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Von den Roten Zellen zu Haus und Grund

1968-er: vom Beinahe-Revoluzzer zum Anwalt der Besitzenden

Heute vertritt er nicht nur als Rechtsanwalt die Interessen von Haus- und Grundbesitzern. Als Jurastudent freilich fühlte sich Michael Dietz von der außerparlamentarischen Linken angezogen und dachte gar über Enteignungen nach.

30.08.2008
  • Willibald Ruscheinski

Rottenburg.„Ich habe noch heute alle blauen Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe zu Hause stehen“, fällt Michael Dietz beim Gespräch in seiner Kanzlei ein: „Nicht im Wohnzimmer zwar, da wäre zu wenig Platz. Aber sie wegzuwerfen habe ich mich auch noch nicht getraut.“

Der Vorsitzende von Haus und Grund ein Revoluzzer? Dietz, Jahrgang 1950 und in Böblingen aufgewachsen, kommt aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus. Vater Hans Dietz arbeitete als Politikredakteur beim Süddeutschen Rundfunk; der Sohn wäre gern Regisseur geworden, fand dies aber in letzter Instanz zu unsicher und zog statt dessen das solide Jurastudium vor – samt der seinerzeit modischen Politikwissenschaft als zweitem Fach und „kleiner Flucht“.

Denn politisiert war der Goldberg-Gymnasiast. Als Chefredakteur der Schülerzeitung namens „sprachrohr“, erzählt Dietz, schaffte er es, den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bei einem Böblingen-Besuch nach dessen Nazi-Vergangenheit zu befragen. „Natürlich bekam ich eine saumäßige Abfuhr, aber man hat mir hinterher für meinen Mut auf die Schultern geklopft.“

Denn bei aller Bewunderung für Rudi Dutschke: 1968 fuhr „man“ aus der schwäbischen Provinz zwar schon mit dem Moped die paar Kilometer zur Vietnam-Demo nach Stuttgart. Aber eigentlich „waren wir noch ganz brav und hielten Abi-Reden zu Themen wie ,Die Ironie im Werk Thomas Manns‘.“

Stuttgart freilich hätte der Neunzehnjährige als Studienort dann doch zu fade gefunden. Das „Uschi-Obermaier-Flair“, der Bürgerschreck-Nimbus von Figuren wie Rainer Werner Fassbinder und der Ruf der Großdisco „Blow Up“ zogen ihn magisch nach München, aber auch Politik-Professor Kurt Sontheimer, damals führender Demokratietheoretiker in Deutschland.

„Entweder du warst beim RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) oder bei den Roten Zellen“, fasst Dietz in der Rückschau das studentenpolitische Angebot der Bayern-Metropole zusammen. Er entschied sich für das zweitere und half „auf mancher Veranstaltung Peter Gauweiler niederzubrüllen“, den damaligen Wortführer der CSU-Studentenschaft.

1971 wechselte Michael Dietz trotzdem an die Freie Universität nach Berlin. „Die Herausforderung an den eigenen Mut war bei den Demos dort größer“, erinnert er sich, „als bloß mit ein paar Spruchbändern die Leopoldstraße hinunterzulaufen. Ab einem bestimmten Punkt waren wir regelmäßig vor der Polizei auf der Flucht und mussten uns in U-Bahn-Stationen wegducken.“ Dietz sieht sich auch noch „in aller Hergottsfrühe“ vor dem Werkstor bei Osram Flugblätter verteilen – „und die Arbeiter haben sie sogar gelesen.“

Denn die roten Fachschaftszellen waren in Berlin nicht nur „straffer organisiert“, sondern auch schon von maoistischen Gruppen wie der KPD/AO („Kommunistische Partei Deutschlands/Aufbauorganisation“) dominiert. Wozu es auch gehörte, streng marxistisch-leninistisch, das Proletariat für die Revolution zu agitieren.

Michael Dietz schaffte es selbst bis in die „Liga gegen den Imperialismus“, wie sich die „Massenorganisation“ dieser Splitterpartei nannte. Dann war Schluss, auch weil das Studium am Otto-Suhr-Institut der FU – damals im Westen erste Adresse für den politologischen Systemvergleich mit der DDR – ihn gegen orthodoxen Kommunismus impfte. „Für Kaderpolitik war ich nicht zu haben“, sagt er, „und außerdem bin ich in meiner freien Zeit viel zu gern in Rockkonzerte, Kinos und Ausstellungen gegangen.“

Zum Zwecke des Staatsexamens 1973 nach Baden-Württemberg zurückgekehrt, lernte der heute 58-Jährige in Tübingen nicht nur seine Frau kennen, sondern fand ausgerechnet übers Politikfach seinen heutigen Tätigkeitsschwerpunkt als Anwalt: Bei Gerhard Lehmbruch machte er Examen über die Nachkriegs-Bodenreform in Baden-Württemberg – „und darüber, wie sie versandet ist“.

Sogar eine Dissertation zu eigentumsrechtlichen Fragen hatte Michael Dietz bereits begonnen, doch die wurde nie fertig. Denn frisch vom Zweiten Staatsexamen weg übernahm er 1977 im benachbarten Rottenburg eine frei werdende Kanzlei – und kam, nicht nur wegen des schnell wachsenden Arbeitsaufkommens, „auf dem Boden der Tatsachen an.“ Hatte der Jurastudent noch locker über Enteignungen nachgedacht, sah der Anwalt, „wie schwierig so etwas in der Praxis ist und was es für die Bürger bedeutet.“

Auch sonst hatte der von Haus aus schon „schwäbisch Sozialisierte“ mit der Integration im konservativen Rottenburg wenig Probleme und betätigte sich – von der Stadtkapelle bis zur Narrenzunft – alsbald in mehreren Vereinen. „In gewisser Weise“, sagt er heute, lasse sich dieses Engagement auch als bürgerliche Fortsetzung von 1968 verstehen, denn „gesellschaftspolitisch aktiv bin ich immer geblieben, nur nicht in einer Partei.“

Von den eigenen bewegteren Zeiten distanzieren mag sich der Familienvater, den die Juristen-Szene in Abgrenzung zum (beinahe) gleichnamigen Tübinger Kollegen schon mal gern den „schwarzen Dietz“ nennt, auch sonst kaum: Klar, das Verhältnis nicht nur von K-Gruppen zur Gewaltfrage sei damals „sehr selektiv“ gewesen. „Aber für die Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft insgesamt war die Zeit doch ungeheuer wichtig.“Von Kiesinger bekam ich eine saumäßige Abfuhr, aber hinterher hat man mir dafür auf die Schultern geklopft

1968-er: vom Beinahe-Revoluzzer zum Anwalt der Besitzenden
Michael Dietz.

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30.08.2008, 12:00 Uhr

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