sich Impulse holen: Das gibt Mangler-Wörz neue Inspiration für ihre Inszenierungen. Selbst auf der Bühne stehen wollte sie nie: „Ich bin keine Rampensau.“ Als Regisseurin dagegen könne sie sich verwirklichen. Wer glaubt, dass sie in ihrer Theater-AG nur gibt, liegt schief. Die Mitglieder geben ihr viel zurück. Auch das: „Auf Augenhöhe mit Schülern zu arbeiten und ihre Ideen in die Inszenierungen einzubauen, verbindet und erzeugt ein ungeheures Gemeinschaftsgefühl.“

Strahlend erzählt Mangler-Wörz von einem Siebtklässler, der in der Klasse ganz still hinten saß und erst in der AG für sich entdeckte, „was Theater für ihn ist“. Er entwickelte sich zu ihrer „rechten Hand“. Einige folgten ihrem Rat, sich beim „Jungen Zimmertheater“ oder beim „Jungen LTT“ weiter auszuprobieren und mit Profis zu arbeiten. Diese Möglichkeit, die Tübingen bietet, findet sie toll. Andere produzieren den Filmtrailer zum Stück oder gestalten das Programmheft. Das Gemeinschaftsgefühl und der Zusammenhalt, was so im regulären Unterricht nicht entstehen kann, wächst unter anderem bei intensiven und alle fordernden Probentagen auf dem Schloss Einsiedel.

Wie es sich anfühlt durchzustarten, hat Mangler-Wörz selbst erlebt. Nach dem Abi ist sie in einen Kibbuz nach Israel gegangen. Ihr Lebensgefühl damals? „Jetzt geht es erst richtig los.“ Nach drei Monaten jobben in einem Altersheim hat sie sich für das Lehramtsstudium entschieden. Wegen einer Knieverletzung als Kind riet ihr ein Arzt vom angestrebten Sportstudium ab. Dennoch fährt sie mit Freude Ski, tanzt am liebsten zu südamerikanischer Musik und läuft längere Strecken.

Die Welt zum Guten verändern

Langen Atem kann die Regisseurin auch fürs Entwickeln einer Inszenierung von der ersten Idee bis zu den Aufführungen brauchen. Viel mehr zählt aber für sie, dass sie in der AG den Schüler(inne)n mehr als im Unterricht „Zuwendung geben, sie auf den Weg bringen und ihnen Orientierungshilfen bieten“ könne. „Da entsteht Beziehung, und es bleiben Szenen fürs Leben“, so Mangler-Wörz. Im Gespräch liefert sie den theoretischen Hintergrund und einen Buchtipp – Maike Plath: Biografisches Theater – gleich dazu.

Gemäß ihrem Credo – „Schüler können alle etwas“ – macht sie sich stets aufs Neue auf die Suche nach den speziellen Stärken jedes Kindes und Jugendlichen. Dass das beim Theaterspielen besonders gut geht, empfindet Mangler-Wörz als Privileg. Aber auch generell gilt für sie – diesmal am Beispiel eines Filmhelds: „Lehrer sind alle kleine James Bonds, wir versuchen alle, die Welt zum Guten zu verändern.“

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26.10.2016, 01:00 Uhr

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