Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Früher war der Krämer auch der Finanzier

1842 eröffnetes Kaufhaus versorgte einst die ganze Gegend

WALDDORF. Das Kaufhaus Löffler-Schweiker ist heute noch eine Adresse für Eisenwaren, Unterwäsche und Haushaltsartikel. In seiner langen Geschichte gab es aber auch schon Zeiten, da versorgte das kleine Kaufhaus ganz Walddorf und die umliegenden Dörfer mit allem Lebensnotwendigem.

30.01.2002
  • Nina Maslowski

Wenn Otto Löffler in der Vergangenheit wühlt, ist das nicht nur eine staubige Angelegenheit. Erst einmal muss der 75-jährige Textilkaufmann die vielen alten Holztreppen des verwinkelten Hauses, Baujahr 1829, hinaufsteigen bis zum Raum unterm Giebel. Dort lagern wahre Schätze: Truhen voller Bücher, die einen Teil der Geschichte des 160 Jahre alten Kaufhauses erzählen.

Wieder aufgebaut, hat das Anwesen einst der Feldmesser und Gemeinderat Johann Georg Nagel, der von 1837 bis 1854 auch Bürgermeister von Walddorf war. Löffler hat es schriftlich: 1842 wurden dort die ersten Eisenwaren verkauft. Als Nagel starb, übernahm dessen Sohn Georg Ludwig das Geschäft. Im Februar 1867 wurde der Kaufmann ins Handelsregister eingetragen.

Was damals alles über den Ladentisch wanderte, kann Otto Löffler den Waren-Eingangsbüchern entnehmen: 1888 wurden bei der Tübinger Firma Schneider 23 Pfund Schweizerkäse und mehrere Gläser Tafelsenf bestellt. Die Reutlinger Buchhandlung Palms lieferte Sommerfahrpläne und fünf Exemplare „Chronik der Zeit“. Alles fein säuberlich handschriftlich vermerkt. „Hoch interessant“ findet das Löffler, der immer noch die Büroarbeiten für das Kaufhaus erledigt, welches inzwischen Tochter und Schwiegersohn betreiben.

Und die Geschäfte gingen damals gut, was sich daraus schließen lässt, dass Nagel 1886 anbaute. Der etwa 90 Quadratmeter große Vorbau dient heute noch als Verkaufsraum. Zwölf Jahre später starb Nagel, und nachdem 1907 seine Frau Anna Maria Kuon nach Forbach umzog, übernahm der Kaufmann Albert Gulden den Laden.

Nach nur sechs Jahren starb auch er. Sein Bruder Julius Gulden führte fortan das Geschäft. 1949 ging das Kaufhaus an die einzige Tochter Gertrud Gulden, die die Geschäfte sieben Jahre später pachtweise an die Kaufmanns-Eheleute Löffler abgab. „Damals hat es hier noch keine zehn Autos gegeben“, erinnert sich Otto Löffler. „Die Leute kamen bis von den Fildern, um bei uns zu kaufen“, weiß seine Frau Hilde Löffler. 1960 übernahmen sie dann das Anwesen.

Im Jahre 1888 bestellte Kaufmann Nagel insgesamt 2,8 Tonnen Backsteinkäse, hat Löffler einmal ausgerechnet. Abgefüllt wurden die Waren in „Duten“ (Tüten) aus dem Reutlinger Bruderhaus. Ein anderes Buch, in dem Löffler „stundenlang stöbern“ könnte, ist ein Schuldenbuch von 1842. Die Tauschgeschäfte von damals — etwa stundenweise ein Pferd gegen Steigeisen — sind darin genauso aufgeführt wie Einkäufe des Schulmeisters oder der Gemeindepflege Walddorf auf Pump.

Löffler weiß: „Der Krämer war der Finanzier; alle haben hier gekauft. Die Leute sind ja nicht fortgekommen. Das hat sich inzwischen geändert, genauso wie das Sortiment des Hauses. Von dem einstigen Gemischtwarenladen sind Eisenwaren, Unterwäsche und Haushaltswaren übrig geblieben. Vor 26 Jahren gab das Kauf-mannsehepaar den Verkauf von Lebensmitteln, Stoffen und Wolle auf. Auch das landwirtschaftliche Sortiment schrumpfte. Im Lager hängen nur noch wenige Kuhketten, Holzrechen und Hacken.

Im hinteren Teil des Kaufhauses war einst für 13 Jahre (1889 bis 1902) eine kleine Poststelle untergebracht. Posthalter war Georg Ludwig Nagels Sohn Karl Eugen. Mittels eines fünfsitzigen einspännigen Wagens wurde die Post zwei mal täglich nach Kirchentellinsfurt transportiert. Heute ist die Post auf der anderen Straßenseite untergebracht.

Hinter dem Verkaufsraum finden sich außer den verstaubten Büchertruhen noch jede Menge andere Relikte vergangener Zeiten: ein meterlanger Ladentisch, darauf eine Waage, Warenkommoden mit unzähligen kleinen Schubladen mit Porzel-langriffen und sogar zwei Schaufensterpuppen — wie im Museum. „Das dient uns alles noch als Lagerraum“, so Tochter Margarete Löffler-Schweiker.

Die 46-Jährige übernahm 1991 mit ihrem Mann von den Eltern das Geschäft. Doch die Hoch-Zeiten sind vorbei. Die Konkurrenz — Fabrikverkäufe, große Möbelhäuser und Baumärkte — wirke sich schon aus. Auch, dass im Dorf insgesamt weniger Läden seien, erweise sich als ungünstig fürs Geschäft. „Wir haben keine Ortsmitte“, weshalb es nur wenig Laufkundschaft gebe. „Es ist halt viel Arbeit“, sagt sie. Dazu gehört auch, alle Akten auf den Speicher zu tragen. „Das ist dann irgendwann ein neues Stück Geschichte“, lächelt Margarete Löffler-Schweiker.

1842 eröffnetes Kaufhaus versorgte einst die ganze Gegend
Otto Löffler blättert in Büchern aus dem vorletzten Jahrhundert und findet es „hoch interessant", was darin alles vermerkt ist: der Eingang von Tafelsenf zum Beispiel, von Sommerfahrplänen und Backsteinkäse. Mit seinen 75 Jahren kümmert er sich immer noch um die Büroarbeiten des Walddorfer Kaufhauses.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

30.01.2002, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball