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Go-in, Sit-in, Teach-in

1968 brachte Tübingen nicht die Revolution, aber einige Erregung

Das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April wurde zum Schlüssel-Ereignis von 1968, dem Jahr, das der Studentenbewegung ihren Namen gab. Ein Rückblick aus Tübinger Sicht.

11.04.2008
  • Ulrike Pfeil

Die Schüsse auf Dutschke in Berlin fielen an einem frühen Gründonnerstagnachmittag. Die Osterfeiertage brachten es mit sich, dass in Tübingen, anders als in Berlin, München oder Hamburg, alles ruhig blieb. Doch hier wie dort richtete sich die Wut über das Attentat gegen den Springer-Verlag, dessen „Bild“-Zeitung systematisch gegen Dutschke und die Studenten agitiert hatte.

Nur ein paar Tübinger Studenten brachen spontan nach Esslingen auf, um vor dem Bechtle-Verlag, der die regionale „Bild“-Ausgabe druckte und vertrieb, zu demonstrieren und die Auslieferung der Zeitung zu blockieren. Der Pfäffinger Lehrer Normann Kleiner, damals Student der Mathematik und Physik, erinnert sich, wie er in einer Rottenburger Kneipe in den Nachrichten von der Aktion in Esslingen hörte. „Da bin ich mit meinem VW sofort hingefahren“, sagt Kleiner. „Von überall her“ seien Leute gekommen, „bis von Basel, die haben alle gesagt: Da muss man doch etwas machen!“

Eine Woche später suchten Professoren und Studenten während einer dreistündigen Veranstaltung im überfüllten Uni-Festsaal Antwort auf die Frage „Was tun?“ Während die Anhänger des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), dessen Sprecher Dutschke war, sich angesichts der erlebten Gewalt nicht mehr an strikt gewaltlose Strategien gebunden fühlten, warnten andere vor dem Verlust des Rückhalts in der Öffentlichkeit, wenn – wie in Berlin – Autos brennen würden oder Scheiben zu Bruch gingen. „Damals kam diese Diskussion über die Gewalt gegen Sachen auf“, erinnert sich Kleiner.

Die Gewalt-Diskussion blieb allerdings in Tübingen rein theoretisch und konzentrierte sich auf das Aufzeigen von „latenter“ und „struktureller Gewalt“ in der Gesellschaft. In den folgenden Wochen zogen Tübinger Studenten hinaus aufs Land und erklärten den Bürgern von Kirchentellinsfurt oder Pfäffingen, was ihren Protest antrieb.

Die politisch aktiven Studenten, die damals mehrheitlich links waren, hatten jedoch erkannt, dass sie provozieren mussten, um sich Gehör zu verschaffen. „Wenn wir den Rasen nicht betreten“, sagte der Jurastudent Dieter Bopp, „spricht kein Mensch von uns.“

So hielten in jenem Jahr auch in Tübingen neuartige, von der amerikanischen Antikriegsbewegung übernommene Protestformen Einzug, wie das Go-in (in ein Gebäude oder eine Versammlung platzen), das Sit-in (Räume oder Straße besetzen) und das Teach-in (aktuelle Informationsveranstaltung). Ein Love-in (kollektiver Sex) wurde in der traditionell eher verkopften Uni-Stadt nicht registriert.

Aber dass der Lehrbetrieb durch Studentenstreiks lahmgelegt wurde, war ebenfalls neu in der Uni-Geschichte. Im Mai 1968 schlossen sich die Tübinger Studenten einem bundesweiten Streikaufruf gegen die Notstandsgesetze an. Zuvor war ein Go-in im Rathaus nötig, damit Oberbürgermeister Hans Gmelin die Benutzung eines Megaphons genehmigte.

Polizei mit Knüppel

Gewöhnungsbedürftig für Professoren war, dass die Studenten nun auch die Lehrinhalte „kritisch hinterfragten“ und mitbestimmen wollten. Geisteswissenschaften wie die Germanistik sollten ihre gesellschaftspolitische Relevanz nachweisen. Eine Vietnam-Vorlesung, die der Dozent abbrach, weil er sich dem studentischen Diskussionsbedarf nicht fügen wollte, wurde von Studenten in Eigenregie fortgesetzt.

Das „Establishment“ (Staat und angepasstes Bürgertum) reagierte auf demonstrierende Studenten nervös, Polizei und Justiz wurden nicht zu knapp gegen sie in Stellung gebracht. Am 8. Februar 1968 setzten sich SDS-Mitglieder aus Protest gegen den Vietnamkrieg vor dem Amerikahaus auf die Karlstraße und blockierten für eine knappe Stunde den Verkehr. Drei von ihnen griff sich die Polizei als „Rädelsführer“ heraus. Sie wurden im Oktober in einem bundesweit beachteten Prozess wegen Nötigung zu je drei Monaten Haftverurteilt. Ohne Bewährung.

Um der Raumnot ihres überfüllten Instituts abzuhelfen, besetzten 150 Psychologiestudenten im Juni Räume eines längst überflüssigen Luftschutzamts in der Wilhelmstraße 8. Vier Hundertschaften Polizei stürmten in der Nacht das Gebäude und zogen die harmlosen Besetzer unter Knüppeleinsatz zum Teil an den Haaren ins Freie.

Nicht nur für viele Tübinger Studenten war 1968 ein prägendes Jahr: Der Theologieprofessor Joseph Ratzinger floh vor der respektlosen Unruhe hier ins ruhigere Regensburg. Er wurde später Papst.

Warum und wofür die Studenten auf die Straße gingen und streikten

Die Studentenbewegung verstand sich als bedeutender Teil der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) gegen die in Bonn regierende Große Koalition. Widerstand richtete sich vor allem gegen die Notstandsgesetze und die Einschränkung von Grundrechten.

Raumnot, studentische Überlast und verkrustete Strukturen an den Universitäten riefen nach Reform. Der Entwurf eines Landeshochschulgesetzes berücksichtigte dagegen zu wenig das studentische Bedürfnis nach Mitsprache und allgemeiner Demokratisierung.

Die brutale Kriegführung der USA in Vietnam führte zur Kritik an modernen Formen des Imperialismus auch in anderen Regionen.

Die in der Adenauer-Ära verdrängte Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit, die nun nachgeholt wurde, sensibilisierte die Studenten für autoritäre Strukturen in der Gesellschaft. Die Suche nach Erklärungsmustern für den Faschismus brachte die (Wieder-)Entdeckung von Theoretikern, die an der Uni (noch) nicht gelehrt wurden, wie Karl Marx, Sigmund Freud, Theodor Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas und anderen.

1968 brachte Tübingen nicht die Revolution, aber einige Erregung
Mit der Vietkong-Fahne machten sich Studenten am 8. Februar 1968 zu einer „Spaziergangsdemonstration“ gegen den Vietnamkrieg auf: Eines der ersten Tübinger Sit-ins fand vor dem Amerikahaus in der Karlstraße statt, dem heutigen Deutsch-Amerikanischen Institut. Im Hintergrund steht noch die alte Neckarmüllerei.

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11.04.2008, 12:00 Uhr

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