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Leitartikel · Autobranche

Immer schlimmer

25.11.2015
  • Thomas Veitinger

Salamitaktik steht im Lexikon als Möglichkeit, "großen Aufgaben ihren Schrecken zu nehmen". Das kann man so sehen. Es gilt aber nicht bei Volkswagen. Der Autobauer erreicht das Gegenteil: Der Schrecken wird durch die scheibchenweise Enthüllung seines Abgasskandals größer. Die Sorgen um die Auswirkungen auf Zulieferer, andere Automarken, die gesamte Wirtschaft, steigen. Vor allem Baden-Württemberg, wo jeder vierte Job am Auto hängt, blickt irritiert nach Wolfsburg: Bis zu elf Millionen Fahrzeuge müssen weltweit zurückgerufen werden - bislang.

Dass es dennoch am Ende nicht so schlimm kommen wird, wie manche befürchten, hat viel mit dem guten Ruf anderer Hersteller zu tun und der Gnade des Vergessens in unserer schnelllebigen Zeit - aber gewiss nicht mit dem stümperhaften VW-Krisenmanagement.

Neben der Ausweitung auf immer mehr Motoren lässt vor allem die "Infektion" von Audi und Porsche die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Skandals schwinden. Die Frage "Was mag da noch alles vertuscht sein?" belastet sehr. Andere Faktoren könnten die negative Sicht verstärken wie: die (übliche) steigende Arbeitslosenzahl im Winter, Auswirkungen der Terroranschläge von Paris, ein mögliches Scheitern der UN-Klimakonferenz. Eine Art Ping-Pong könnte die Folge sein: Wird die Wirtschaftserwartung schlechter, kaufen Menschen oft weniger Autos, was wiederum Prognosen nach unten zieht. Das Wachstumstempo bei den Zulassungszahlen schwächt sich bereits ab. In den kommenden Monaten, wenn der Skandal sich voll auswirkt, wird die negative Tendenz zumindest bei VW stärker durchschlagen. Wolfsburg investiert weniger und spart Milliarden - beides sendet neben unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen auch negative Signale.

Doch glücklicherweise gibt es in der herbstlich-düsteren Betrachtung genug positive Punkte. Gerade im Südwesten stehen vor allem die großen Zulieferer gut da. Sie können Ausfälle oft durch den Abbau von Überstunden und Leiharbeit abfedern. Ihre Abhängigkeit von VW liegt meist unter zehn Prozent. Weltweit werden nicht weniger Autos verkauft - dank der wiedererstarkten USA und trotz Abkühlung in China. Das weltweit stärkste Absatzplus schaffte Daimler.

Auch der Diesel-Motor ist weiterhin attraktiv. Schließlich ist der Treibstoff nach wie vor preiswerter als Benzin, neue Diesel-Technologie tatsächlich sauberer. Nicht wenige Werkstätten und Autozulieferer erwarten Aufträge durch Nachrüstungen aus dem VW-Konzern und neue Technologien. Möglicherweise arbeiten große Hersteller in einer Allianz für Batterien zusammen, die Daimler aber ablehnt. Umweltfreundliche Technologien werden verstärkt gefördert. Die Ratingagentur Moody s erwartet für 2016 überhaupt keine Auswirkungen durch den VW-Skandal auf Zulieferer. Made in Germany hat keinen nachhaltigen Schaden genommen.

Dazu kommt: Das Erinnerungsvermögen potenzieller Käufer ist erstaunlich kurz. Zwar dürfte der Skandal im Hinterkopf sein und vor allem Diesel-Kaufentscheidungen etwa in den USA - auch bei anderen Marken - beeinflussen. Doch andere Skandale haben gezeigt, dass Verbraucher schnell vergessen.

Das Klima wird rauer in der Autobranche. Für einen Orkan braucht es aber trotz allem weitere Skandale. Wenn sich herausstellen sollte, dass andere Hersteller und die Zulieferer selbst betrogen oder davon gewusst haben, wird die Salami in größeren Stücken geschnitten. Dann dürfte es hierzulande so richtig krachen - aber erst dann.

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25.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 25.11.2015, 06:01 Uhr

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