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99 Luftballons

. . . machen „Einsame Menschen“ am LTT noch nicht glücklich

Tübingen. Ibsens „Rosmersholm“ ist besser. Besser als das Stück, zu dem es Hauptmann inspirierte. Die Episode im Eheleben von Hauptmanns Bruder wiederum, die ihn gleichfalls inspiriert haben soll: kennen wir nicht.

03.12.2012

Dafür kennen wir Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“. Und nun auch die gleichnamige Inszenierung am LTT.

Und darum geht es: Johannes Vockerath arbeitet an einer wissenschaftlichen, philosophischen Arbeit. Mit seiner herzensguten, aber einfachen Frau Käthe, die eben entbunden hat, kann er seine Gedankenwelt nicht teilen. Mit seinen Eltern, gottgläubigen Menschen, ebenfalls nicht. Gleichgesinnte Freunde scheint er nicht zu haben. Es gibt nur den Maler Braun: Ein Bohemian (Martin Maria Eschenbach) mit einem gerüttelt Maß an Verachtung für Bürgerlichkeit, Konvention und Wissenschaft, also: für Johannes‘ Welt. Nun aber tritt Anna auf, eine „Studierte“, Intellektuelle, Wesensverwandte. Johannes will diese Verbindung, (deren erotischer Anteil nicht völlig klar wird) aufrecht erhalten. Doch der Druck der Konventionen und die Einsicht des nicht lebbaren Doppels aus Ehe/Wahlverwandtschaft sorgt dafür, dass Anna abreisen muss.

So weit, in groben Zügen, die story aus dem Jahr 1892. Was macht Regisseur Jens Poth 2012 im LTT daraus? Er lässt gleich zu Beginn Johannes nackt auftreten, Braun schlägt ihn in einer Art Vorspiel-Alptraum zusammen. Auch am Ende ist er wieder nackt. So stilisiert die Inszenierung den seiner Hoffnungen beraubten, schutzlosen Prügelknaben Johannes. Was etwas verwundert, denn dazwischen wirkt dieser Johannes mit seinen harschen Tönen gegen seine Frau, seiner Gleichgültigkeit gegenüber seinem Kind und seiner lebenszentralen Superwichtigkeit seiner Arbeit (von der man aber erstaunlich wenig erfährt) nicht gerade sehr einnehmend.

Tatsächlich aber wurde Hauptmanns Drama bei seinem Erscheinen hauptsächlich als Johannes-Drama mit angehängtem Gretchen- Käthe-Drama aufgefasst. Johannes als eine bürgerlich knirschende und schwächliche Spielart der vielen Faust-, Peer Gynt-, und wie sie-noch-alle-heißen-Helden, die als phantastische Übersteigerungen ihrer jeweiligen Autoren das ewige Männer-Ding vom Ausschreiten, Erobern, Abschütteln, Entgrenzen, Werkschaffen durchführen müssen und dabei dem armen Weiblein am Herd oder Mütterlein im Herzen viel Kummer bereiten.

Ein Strich ins Komische

Nimmt man die Emanzipation der Frau, die lockerer gewordenen gesellschaftlichen Konventionen und den Bedeutungsschwund der Religion hinzu, bleibt vom Stück nicht mehr viel zeitlos anderes als der Klassiker: Ein Mann zwischen zwei Frauen. Oder: Einer, der liiert ist, trifft eine, die ihm und der er viel näher steht, mehr geben kann, ganz andere Welten eröffnet.

Tatsächlich wird bei der ersten Begegnung zwischen Johannes und Anna der Raum auf der Bühne mit 99 Luftballons geflutet, nicht liebesroten, sondern sehnsuchtsblauen – die LTT-Bühnenidee des Jahres (Lena Brexendorff), Wendelin Hejny untermalt das mit der rechten „Liebe-auf-den-ersten-Blick“-Musik. Indes: Das Besondere, das zwischen Anna und Johannes sein soll, ist schon im Originaldrama so, dass man den Namen des Autors von Hauptmann in Behauptmann umbenennen wollte. Ja wenn sie sich einmal klasse unterhalten würden, wenn sie mit glühenden Ohren über Johannes‘ Arbeit sitzen würden, wenn man mal sähe, was Anna an Johannes, was Johannes an Anna so findet und hat. Bei Hauptmann ist da: wenig. Und in der Inszenierung: Bleibt alles auf der sensualistischen oder symbolischen Ebene: Ein scheu nach der Hand greifen, ein Luftballonspiel Stirn an Stirn. Blicke. Das muss dann schon reichen.

Man kann dem Regisseur nicht vorwerfen, dass er sich nichts einfallen ließ. Er lässt Johannes in einem Anfall ehelicher Libido seiner Käthe von Anna vorschwärmen. Oder: Er lässt Johannes den Stuhl sich so zurechtrücken, dass man einen Moment lang glaubt, er hiebe nun mit ihm auf seine Mutter ein. Die wiederum lässt er in verschiedenes Licht getaucht als komischen Heimsuchungsalp wiederkehren. Solche Text-Handlungspaarungen stiften Sinn. Der tiefe Bühnenraum und das über den bühnenmittigen Kubus laufende Spiel mit drinnen/draußen – die Inszenierung hat Momente, die greifen. Der Regisseur erlaubt sich sogar den Spaß, jeden der Vockeraths mit einem kleinen abstehenden Haarschüppel zu kennzeichnen, Erkennungsmerkmal einer Familienbande, mit dem die Seriosität der Figuren und die Dramatik der Handlung einen Strich ins Komische erhalten. Patrick Seletzky gibt eine schön wienernde Perle Lehmann, Udo Rau und Hildegard Maier ein wahrlich in Gott ruhendes, kauziges Elternpaar. Julienne Pfeils Käthe ist anrührend tragisch, wie sie spürt, dass sie nicht hinreicht für ihren Mann und so gar nichts eigenes hat, letztlich ja nicht einmal die rechten Muttergefühle. Um Käthe weht mehr Einsamkeit als um Johannes.

Mehr Charisma, mehr Chemie

Von einer Ehe mehr zu erwarten als die Klammer aus Erotik, Konvention und Gewohnheit, der Wunsch, eine tiefere Zweisamkeit leben zu wollen – all das hätte gewiss den Beistand des Publikums. Doch dass Johannes die erotischen Anteile seiner Beziehung zu Anna wegredet, aus egoistischer Naivität beides leben möchte, dabei aber auffallend wenig Aufmerksamkeit und Mitgefühl für seine in den selbtszerstümmelnden Wahnsinn schlitternde Frau entwickelt, mindert unser Mitgefühl. Da hätten ihm Jens Poth und Philip Wilhelmi doch zumindest mehr Charisma und zu Herzen gehende Skrupel mit auf den Weg geben müssen. Oder wenigstens mehr nachvollziehbare Chemie zwischen Anna und Johannes, wie sie in der Abschiedsszene als große, entsagende lovestory auch zu beschwören versucht wurde. Aber dieses bezwingend Einnehmende hatte vorher weder Silvia Pfändners Anna noch Philip Wilhelmis Johannes in Annas Gegenwart. Schade. Peter ertle

Info: Die nächsten Aufführungen von Hauptmanns „Einsame Mensc hen“ am Donnerstag, 6., Freitag,7., sowie am 21. und 27. Dezember jeweils um 20 Uhr in der LTT-Werkstatt.

. . . machen „Einsame Menschen“ am LTT noch nicht glücklich
„Die kleine Anna, der kleine Johannes und die kleine Käthe möchten bitte von ihren Eltern im Spielparadies abgeholt werden.“ Von links: Patrick Seletzky, Silvia Pfändner, Philip Wilhelmi, Julienne Pfeil. Hinten Martin Maria EschenbachBild: LTT

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03.12.2012, 12:00 Uhr

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