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Blick hinter die „Lügenpresse“

13 Masterstudentinnen der Medienwissenschaften schrieben gemeinsam ein Buch

Wie viel Meinung gehört in eine Zeitung? Wie nüchtern muss Berichterstattung sein? Und wie geht es mit der Medienwelt weiter? Diese und andere Fragen stellten sich 13 Tübinger Masterstudentinnen der Medienwissenschaften in Essays – der Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer gibt sie gesammelt als Medienreport heraus.

05.11.2015
  • Lorenzo Zimmer

Tübingen. In Zeiten von Blogs und Social Media hat sich der Journalismus gewandelt. Am PC, Tablet oder Smartphone kann mittlerweile jeder in die Rolle eines Reporters schlüpfen und über Gesehenes oder Erlebtes einen Bericht schreiben, es kommentieren und für andere werten. Parallel dazu ist das Vertrauen der Bevölkerung in die etablierten Medien – egal ob Print, TV oder Hörfunk – massiv gesunken. Der Begriff der „Lügenpresse“ wurde weit über die Pegida-Marschierer hinaus zum Symbolbegriff für das Misstrauen gegenüber Journalisten.

Doch wie arbeiten Journalisten? Und wie können sie in Zukunft besser, transparenter, näher am Konsumenten informieren? Dieser Frage nahmen sich 13 Tübinger Master-Studentinnen der Medienwissenschaften in einem Lehrforschungsprojekt an. Herausgekommen ist ein 239-seitiges Buch mit dem Titel „Hinter den Zeilen“. Autorinnen, Herausgeber und Verleger stellten es gestern beim Presseclub vor.

Die Autorinnen sind alle Mitte zwanzig, haben Betriebswirtschaft, Politologie oder Kommunikationswissenschaft studiert. Nach fünf Studienjahren tauschten sie Schreibtisch und Hörsaal gegen Notizblock und Aufnahmegerät. Schauten Medienmachern in die Karten und schlüpften selbst in die Rolle von Journalisten.

Jacqueline Andres führte etwa eine kleine Studie durch, wie Medien vor allem von jüngerem Publikum genutzt werden: „Ich war an zwei Gymnasien und einer Realschule und sprach mit den Schülerinnen und Schülern über ihre Mediennutzung“, sagt Andres. Dabei gewann sie den Eindruck, dass Printmedien keineswegs dem Tod geweiht sind: „Gerade die jüngeren Leser wünschen sich mehr Kommentare, mehr Menschlichkeit in den Texten.“

Juliane Kessler widmete sich in ihrem Essay dem Investigativ-Journalismus. Bei ihrer Recherche über Geldwäsche-Enthüllungen rutschte sie selbst in die Nachforschungen zu einem neuen Fall hinein – flickte ihre Erkenntnisse in ihren Bericht mit ein. „Es war unheimlich spannend“, sagt sie heute.

Auch ihre Kollegin Svenja Müller beschäftigte sich mit Justiz-Journalismus, überprüfte das Verhalten der Medien gegenüber mutmaßlich Kriminellen: „Anhand des Falls eines Gorilla-Masken-Bankräubers sprach ich mit Journalisten, die über den Raub schrieben“, sagt Müller. Dabei interessierte sie sich besonders für die unterschiedliche Darstellung der mutmaßlichen Täter in den Medien. Oft stünde ein öffentliches Urteil schon lange fest, bevor alle Fakten klar sind: „Journalisten haben mit ihrer Darstellung in solchen Fällen eine große Verantwortung“, resümiert die Studentin.

Laura Matz befasste sich mit den in der Öffentlichkeit diskutierten Fällen von Gustl Mollath oder Josef Blatter und der teilweise sehr unterschiedlichen medialen Darstellung. „Für mich blieb bis zum Schluss spannend, wie ein Journalist zum einen und ein anderer zu einem anderen Ergebnis kommt“, sagt sie heute. Dabei sei stets wichtig, dass man die vertretene Meinung gut recherchiert habe und argumentativ vertreten könne.

Mitherausgeber und Medienwissenschaftsdozent Rainer Nübel sieht in dem Buch einen großen Mehrwert für Medienschaffende – aber auch Konsumenten: „Das Misstrauen gegenüber den Medien ist einer Demokratie wie der unseren durchaus gefährlich“, sagt er. „Das müssen wir Medienmacher uns selbst an das Revers heften, denn es mangelt schlicht an Transparenz“, so der 56-jährige Germanist und Historiker.

Mitherausgeber Frank Brunner betreute die Studentinnen eng bei ihrer Arbeit: „Wir haben uns jede Woche getroffen, über Fortschritte gesprochen, Konzepte erstellt und wieder umgeworfen“, beschreibt er die Arbeitsweise. Verleger Hubert Klöpfer zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden: „Die Qualität der Texte ist enorm hoch. Die Studenten dachten sehr analytisch und hatten einen inneren Antrieb, hinter die Kulissen zu schauen.“

Kollegiale Ebene mit dem Leser

Für ihn sei es besonders wichtig, dass das Buch keinen herablassenden Tonfall hat: „Es erklärt dem Konsumenten oder Neulingen die Medienwelt auf Augenhöhe“, sagt er. Für diesen Zweck seien junge Autorinnen viel geeigneter als Journalisten, die schon lange in diesem Bereich arbeiten: „Es hat eben nicht diesen Touch ,Wir erklären euch die Welt‘, sondern schafft eine kollegiale Ebene mit dem Leser.“

Bilder: Zimmer

13 Masterstudentinnen der Medienwissenschaften schrieben gemeinsam ein Buch
Laura Matz

13 Masterstudentinnen der Medienwissenschaften schrieben gemeinsam ein Buch
Juliane Kessler

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05.11.2015, 12:00 Uhr

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