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Das Dampfross brachte die Industrie in den Ort

150 Jahre Eisenbahn in Kirchentellinsfurt

Am 12. Oktober 1861 lief die girlandengeschmückte Lok „Enz“ zum ersten Mal in Kirchentellinsfurt ein. Peter Maier gab einen Rückblick über 150 Jahre Eisenbahn im Ort.

16.10.2011
  • Madeleine Wegner

Kirchentellinsfurt. „Komm Weib, steig ein“, interpretierte der schwäbische Volksmund gern die Abkürzung „K.W.St.E.“. Die „Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen“ erreichten im Oktober 1861 durch den Bau der Strecke Reutlingen – Rottenburg auch Kirchentellinsfurt.

„Vor 150 Jahren hat in Kirchentellinsfurt die Neuzeit begonnen“, sagte Bürgermeister Bernhard Knauss am Mittwoch im Rittersaal des Schlosses. Hier hielt Peter Maier unter dem Titel „Kirchentellinsfurt wird mobil“ auf den Tag genau 150 Jahre nach der festlichen Eröffnung der Bahnlinie einen Vortrag zur Geschichte der Eisenbahn im Ort und in Württemberg allgemein.

„Württemberg war relativ spät dran“, sagte Maier den gut 40 Zuhörern. Die ersten deutschen Eisenbahnen fuhren bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In Württemberg gab es zunächst vier Hauptbahnen: Von Stuttgart aus führte die Ostbahn Richtung Ulm, die Südbahn zum Bodensee, die Nordbahn nach Heilbronn und die Westbahn nach Bruchsal und damit nach Baden.

„Die Eisenbahn bedeutete für Württemberg eine erhebliche finanzielle Belastung“, sagte Maier: Der Bau sei hauptsächlich aus Anleihen finanziert worden, der Schuldenstand so von 20 auf 63 Millionen Gulden gestiegen. „Nach dem Bau der vier Hauptbahnen trat gewisse Ermattung ein“, so Maier.

Doch nach den Verhandlungen mit Bayern, Baden und – durch die Hohenzollern – Preußen, ging der Bau der Oberen Neckarbahn von Reutlingen über Tübingen nach Rottenburg relativ schnell. Die 24,9 Kilometer lange eingleisige Strecke war geplant und ihr Verlauf politisch weniger stark umstritten als der zwischen Plochingen und Reutlingen.

9.000 Schwellen herangeschafft

Ende November 1858 ging ein Schreiben an Wannweil, das die Bewohner anwies, den Zugang zu den vom Bau der Strecke betroffenen Grundstücken zu gewähren. Außerdem wurde mit dem Schreiben das Ausreißen der bereits aufgestellten Pfähle verboten. Maier folgerte: „Dieses Verbot hätte es nicht gegeben, wenn nicht schon zuvor welche ausgerissen wurden.“

Allein 9.000 Schwellen mussten vom Materiallager am Bahnhof Reutlingen aus zum Bau der Strecke herangeschafft werden, dafür wurde Akkordarbeit ausgeschrieben. 1860 empfahl die Tübinger Chronik einen Spaziergang auf der Strecke an einem schönen Herbsttag.

Auch von den fleißigen Arbeitern wird berichtet, die dem Dampfross eine neue Bahn bereiten würden. Elf Stunden arbeiteten sie täglich am Bau der Strecke, im Sommer bereits ab fünf Uhr früh. Unter den Arbeitern waren auch Frauen – „vermutlich für Verpflegungsdienste“, meinte Maier.

Auch Kirchentellinsfurter arbeiteten mit an der Strecke, etwa der Schmied Christoph Ott, der als Bahnwärter 1876 auf der Strecke (Gemarkung Lustnau) tödlich verunglücken sollte. Eines der ältesten Fotos aus Kirchentellinsfurt zeigt ihn stolz in Bahnwärter-Uniform im Kreis seiner Familie.

So mancher Arbeiter habe unfreiwillig ein Bad in der Blaulach genommen, durchaus „zum Ergötzen der anderen“, berichtet die „Tübinger Chronik“. Doch nicht nur lustig ging es unter den Arbeitern zu: Von „Rohheit und blutiger Misshandlung“ war ebenfalls die Rede: Bei einem Saufgelage am Zahltag der Eisenbahnarbeiter wurde ein junger Bursche bei Händeln tödlich verletzt.

Doch am 12. Oktober 1861 lief schließlich die festlich geschmückte Lok „Enz“ mit angehängtem Personenwagen zum ersten Mal in Kirchentellinsfurt ein. Die Bewohner schrieben eigens ein Festgedicht, das junge Mädchen an diesem Tag vortrugen.

Am 15. Oktober nahm die Obere Neckarbahn dann den regulären Betrieb auf. Mobilität und Pendlerverkehr brachte das Dampfross. Für das Gut Einsiedel war Kirchentellinsfurt der nächst gelegene Bahnhof zum Transport der Landwirtschaftsgüter. Außerdem ermöglichte der neue Anschluss an das Eisenbahnnetz die Ansiedlung von Industrie. 1872 gab es die erste Fabrik im Ort.

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16.10.2011, 12:00 Uhr

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