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Mit dem Feuer des Aufruhrs

1911 die Kirche abgerissen und eine neue gebaut

Schon im Jahr 1828 seufzte der Pfarrer von Dettingen: „Die Kirche ist viel zu klein“. Und die Seufzer seiner Nachfolger wurden lauter und lauter – trotz der „erbaulichen Haltung der zusammengedrängten Kinder“. Statt einer Erweiterung des gotischen Gotteshauses entschied man sich für einen Neubau und brach, vor 100 Jahren, die alte Kirche ab.

28.12.2011

Von Ursula Kuttler-Merz

Dettingen. „Das war wieder einmal ein schönes glaubensfrohes Fest“, frohlockte die „Rottenburger Zeitung“ im Jahr 1911 über die am Sonntag, 16. Juli, vollzogene Grundsteinlegung für die neue Kirche in Dettingen. In feierlicher Prozession wie an Fronleichnam (aber ohne „Himmel“), voran die Kinder, dann Militär, Veteranen, Arbeitervereine, Jünglings- und Jungfrauenkongregation mit prächtigen Fahnen, so das Lokalblatt, zog man vom Schwesternhaus zum Bauplatz. Dort begann die Gemeinde mit dem Veni Creator, und Kamerer (Dekans-Stellvertreter) Geiger aus Niedernau pries den vom renommierten Cannstatter Kirchenbaumeister Joseph Cades konzipierten Sakralbau als „ein Werk, das dem Frieden und Heile aller dienen soll“.

Mit dem Frieden war das allerdings so eine Sache. Einen Tag vor dem Abbruch der alten Kirche hatte Pfarrer Franz Xaver Uhl im Gottesdienst sich noch genötigt gesehen, „zur Beruhigung vor versammelter Gemeinde“ zu sprechen: Wer glaube, „noch weiter das Feuer des Aufruhrs und der Unzufriedenheit“ schüren zu müssen, lade schwere Verantwortung auf sein Gewissen.

Zwischen dem alten Schultheißen und dem Geistlichen war „kein besonders freundschaftliches und intimes Verhältnis“ gewesen, weil der „Schultheiß selbst trunksüchtig und bestechlich“ war. Auch zwischen dem neu gewählten Ortsvorstand und dem Pfarrer wurde es kaum besser, nachdem schon die Wahl unter schlimmen Umständen sich vollzog.

Das Netzgewölbe des gotischen Chors (Bild oben) wurde an Altertumshändler verscherbelt, die Nachbarhäuser (unten) zugunsten des heutigen Kirchplatzes abgebrochen.Bilder: Diözesanarchiv

Die Vorgeschichte zum Dettinger Kirchenbau und zur Grundsteinlegung war aufreibend, zumal die damals sehr arme Gemeinde – Spitzname: Bethlehem – sich das gewünschte Gotteshaus eigentlich gar nicht leisten konnte. Doch am 8. Mai 1911 wurde die alte Kirche abgerissen; auf dem Kirchbuckel ragte jetzt nur noch der historische Turm in den Himmel. Die gotische Kirche war einst als Ersatz für den 1355 abgebrannten romanischen Vorgängerbau errichtet worden.

Auch rund um den ehemaligen Kirchhof gab es einen richtigen Kahlhieb: Scheuern und Wohnhäuser – wie das der Zimmermannswitwe Rosalia Beck – fielen der Spitzhacke zum Opfer, um Platz für die neue gigantisch große Kirche zu schaffen. Und man tauschte Grundstücke mit Löwenwirt Engelbert Fischer und anderen. Das mächtige mittelalterliche Pfarrhaus samt Stallungen war bereits fünfzig Jahre zuvor abgebrochen und durch ein kleineres Gebäude ersetzt worden. Der Kirchplatz sollte möglichst kostenneutral „durch Frondienste seitens der Gemeinde“ angelegt werden. Das Bauterrain, bestehend aus rötlichem Lehm und darunter Mergel, wurde zunächst abgegraben.

Architekt konnte gotischen Chor nicht retten

Geplante, nach Süden ausgerichtete neue Dionysius-Kirche mit dem integrierten Chor des gotischen Gotteshauses: Dieser 1896 gefertigte Entwurf des Architekten Joseph Cades kam nicht zur Ausführung.Bild: Diözesanarchiv

Während Architekt Cades sich bis zum Schluss energisch für den Erhalt des „zu den besten Kunstwerken des Landes gehörenden“ Chors einsetzte, ließ die Bauherrschaft – Pfarrer und Kirchengemeinde – alles entfernen: den gotischen Wandtabernakel mit Fiale und Kreuzblume, die steinernen Apostelköpfe an den Enden der Rippenbögen, die wunderschönen gotischen Deckenmalereien, die Schlusssteine mit den bunten Rosetten, den geschnitzten Hochaltar mit rötlichen Dachungen und Fialen, vergoldeten Spitzen und „Hohlkehlchen in blau gemalt“, dazu die aus Lindenholz gefertigten Skulpturen von Maria und Johannes, Dionysius und Andreas. Das wertvolle Netzgewölbe des Chors wurde eines schönen Tages für 1500 Mark an Altertumshändler verscherbelt und ist seither verschollen.

Offensichtlich schien man in Dettingen bereits vergessen zu haben, dass die zugunsten des Kirchenbaus durchgeführte Staatslotterie mit 100 000 Losen – sie hatte nicht weniger als 26 000 Mark eingebracht – vom Königlichen Ministerium nur genehmigt worden war unter der Bedingung, dass die historische Bausubstanz erhalten werde. Schon 1898 hatte der Architekt Joseph Cades Entwürfe für eine Kirchenerweiterung gefertigt, darunter die – wieder verworfene – Idee, Teile der alten Kirche in die neue zu integrieren und den vergrößerten Bau um 90 Grad nach Süden zu drehen.

Im übrigen gab es in jener Zeit kaum einen Dettinger, der nicht spätestens auf dem Sterbebett davon überzeugt wurde, seine Ersparnisse doch schnell noch dem Kirchenbaufonds zu vermachen. Der Kirchenstiftungsrat hatte in fast jeder Sitzung die angenehme Pflicht, solche Nachlässe abzuwickeln. Obendrein gab es auch Schenkungen wie etwa 250 Mark von Grünbaumwirtin Christina Schmid geborene Schramm sowie „huldvolle Spenden“ des Bischofs von Rottenburg. Hinzu kamen zahlreiche Hauskollekten, für die Pfarrer Uhl ein „tausendfaches Vergelt?s Gott“ sagte. Und man hatte schon 1899 einen Kirchenbauverein gegründet, an den die Mitglieder einen monatlichen Mindestbeitrag von fünf Pfennigen zu bezahlen hatten.

Adelsgräber aus der Merowingerzeit

Keine finanziellen Vorteile, aber immerhin höchstes Aufsehen brachten die Entdeckungen unter der abgebrochenen Kirche. Einen Meter unter dem Plattenboden des romanischen Vorgängerbaus konnten merowingerzeitliche Grabfunde geborgen werden, darunter eine silberne Haarnadel, ein goldener Fingerring mit antiker Karneolgemme und das Fragment eines Beinkammes. Die Adelsgräber enthielten als Einfassung Stubensandstein-Fragmente römischen Ursprungs, darunter ein qualitätvolles Steinrelief aus dem zweiten Jahrhundert mit Pferd und menschlichen Figuren, möglicherweise Rest eines turmartigen Grabdenkmals.

Zehn Wochen nach dem Kirchenabriss konnte dann bereits der Grundstein für den Neubau gelegt werden. Die vom Rottenburger Zeichenlehrer Reitze gestaltete Pergament-Urkunde mit prächtigen Initialen wurde samt Münzen, Zeitungen und Unterschriften in eine Zinnkapsel eingeschlossen. Nach Hammerschlägen, Segenssprüchen und Te Deum traf sich die festliche Versammlung im „Rössle“ zur weltlichen Feier, wo vor allem die „mit Geistesblitzen gewürzte Rede des Pfarrers Muck von Hemmendorf die Gemüter freudig erregte“. Freudig erregt waren anderntags auch die zur Arbeit angetretenen Maurer, die es nicht übers Herz brachten, die von Dettinger Frauen und Mädchen „so herrlich gezierte Baustelle von Kränzen, Fahnen und Guirlanden“ zu befreien.

Für die Bauzeit diente der Saal des neu erbauten Schwesternhauses als Notkirche. Die heilige Messe wurde in zwei Schichten gefeiert, wobei auch bei Kälte, Wind und Wetter viele Gläubige draußen stehen mussten. Gingen diese, durchnässt und frierend, vorzeitig nach Hause, wurde ihnen eine schwere Sünde angelastet. Ansonsten zogen die Dettinger am Markustag und in der Bittwoche traditionsgemäß singend und betend hinaus über Feld nach Weiler, Hirrlingen und zur Altstadtkapelle oberhalb von Rottenburg-Ehingen.

Eigentlich wünschten sich viele Dettinger kein wuchtiges Gotteshaus sondern eine mehr „volkstümliche“ Kirche. Doch Architekt Joseph Cades schmetterte sie ab: „Wenn die Herren Volkstümliches brauchen, dann sollen sie in das Theater gehen!“ Bis der riesige Dettinger „Dionysius-Dom“ – dem Baumeister zufolge Musterbeispiel für eine Dorfkirche – dann endlich eingeweiht werden konnte, gingen freilich noch etliche Monate ins Land.

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Erstellt:
28. Dezember 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Dezember 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2011, 12:00 Uhr

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