Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
11-9-01

Ein faszinierends Dokument der Lebendigkeit des Weltkinos jenseits von Hollywood

Ein faszinierends Dokument der Lebendigkeit des Weltkinos jenseits von Hollywood

11
Frankreich

Regie: Samira Makhmalbaf u.a.
Mit: Mitsuko Baisho,Ernest Borgnine,Tomer Russo

- ab 12 Jahren

Tagblatt-Wertung

Leser-Wertung

rating rating rating rating rating

Film bewerten

rating rating rating rating rating
24.11.2015
  • che

Befinden wir uns in einem Krieg der Kulturen? Im Kino jedenfalls nicht. Statt aufeinander einzuprügeln, haben sich elf renommierte Filmemacher aus aller Welt zusammengetan, um ganz friedlich ihre Sicht auf den Terroranschlag vom 11.September zu dokumentieren. Jeder Beitrag ist - kleine Extravaganz - genau elf Minuten, neun Sekunden und ein Bild lang.

Gemeinsam ist allen Beteiligten der Ekel vor dem Terror und eine (unterschiedlich große) Distanz zu Bush-Amerika. Drei der elf sind sogar bestrebt, eine Art Gegenrechnung zu den Toten von New York aufzumachen. Der Ägypter Youssef Chahine (L'autre) versucht, in einem fiktiven Gespräch mit einem 1983 in Beirut ermordeten US-Soldaten und einem Selbstmordattentäter, die Motive der Wut auf die USA herauszuarbeiten. Die Inderin Mira Nair (Monsoon Wedding) stellt die Islamophobie nach dem Anschlag an den Pranger: Ein verschwundener Pakistani wird als Terror-Komplize bezichtigt, seine Familie drangsaliert. Am Ende kommt heraus, dass er bis zu seinem Heldentod in den Trümmern des WTC Überlebenden geholfen hat. Noch kompromissloser geht der Brite Ken Loach (Bread And Roses) zur Sache. In bester Agit-Prop-Manier erinnert er an einen anderen 11.September, den des Jahres 1973, als in Chile der sozialistische Präsident Salvador Allende (und in den Monaten danach Tausende Pinochet-Gegner) mit Billigung der CIA ermordet wurden. Diese Episode (obgleich nicht schärfer als eine ähnliche in „Bowling for Columbine“) soll den Film einen Verleih in den USA gekostet haben.

Stilistisch erstreckt sich das Paket über die gesamte Bandbreite filmischer Möglichkeiten - vom konventionell erzählten Spielfilm (Idrissa Ouedraogo aus Burkina Faso) bis zum radikalen Experiment (Alejandro Iñárritu aus Mexiko). Im witzigsten Beitrag berichtet Ouedraogo von einer Handvoll Jungs, die auf dem Markt der Hauptstadt Ouagadougu Osama bin Laden erspäht zu haben glauben. Die Millionen-Belohnung vor Augen, verfolgen sie den Top-Terroristen auf Schritt und Tritt. Am Ende des Tages stehen sie zwar mit leeren Händen da, haben aber viel fürs Leben gelernt. Iñárritu (Amores perros) beschränkt sich auf eine Schwarzblende, die nur gelegentlich von Blitzlichtern der von den Türmen stürzenden Menschen durchzuckt wird. Auf der Tonspur kann man aus einer fast lyrischen Kakophonie Handy-Gespräche der Flugzeug-Geiseln heraushören. Dieses selbst auferlegte Bilderverbot wirkt aber, zumal man dabei an Auschwitz denken muss, doch etwas verstiegen.

Direkt an den Ort des Terrorgeschehens wagen sich nur zwei Filme heran. Beide spielen in dem WTC benachbarten Wohnhäusern. Claude Lelouch erzählt von einer tauben Frau, die erst angesichts ihres entstellten Geliebten das Inferno wahrnimmt. Dass die Katastrophe auch Hoffnung gebären kann, zeigt sehr poetisch Sean Penn (Das Versprechen): In das dunkle Kabuff eines einsamen alten Manns fällt nach dem Zusammenbruch der Türme plötzlich grelles Sonnenlicht.

Fast alle Teilstücke dieses faszinierenden Projekts reflektieren die subjektiven Erfahrungen und Empfindungen ihrer Macher. Einzig der japanische Altmeister Shohei Imamura traut sich aufs Terrain der politischen Analyse. Am märchenhaften Beispiel eines Soldaten, der eine Schlange zu sein glaubt, verweist er auf die Kontinuität der Entmenschlichung im Namen der Ideologie von den faschistischen Raubzügen bis zum Djihad. Entscheidende Frage: „Ist es so schlimm, ein Mensch zu sein?“

Man mag diese oder jene Episode für naiv, eitel, arrogant oder ungerecht halten. Zusammen sind sie dennoch ein Beweis für den Reichtum und die Lebendigkeit des gegenwärtigen Weltkinos, das über die politischen und sozialen Verhältnisse in der Welt nicht mehr hinwegsehen möchte. Nicht zuletzt ist „11’09’’01“ auch ein Gegenentwurf zu jener von der Wirklichkeit abgeschotteten Trutzburg mittelmäßiger Fantasie namens Hollywood.

Die hier nicht erwähnten Beiträge stammen vom Israeli Amos Gitai (Kadosh), dem Bosnier Danis Tanovic (No Man's Land), und der Iranerin Samira Makhmalbaf (Schwarze Tafeln).

Spielplan

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 21.07.2009, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.

Kino Suche im Bereich
nach Begriff
Anzeige