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Spiegeln lassen lohnt sich

150 kamen zum ersten Rottenburger Leber-Darm-Tag

Zehntausende Darmkrebs-Tote ließen sich retten, wenn von der Möglichkeit der Vorsorgeuntersuchung mehr Gebrauch gemacht würde. Das sagte Gastroenterologe Peter Nagel beim ersten Rottenburger Leber-Darm-Tag am Samstag in der Festhalle.

28.09.2010
  • willibald ruscheinski

Rottenburg. An die 150 Menschen, unter ihnen nicht wenige Patienten, kamen zur Publikumsveranstaltung des Gastroenterologischen Zentrums Rottenburg, bei der neben sechs Themen-Vorträgen sich auch Selbsthilfegruppen, Kassen und Pharmahersteller präsentierten. Vor ihnen brach Peter Nagel eine Lanze für die Darmspiegelung: „Es gibt in der Inneren Medizin keine Untersuchungsmethode, die mit ähnlicher Verlässlichkeit vor Krebs schützt.“

Was die Kassen ab 55 als Vorsorgemaßnahme bezahlen, wird laut Nagel aber noch von zu Wenigen in Anspruch genommen, pro Jahr derzeit von höchstens 5 Prozent der Berechtigten. Dabei ist Darmkrebs mit 70 000 Neuerkrankungen jährlich und 30 000 Sterbefällen die zweithäufigste Krebserkrankung. Und der verbreitetere Papierstreifen-Stuhltest entdeckt höchstens 30 Prozent aller Karzinome. Die Coloskopie ist, wenngleich für den Patienten nicht übermäßig angenehm, da wesentlich erfolgreicher. Denn sie bietet die Möglichkeit, Darmpolypen zu finden und zu beseitigen, aus denen 90 Prozent aller bösartigen Geschwulste entstehen.

Um Erkrankungen der Leber und Gallenblase war es zuvor im ersten Teil der Veranstaltung gegangen. Stefan Strahl vom Gastroenterologischen Zentrum kündigte in seinem Vortrag eine „Revolution“ an, vor der die Medizin bei der Behandlung von Hepatitis C stehe – dank neuer Medikamente, die derzeit noch in der Erprobung sind und erst kommendes Jahr freigegeben werden.

Während Hepatitis B nach wie vor nicht heilbar ist, schaffen es individualisierte, also speziell auf die Verhältnisse eines bestimmten Patienten zugeschnittene Therapien, die Erfolgsrate bei der Heilung von Hepatitis C von früher 40 auf derzeit rund 60 Prozent zu steigern. Mit den neuen Wirkstoffen, hofft Strahl, könnten es künftig an die 80 Prozent sein, bei denen es gelingt, das Virus dauerhaft aus der Leber zu eliminieren.

322 Lebern hat das Transplantationszentrum des Universitätsklinikums Tübingen bisher Patienten eingesetzt, berichtete dessen Leiter Silvio Nadalin. Hauptursache nicht weltweit, aber in Deutschland ist eine Zirrhose nach übermäßigem Alkoholkonsum, zunehmend aber auch wegen starken Übergewichts.

Wer bekommt eine Spenderleber? Seit 2006, so Nadalin, gilt ein Punktesystem, das die Wartezeit weniger stark bewertet als früher, stattdessen „die Wahrscheinlichkeit, ohne Lebertransplantation in den nächsten drei Wochen zu sterben.“ Eine „objektiv tragische Situation“ bleibe allerdings der Mangel an Organspendern, verschärft durch die zunehmende Alterung der Gesellschaft.

Eine Lösung kann es laut Nadalin sein, künftig mehr „Marginallebern“ zu verpflanzen von Spendern, die älter sind als 65 Jahre. Kleine Kinder mit angeborenen Gallengangsdefekten könnten mit Split-Transplantationen gerettet werden – auch, indem sich Erwachsenen ein Drittel ihrer Leber entfernen lassen, ohne dauerhafte Gefahr für den Spender selbst. Bislang machen das hierzulande aber höchstens vier Zentren: „Deutschland“, stöhnte Nadalin, „ist in diesem Punkt ein Disaster“.

Mit Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa kann man leben

Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa, beides chronisch entzündliche Darmkrankheiten (CED), sind zwar noch nicht heilbar, aber auch nicht lebensverkürzend. „Bei richtiger Therapie können Patienten so weit beschwerdefrei gehalten werden, dass eine vernünftige Lebensqualität möglich ist“, sagt der Rottenburger Gastroenterologe Friedrich Dreher, ein bundesweit anerkannter CED-Spezialist.

Auch für die Diagnostik dieser Krankheitsbilder ist die Darmspiegelung unverzichtbar. Mit Medikamenten behandelt werden die periodisch auftretenden Schübe der Krankheiten, vorbeugende Maßnahmen sind hingegen nur in schwereren Fällen nötig.

Noch nicht zweifelsfrei geklärt ist die Ursache der CEDs. „Wahrscheinlich sind es keine Autoimmunerkrankungen“, sagt Dreher: „Eher schon handelt es sich um Störungen der Barriere zwischen Innen- und Außenwelt. Dann gehen Bakterien und andere Stoffe durch, auf die der Körper reagiert.“

150 kamen zum ersten Rottenburger Leber-Darm-Tag
Wie in diesem begehbaren Modell sieht es zum Glück nur in den wenigsten Dickdärmen aus. Zu Fuß konnte man am Samstag Bekanntschaft mit Karzinomen (vorn links), gestielten Polypen (rechts) oder chronischen Entzündungen (hinten) schließen.Bild: Ulmer

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28.09.2010, 12:00 Uhr

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