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1905 verlegten die Brüder Weil ihren Zeitungsbetrieb in die Uhlandstraße

100 Jahre TAGBLATT-Gebäude

"Von hinten sah das Haus aus wie ein Schloss“, beschreibt Inge Measures ihr Elternhaus in der Tübinger Uhlandstraße 2. Was dieser Kindheitserinnerung der in London lebenden 80-Jährigen die Krone aufsetzt, ist ein längst abgerissener zweistöckiger Turm an der zum Neckar blickenden Nordfassade. Die Architekten Stähle und Fischer hatten ihn, wie es im Baugesuch formuliert ist, „aus ästhetischen Gründen“ dort platziert. Damit sollte im Zusammenspiel mit einer schon vorhanden gewesenen Linden- und Tannengruppe an der Stadtbild prägenden Rückseite des stattlichen Gebäudes eine „malerische Wirkung“ erzielt werden.

01.10.2005
  • Hans-Joachim Lang

Denn der Zeitungsverleger Albert Weil, Großvater von Inge Measures, sowie dessen Bruder Sigmund legten für ihren Neubau nicht nur funktionale Maßstäbe an. Es werde sich aus der Baustelle eine „Zierde der Stadt“ entwickeln, ist beim Richtfest am 15. Juli 1905 zu hören.

Ein halbes Jahr zuvor meldete die „Tübinger Chronik“, dass ein Umzug erforderlich werde, „um Platz für die Aufstellung neuer Maschinen zu schaffen und um den Forderungen, welche die weitere Ausdehnung des Betriebs und des Umfangs der Zeitung, ferner die Zunahme der Zahl der Abonnenten stellen, nachkommen zu können.“ In einem selbst für heutige Betrachter atemraubenden Tempo zog die Baufirma Dannenmann an Stelle einer alten Scheuer den dreieinhalbstöckigen Rohbau für ein Wohn- und Geschäftshaus samt dem einstöckigen Maschinen- und Setzersaal hoch, alles in allem wurden 591 Quadratmeter Grundfläche übermauert. Als sich dann die Bauherren mit den Arbeitern zum Richtschmaus trafen, waren gerade mal 80 Tage Bauzeit vergangen.

Offenbar abschreckend genug

Anfang Februar 1905 hatte der Tübinger Gemeinderat das Baugesuch erstmals auf der Tagesordnung. Er empfahl zwar die Genehmigung, allerdings unter dem anhaltend diskutierten Vorbehalt, dass „über das projektierte außerordentlich hohe Dach“ noch nicht das letzte Wort gesprochen sei.

Im Verhältnis zu den wesentlich niedrigeren Häusern der Umgebung hielten die Stadträte die geplante Höhe von 18,20 Meter für erheblich überzogen. Nur widerwillig, dennoch übereinstimmend, ließen sich die kommunalen Vertreter einer drei Wochen später erfolgten Bauschau von Architekt Stähle davon überzeugen, dass die Reduzierung der Dachhöhe unschöne Konsequenzen für den Baukörper nach sich ziehen würde.

Der Bauherr ließ nämlich wissen, dass er widrigenfalls auf den optisch ansprechenden Zwerchgiebel verzichten und stattdessen den Dachstock als komplette vierte Etage in der zulässigen Höhe ausbauen würde. Die von Architekt Stähle vorgelegte alternative Fassadenzeichnung erwies sich offenbar als abschreckend genug, um lieber an den alten Plänen festzuhalten. Selbst als am Ende der Bauzeit die Spitze des Dachs bei 18,70 Metern angelangt war und damit das zulässige Maximum um 1,70 Meter überragte, verzieh sogar das württembergische Innenministerium den Verstoß, weil für den Über-Bau „nur ästhetische Gründe maßgebend waren“.

Für die 1845 gegründete „Tübinger Chronik“ bedeutete der Umzug aus der Hirschgasse 1 (heute: Betten-Hottmann) in die neuen Räume einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich nicht nur in der vermehrten Auflage, sondern auch in der deutlichen Verbesserung des journalistischen Produkts erkennen lässt.

Noch war die „Tübinger Chronik“ gegenüber dem „Tübinger Tagblatt“ Platzhirsch am Ort, aber dem gesundheitlich angeschlagenen Vorbesitzer Otto Riecker hatte offenbar die Kraft gefehlt, sein Unternehmen rechtzeitig zu modernisieren. In mühsamem Handsatz reihten fingergewandte Setzer, Gehilfen und Lehrlinge bis 1903 die kleinen Bleibuchstaben einzeln in schmalen dreiwändigen Behälter aus Eisen, den so genannten Winkelhaken, den sie in der linken Hand hielten.

Dünne Bleiblättchen zwischen den Wörtern brachten die Zeilen dann auf die gewünschte Breite. Und nachmittags, nach Gebrauch, mussten die Lettern wieder in die vielfächrige Schriftkästen zurück sortiert werden. Alle Arbeiten wurden auf engstem Raum verrichtet. „Selbst im hintersten Winkel, wo weder Mond noch Sonne ihr Licht leuchten ließen, waren noch Arbeitsplätze“, berichtete ein Zeitgenosse über die alten Zustände in der Hirschgasse.

Gesetzt und gedruckt wurde dort im Erdgeschoss. Während beispielsweise beim „Schwarzwälder Boten“ in Oberndorf schon seit 1878 und beim „Reutlinger Generalanzeiger“ seit 1897 eine Rotationsmaschine ratterte, vervielfältigten die Tübinger Zeitungsdrucker um die vorige Jahrhundertwende mit einer Handpresse die Seiten der „Tübinger Chronik“, die schließlich von Lehrlingen und Austrägerinnen verkaufs- und versandfertig gefalzt wurden. Auch ein Schalter befand sich dort parterre, an dem die Abonnenten nachmittags anstanden und die druckfrische Zeitung abholten; denn ausgetragen wurde nur in Außenbezirken und Honoratiorenvierteln. Eine Treppe höher befand sich ein bescheidenes Zimmer für die Redaktion, damals Schriftleitung geheißen.

Otto Riecker wandte sich 1902 nach Ellwangen an Leopold Weil, den langjährigen Vorstand des württembergischen Buchdruckervereins. Er suche für seinen Tübinger Verlag einen Nachfolger, teilte er ihm mit und verknüpfte damit die Anfrage, ob denn nicht dessen beiden Söhne Interesse an neuen Aufgaben hätten.

Albert (geboren 1862) und seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Sigmund kam das Tübinger Angebot offenbar gelegen. Sie hatten zwar 1896 von ihrem Vater die Ellwanger „Jagstzeitung“ übernommen, doch setzte ihnen dort der Verleger der auflagenschwächeren „Ipfzeitung“ mit antisemitischen Attacken zu. Im Herbst 1902 führte Albert Weil mit dem Ehepaar Riecker in Tübingen die Verkaufsverhandlungen, deren erfolgreichen Abschluss Otto Riecker nicht mehr erlebte. Er starb am 28. Oktober 1902 im Alter von erst 41 Jahren.

Zum 1. Januar 1903 übernahm Sigmund Weil den Tübinger Betrieb und führte ihn vorerst in den bisherigen Bahnen, derweil Albert bis Juli gleichen Jahres die „Jagstzeitung“ leitete, deren Verkauf vorbereitete und sofort ebenfalls nach Tübingen wechselte. Nach Fertigstellung des Neubaus in der Uhlandstraße zog er mit seiner Frau, fünf Töchtern und einem Sohn von der Herrenberger Straße 49, wo er sich mit seiner Familie zunächst niedergelassen hatte, in eine geräumige Sieben-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage des Verlagsgebäudes. Sein Bruder fand nach dem Auszug aus der Hirschgasse neuen Wohnraum in der Mühlstraße 20, wo er noch seine verwitwete Schwester Clara mit deren beiden Töchtern aufnahm, die aus München zugezogen waren.

Den frischen Wind, den die Brüder Weil entfachten, weht einem schon aus den Eigenanzeigen des Verlags entgegen. Im März 1904 warb man um Leser mit dem Hinweis, dass die Zeitung „heute kein Unterhaltungsblatt mehr“ sei, um damit die „Langeweile langer Winterabende“ zu verscheuchen. Vielmehr: „Sie ist ein Bedürfnis geworden für den, der stets auf der Höhe der Zeit stehen will.“ Und weil dem so sei, las man zum Jahreswechsel 1905, müssten sich dem auch die nicht-hauptstädtischen Zeitungen in ihrem Inhalt anpassen.

Mit dem Einzug von Verlag samt Druckerei heute vor 100 Jahren konnte in der Uhlandstraße als zweite technische Innovation der neuen Besitzer die erste hiesige Rotationsmaschine in Betrieb genommen werden. Aufgestellt wurde sie im Anbau des Verlagsgebäudes. Schon im Mai 1903 hatten die Verleger – noch im alten Haus – eine Linotype-Setzmaschine (sprich: Lainotaip) eingesetzt, die ins neue Domizil mitgenommen wurde. Nach kurzen Anlaufproblemen ging die Rotationsmaschine noch im Oktober in Betrieb. Gegenüber der vorherigen Schnellpresse, deren Kapazität auf stündlich maximal 3000 Bogen zu vier Seiten bemessen war, schaffte die neue Maschine in der gleichen Zeit 10 000 Bogen zu acht Seiten.

Aufgeschnitten und gefalzt

Da die Setzer mit dem Tempo nicht mehr Schritt halten konnten, kauften die Verleger im Februar 1910 die zweite Linotype. Nach nur 15 Jahren ersetzte Albert Weil – mittlerweile war sein Bruder aus dem Verlag ausgeschieden – die alte Rotation durch eine neue, die pro Stunde 27 000 Zeitungsexemplare zu 16 Seiten, aufgeschnitten und ineinander gefalzt, vom Band schoss. 1927 hatte der Verlag, in dem auch Bücher und Broschüren gedruckt wurden, bereits vier Setzmaschinen im Einsatz. Der erforderliche Platz dafür wurde dadurch gewonnen, dass im Mai 1926 Verlagsleitung, Redaktion (bislang im südwestlichen Eckzimmer) und Werbeabteilung vom Erdgeschoss ins erste Geschoss, die Verlegerfamilie ein Stockwerk höher wechselten. Im ersten Geschoss war außerdem noch Platz für eine Drei-Zimmer-Wohnung, in die der 1924 eingestellte Chef-Fahrer und Hausmeister Emil Schultheiß mit Frau und Kind Walter – der später berühmt gewordene Schauspieler – einzog.

Umbauten erlebte das Verlagshaus seither noch viele. Den ersten – einen einstöckigen Anbau längs des Neckar-Kanals – hatte Albert Weil noch selber veranlasst, ehe er den Verlag am 1. Dezember 1930 an den Ulmer Verleger Höhn verkaufte und ein halbes Jahr später in die Schweiz zog. Es war dies eine frühe Konsequenz aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen Mitte September 1930, bei der die NSDAP den Aufstieg von einer politischen Randpartei (1928: 2,8 Prozent; 1930: 18,3 Prozent) zur zweitstärksten Partei schafften. Schon hatte die Stuttgarter deutschnational orientierte „Schwäbische Tageszeitung“ anlässlich eines Besuchs von General Ludendorff in Tübingen im selben Monat gehöhnt: „Das Blatt der Demokraten, die kapitalkräftige, die seit langem in jüdischen Händen sich befindliche und vom jüdischen Geist beseelte Tübinger Chronik muß erleben, daß man vor einer großen Zahl von Lesern der Tübinger Chronik die Wahrheit über den wahren Geist der jüdischen Rasse redet.“

Albert Weil starb am 24. März in Lengnau/Schweiz. Sein Sohn Hermann, der am 1. Dezember 1930 vom Verlag Höhn als „Chronik“-Geschäftsführer eingesetzt wurde, musste auf Druck der Nazis zum 1. Oktober 1933 seinen Platz räumen; es gelang, ihm rechtzeitig mit seiner Frau Luise und Tochter Inge nach Afrika zu emigrieren. Er starb am 13. Februar 1973 in Leverkusen. Die letzte Stunde der Tageszeitung „Tübinger Chronik“, die 1934 von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet wurde, schlug am 17. April 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der Franzosen. Am 23. September 1945 trat das SCHWÄBISCHE TAGBLATT ihr Erbe an.

100 Jahre TAGBLATT-Gebäude
Fassadenzeichnungen des Architekturbüros Stähle und Fischer aus dem Jahr 1905. Hier die Vorderseite zur Uhlandstraße.

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01.10.2005, 12:00 Uhr

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