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Als der Wundarzt die Post betrieb

1888 sollte das Postamt in eine Agentur umgewandelt werden

BODELSHAUSEN (slo). Daß die Post in Bodelshausen ihre Filiale auflösen und dafür eine Agentur einrichten will, ist eigentlich ein uralter Hut: Vor 110 Jahren hatte das Staatsministerium für auswärtige Angelegenheiten dieselbe Idee. Damals war die Post noch königlich, durfte also nicht selber entscheiden, was mit ihren Ämtern und Stationen passiert. Immerhin aber fragte das Ministerium bei der „Königlichen Generaldirektion der Posten und Telegraphen“ an, ob denn die Umwandlung des Postamts Bodelshausen in eine Agentur nicht angezeigt wäre.

06.07.1998

Der Anlaß für die Frage war der plötzliche Tod des Wundarztes Carl Heinrich Horber. Der war seit 1869 für die Post im Flecken zuständig, vorher gab es keine Poststelle im Ort. Zunächst war Horber „Postablage-besorger“, und seit 1871, nachdem die Postablage in eine „Postexpedition“ umgewandelt worden war, als „Postexpeditor“ tätig.

Für den Wundarzt war das eine nette Nebenbeschäftigung, die ihm immerhin zunächst 200, später sogar 500 Gulden jährlich einbrachte. Hatte er keine Zeit für die Post, weil er bei einem Patienten war, besorgte seine Frau Rosine das Geschäft. Außerdem gab es noch den Briefzusteller und Landboten Friedrich Blessing, der ebenfalls seit 1869 für die Post arbeitete — als Privatmann allerdings. Praktischerweise war das Postamt übrigens in Horbers Haus untergebracht.

1888 stirbt der Wundarzt plötzlich, und die Stelle in Bodelshausens Postamt ist frei. Bevor sie ausge-schrieben wird, erkundigt sich das Staatsministerium, ob ein Postamt wirklich noch nötig sei, und die Generaldirektion der Post antwortete, falls es eine Verwandlung gebe, sei Bodelshausen die größte Agentur des Landes. Dank der vermehrten industriellen Zunahme im Ort sei der Postverkehr in Bodelshausen „in lebhafter Zunahme“ begriffen, heißt es in dem Bericht ans Ministerium.

Zwar könne der Dienst aufrechterhalten werden, doch müßten im Falle einer Agentur die „Speditionsverhältnisse“ wesentlich erweitert werden. Das heißt, entweder das Postamt Tübingen oder das in Balingen müßten sich darum kümmern, daß die Post auch ankommt. Und das würde zu Verzögerungen führen.

Ob außer diesem Brief noch weitere Eingaben geschrieben wurden, ist nicht bekannt. Doch eine Bürgerini-tiative wird sich kaum gegründet haben. Wahrscheinlich war das aber auch nicht nötig, denn schon drei Monate nach der Antwort der Post an das Ministerium stellt Postinspektor Veit in einem Bericht an die Generaldirektion die vier Bewerber um die Expeditorsstelle vor.

Diese zu besetzen, war gar nicht so einfach, denn immerhin mußte das Amt aus dem Haus Horbers raus und in das des neuen Expeditors umziehen. Das brauchte Platz. Und schon damals war es der Post wichtig, ihr Amt mitten im Ort zu haben.

Ideale Voraussetzungen brachte Erhard Steinhilber mit. Er hatte ein Haus mitten im Flecken an der Hauptstraße, betrieb dort einen Gemischtwarenladen und hatte noch ein Zimmer zu ebener Erde frei, in das ein Postamt gut passen würde. Die Vertreterfrage war ebenfalls geklärt: Rosine Horber nämlich war Steinhilbers Schwägerin und eine qualifizierte Kraft. Veit berichtete auch, daß Steinhilber den Feldzug 1870/71 mitgemacht hatte und durch einen Brustschuß verletzt worden wäre. „Er wäre aber bei der Versehung des Postdienstes keineswegs verhindert“, schreibt er.

Die anderen Bewerber eigneten sich weniger: Einer hatte sieben Kinder, und Veit glaubte nicht daran, daß die immer aus dem Postzimmer fernzuhalten wären. Ein anderer wohnte so ungünstig, daß der Postkarren unmöglich vor dem Haus hätte halten können, und ein dritter schließlich wohnte bei seinem Schwiegervater zur Miete und hatte kein geeignetes Zimmer. Steinhilber also wurde der neue Postexpeditor und blieb es bis 1913.

1888 sollte das Postamt in eine Agentur umgewandelt werden
Ein Hauch von Postgeschichte verbreiteten Ulrich Mehlhose in der Uniform eines Postillion, daneben Briefträgerin Sibylle Ißleib und Johanna Haug im Postler-Look des 19. Jahrhunderts. Marie-Luise Dörflinger trug ein Originalkleid der Telegrafen-Damen des vorigen Jahrhunderts (von links).

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06.07.1998, 12:00 Uhr

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