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Einen Kranz für die Tram

1974 ging die letzte Fahrt der Straßenbahn ins Eninger Depot

REUTLINGEN. Am 19. Oktober 1974 ging in Reutlingen eine 75-jährige Ära zu Ende: Die Straßenbahn fuhr zum letzten Mal. Um 23.20 Uhr verließen die letzten Wagen die Haltestelle in der unteren Wilhelmstraße, um über Pfullingen den Bahnhof in Eningen anzusteuern.

16.10.2004
  • Bernhard Madel, Stadtarchiv Reutlingen

Über 22 km Gleise und mehr als 50 Wagen gab es in den besten Zeiten zwischen Eningen, Pfullingen, Betzingen, Orschel-Hagen und Altenburg. Dass die Entscheidung, den Straßenbahnverkehr einzustellen, in der Bevölkerung nicht unumstritten war, zeigte die rege Anteilnahme der Bevölkerung an ihrer letzten Fahrt: Vom ersten morgendlichen Zug an belagerten trotz miserablen Wetters Heerscharen von Fotografen und Filmern aus nah und fern die Strecke.

Das Personal arbeitete mit schwarzen Krawatten, die Triebwagen trugen kleine Fähnchen in den Reutlinger Farben und schlichtes Grün. Schulkinder drückten ihre Gefühle über das Ende der Bahn mit Plakaten an den Wagenfenstern aus. Die Eninger legten vor ihrem Bahnhof sogar einen Kranz für die Tram nieder.

Total überfüllt

Das Werkstatt- und Streckenpersonal verabschiedete sich mit einer Extrafahrt aus zwei gekuppelten Arbeitswagen über das gesamte Schienennetz. Schon den ganzen Nachmittag gab es in den Zügen keine Sitzplätze mehr, Familien bescherten ihren Kindern nochmals eine Straßenbahnfahrt, langjährige Fahrgäste fuhren eine „Ehrenrunde“. Aber richtig turbulent wurde es erst spät abends: Obwohl seitens der Stadt keinerlei offizielle Ankündigung oder gar eine förmliche Abschiedsfahrt oder Ansprachen vorgesehen waren, fanden sich ab 22.30 Uhr in der Wilhelmstraße und in Eningen immer mehr Zuschauer und Fahrgäste ein, sogar ein Brautpaar war mit von der Partie.

Zum Schluss wurde nicht mehr kassiert. Die letzte Fahrt bewältigte ein Konvoi aus drei Gelenktriebwagen und drei weiteren größeren Triebwagen, alle total überfüllt. Im allerletzten Wagen hatten Gemeinderäte und Bürgermeister Platz genommen und zogen kurz vor Eningen nochmals die Notbremse - zu spät!

Wie war es soweit gekommen? In den fünfziger Jahren hatten die Befürworter einer Umstellung auf Omnibusse zunächst noch keine Chance, denn Oberbürgermeister Kalbfell hielt die Bahn für unersetzbar. Allerdings ohne großen Weitblick: Die bestehenden Anlagen wurden zwar gut gepflegt, aber grundlegende Modernisierungspläne der Betriebsleitung z.B. für einen zweigleisigen Ausbau verschwanden in den Schubladen.

Schuld waren schon damals die Finanzen, erwirtschaftete doch der Bahnbetrieb bereits seit 1949 jährliche Defizite. Durch die Gewinne beim Stromverkauf bedeutete dies für die Stadtwerke zwar kein Problem, aber trotzdem konnte sich der Gemeinderat nicht mit dem Gedanken anfreunden, die Finanzierung eines attraktiven öffentlichen Nahverkehrs genauso als öffentliche Aufgabe anzusehen wie etwa den Betrieb der Bäder.

Richtig ins Wanken kam dieser Zustand jedoch erst 1966 mit dem so genannten „Lambert-Gutachten“. Der Stuttgarter Professor Lambert war ein Vertreter der Trennung von öffentlichem Verkehr und Individualverkehr, vor allem in den Innenstadtbereichen. Dabei sollte dem Privatverkehr die Straße gehören, der öffentliche Verkehr aber in den Untergrund verschwinden. So empfahl er auch Reutlingen eine Untertunnelung des Karlsplatzes und zwar für Omnibuslinien, die Straßenbahn sollte dafür schrittweise weichen.

Karl Guhl: Untragbares Defizit

Zunächst zögerte die Verwaltung zwar mit der Umsetzung, aber ein Wechsel im Finanzdezernat Anfang 1967 brachte den Stein ins Rollen. Für den neuen Ersten Bürgermeister Karl Guhl war das Defizit keinesfalls mehr tragbar. Die Betzinger Strecke avancierte zum Versuchsballon: Ab 6. September 1967 mussten alle Fahrgäste nach Betzingen „vorübergehend für ca. drei Monate wegen Straßenbauarbeiten“ auf den Bus umsteigen. Aber schon im Oktober 1967 stand der Gemeinderatsbeschluss: Der Straßenbahnverkehr nach Betzingen wird nicht wieder aufgenommen.

Der Start des Karlsplatzumbaus mit den neuen Fußgängerunterführungen 1968 brachte dann die schnelle Entscheidung: Ab 18. Juli 1968 wurden Nord- und Südlinien (wieder zunächst „vorübergehend“) getrennt; in der denkwürdigen Sitzung vom 19. März 1969 entschied der Gemeinderat jedoch, die auf dem Karlsplatz geplanten neuen Gleise nicht mehr einzubauen, sondern den Straßenbahnverkehr baldmöglichst einzustellen. Auf den Linie 3 nach Altenburg und der erst 1964 eröffneten Linie 4 nach Orschel-Hagen fuhren daraufhin am 30. Mai 1970 die letzten Bahnen.

Ein Einspruch des Regierungspräsidiums wegen der ungenügenden Straßenverhältnisse am Südbahnhof verzögerte die für 1972 vorgesehene Einstellung der Linien 1 und 2 nach Eningen und Pfullingen noch etwa zwei Jahre, bevor am Samstag, den 19. Oktober 1974, auch hier der letzte Betriebstag anbrach.

1974 ging die letzte Fahrt der Straßenbahn ins Eninger Depot
Winkende Menschen verabschieden am 19. Oktober 1974 die Straßenbahn am Südbahnhof.

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16.10.2004, 12:00 Uhr

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