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Repräsentanten von Fortschritt und Technik

150 Jahre Bahnhöfe in Tübingen und Rottenburg

Im Jahr 1861 wurde Tübingen an das württembergische Eisenbahnnetz angeschlossen. Die Bahnhöfe entlang der Strecke Reutlingen – Rottenburg erinnern bis heute als steinerne Zeitzeugen daran.

11.06.2011
  • axel habermehl

Tübingen. Als Mark Twain im Jahr 1878 auf einem Floß den Neckar bereiste, standen sie schon allerorten und „warteten nur noch auf die Schienen und auf den Verkehr“, wie der große amerikanische Autor in „A Tramp Abroad“ (1880) schreibt. „Sie sahen so schmuck und niedlich aus, wie man sie sich nur wünschen konnte“, ist dort zu lesen. Tatsächlich sprossen überall, wo seit 1843 nach und nach die Gleise der Schwäbischen Eisenbahn verlegt wurden, auch die Bahnhöfe und Haltestationen aus der Erde.

Damals ragten die Neubauten am Stadtrand noch als „architektonische Repräsentanten von Fortschritt und Technik“ aus ihrer Umgebung heraus, wie der Historiker Stefan Hammer schreibt. Heute sind es „technikgeschichtliche Denkmäler“, zugleich ununterbrochen und von fast jedem benutzt. Bahnhöfe, die gemauerten Symbole von Wegfahren und Heimkehren, scheinen den Menschen ans Herz gewachsen. Das legen auch die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 nahe.

Die Erfindung der Eisenbahn war ein historischer Meilenstein. Wer will, ist heute von Tübingen aus per Bahn in 45 Minuten in Stuttgart und von da aus bald in jedem anderen Winkel Europas. Noch vor 150 Jahren sah das anders aus. Damals fuhr man stundenlang und wenig komfortabel per Kutsche in die Landeshauptstadt – das ärgerte nicht nur Fernreisende und Händler, sondern auch die Honoratioren der Tübinger Universität. Diese strebten in die Landeshauptstadt, um an deren Kulturangebot teil zu haben. Die Eisenbahn erschloss die deutsche Provinz, beförderte die Industrialisierung und demokratisierte das Reisen ebenso, wie sie es beschleunigte: Eine knappe Stunde fuhr man im Eröffnungsjahr 1861 mit der Bahn von Reutlingen über Tübingen nach Rottenburg. Im Zeitalter der Fußmärsche und Kutschfahrten trotzdem ein immenser Fortschritt.

Kein Wunder also, dass die Freude groß war, als die Eisenbahn Tübingen erreichte. Am 12. Oktober 1861 wurde feierlich die kurz zuvor fertiggestellte Bahnstrecke Reutlingen – Rottenburg eröffnet: „Tubinga, laß von deinen stolzen Höhen / im Sonnenglanz die Freudenfahnen wehen / von deines Schlosses Wall in Donnertönen / weithin ins Land die Festessalven dröhnen / denn angebrochen ist der Tag des Glücks“, schrieb die Tübinger Chronik an jenem Tag in einem großen Jubelgedicht auf der Titelseite. Das ganze Volk war auf den Beinen, Reden wurden gehalten, die Städte waren festlich geschmückt.

150 Jahre Bahnhöfe in Tübingen und Rottenburg
Die Nordseite des Tübinger Hauptbahnhofs – wahrscheinlich fotografiert in den 1920er Jahren. Der Gebäudeteil rechts mit den Säulen, der heute die Gaststätte und die zu den Gleisen führende Durchgangshalle beherbergt, wurde erst in den Jahren zwischen 1911 und 1916 angebaut. Nur der historische Teil (links) stammt aus dem Jahr 1861.Bild: Stadtarchiv Tübingen

1844, ein Jahr, bevor im Schwäbischen die ersten Gleise verlegt wurden, hatte Württembergs König Wilhelm I. ein Gesetz erlassen, wonach neben der geplanten Hauptachse Heilbronn – Stuttgart – Ulm – Friedrichshafen auch der Bau von Zweigstrecken möglich war. Unter anderem betonten die Beamten damals auch die „Bauwürdigkeit“ der Linie Reutlingen – Rottenburg. Hätte Wilhelm I. auf Friedrich List, einen der Väter des deutschen Eisenbahnwesens gehört, hätte Württemberg statt einer Nachzügler- eine Vorreiterrolle einnehmen können.

Der 1789 in Reutlingen geborene List fiel aber als zu kritisch und fortschrittlich denkender Abgeordneter schon 1820 im Landtag negativ auf, wurde schließlich zu Festungshaft verurteilt und musste 1825 in die USA emigrieren. Dort entwickelte er Pläne für ein deutsches Eisenbahnsystem. Erst 1832 kehrte List zurück nach Deutschland – und zwar als amerikanischer Konsul. Nach Württemberg aber kam er nicht mehr, stattdessen ließ er sich in Leipzig nieder und bereitete dort der Eisenbahnstrecke Leipzig – Dresden den Weg. Diese Trasse, 1839 eröffnet, wurde später zum Vorbild vieler anderer Eisenbahnlinien.

Doch den frühen „Zug“ hatte Württemberg verpasst und sprang erst in den 1840er Jahren auf ihn auf. Der damals schon über 60-jährige Wilhelm I. und seine „Eisenbahnkommission“ wollten das Land so zum einen mit seinen Nachbarstaaten verbinden – das war für das rückständige Agrarland Württemberg von großer handelspolitischer Bedeutung. Zum anderen leiteten den König zentralistisch-territorialpolitische Beweggründe. Gerade durch die geplanten Nebenlinien wollte Wilhelm die in den Jahrzehnten zuvor neugewonnenen Gebiete stärker an sein Kernland anbinden. Rottenburg beispielsweise war ja erst 1805, im Zuge der napoleonischen Kriege vom habsburgischen Vorderösterreich an Württemberg gefallen. Des Königs Plan ging übrigens auf: In der Bischofsstadt waren die Freudenfeiern zur Eröffnung der Bahnstrecke offenbar so gewaltig, dass 14 Tage später der greise Wilhelm I. persönlich im Sonderzug die Stadt besuchte. Sicherlich auch eine herrschaftsfestigende Maßnahme.

Aber die Schwäbische Eisenbahn kam im deutschen Vergleich recht spät in die Provinz: Erst 1857 hatte der König ein Gesetz erlassen, das den Bau der Strecke von Plochingen nach Reutlingen beschloss, 1858 wurde die Verlängerung nach Rottenburg vereinbart. Schon ein Jahr später – nachdem ein Heer von Arbeitern tausende von Planken und Schienen verlegt hatte – war der erste Abschnitt der „Oberen Neckarbahn“ fertig. Im September 1859 fuhr die Bahn zum ersten Mal in den von dem jungen Architekten Josef Anton Schlierholz entworfenen Reutlinger Bahnhof ein.

Wieder zwei Jahre später führten die Gleise bis nach Tübingen und Rottenburg, und am 12. Oktober 1861, vormittags um 11 Uhr war es endlich so weit: Zu Festmusik und unter den Hochrufen tausender Zuschauer erreichte die Lokomotive „Enz“ mit Waggons voller Honoratioren den kurz zuvor fertiggestellten Tübinger Bahnhof. Auch diesen hatte der erwähnte Josef Anton Schlierholz geplant, ein bei der staatseigenen „Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft“ angestellter Architekt. Das großzügige, zweistöckige Gebäude, das ursprünglich übrigens nicht verputzt war, war mit seinen damals noch offenen Arkaden an der Nordseite schon in jenen Jahren ein ziemlich repräsentativer Bau. Der in Tübingen begrabene Kunsthistoriker Georg Dehio erkannte in ihm „Formen der italienischen Frührenaissance“. Auch am Rottenburger Bahnhof erkennt man im Erdgeschoss die Rundbögen.

Die Eisenbahn war, auch wenn ihr Bau vom König angeordnet war, eine bürgerliche Leistung. Kein Wunder also, dass Schlierholz und seine Kollegen Inspirationen in den Bauten italienischer Stadtrepubliken suchten. Die meisten Bahnhöfe aus diesen frühen Jahren der Schwäbischen Eisenbahn haben sich bis heute kaum verändert. Der Tübinger Bau hat trotz An- und Umbauten zwischen 1901 und 1916 sein Gesicht bewahrt, auch der Rottenburger Bahnhof wurde kaum angetastet. Nur die Städte sind inzwischen um die Zeugen aus Stein herumgewachsen.

Info:

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150 Jahre Bahnhöfe in Tübingen und Rottenburg
Als noch die Dampflok fuhr: Zug- und Bahnhofspersonal vor dem Rottenburger Bahnhof. Das Aufnahmedatum ist unbekannt.Bild: Stadtarchiv Rottenburg

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11.06.2011, 12:00 Uhr

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