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Es begann mit verlassenen Fabriken

20 Jahre Einheit: Tübinger berichten von damals und heute

Heute ist es zwanzig Jahre her, dass Deutschland einen neuen Nationalfeiertag bekam. Die deutsche Wiedervereinigung ist Geschichte. Über den langsamen und mühsamen Prozess der Annäherung und über ihre persönlichen Erfahrungen haben uns vier Tübinger berichtet.

03.10.2010
  • Diana Nägele

Tübingen. 28 Jahre und drei Monate lang durchzog eine Mauer Deutschland und trennte das Land in zwei Teile. Der Westteil der heutigen Bundeshauptstadt Berlin lag wie eine ummauerte Insel im östlichen Teil.

20 Jahre Einheit: Tübinger berichten von damals und heute

Björn Lunderstedt ist Fahrradmechaniker und arbeitet im Fahrradladen Radlager in Tübingen. Er kam im Januar 2005 aus Rudolstadt in Thüringen eher zufällig nach Tübingen. Hier hat er Arbeit gefunden. Denn mit der Wiedervereinigung wuchs die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern. Nachdem er ein paar Monate arbeitslos war, bewarb er sich auf eine Anzeige der Arbeitsagentur im Tübinger Radgeschäft. Seitdem lebt er im Süddeutschen. „Die Entfernung zur Heimat ist manchmal schon störend“, sagt der 32-Jährige. „Man kann nicht einfach mal für ein Wochenende nach Hause fahren.“

Als die Grenze im Spätherbst 1989 fiel, besuchte Lunderstedt gerade die sechste Klasse. „Auf einmal war alles anders“, sagt er. Seine Schule hieß fortan nicht mehr „Deutsch-Sowjetische-Freundschaft“, sondern „Westschule“. Und auch das Schulsystem veränderte sich nach westlichem Maßstab. „Vor der Wiedervereinigung ging es in Rudolstadt strenger zu. Es gab mehr Erziehung, mehr Struktur seitens der Lehrer und man hatte weniger Freiheit“, sagt er im Rückblick auf seine Schulzeit. Als es um die Berufswahl ging, gab es keinen Staat mehr, der einem den Beruf zuwies. Björn Lunderstedt musste sich selber um eine Ausbildungsstelle kümmern. Er lernte KFZ-Mechaniker. Schon während der Ausbildung stand fest, dass er danach keinen Arbeitsvertrag erhalten würde.

Eher zufällig wurde er Zweirad-Mechaniker. Doch sein Thüringer Arbeitgeber hielt nicht lange durch und der Job war weg. „Entweder bleibt man dann bei der Familie und ist arbeitslos oder man sucht sich was, was einem gefällt“, sagt der 32-Jährige. „Und was die Landschaft betrifft, ist der Westen auch nicht schöner“, sagt er und lacht.

Als die Deutsche Demokratische Republik abgewickelt wurde, wurde die Treuhandanstalt über Nacht zum Eigentümer von über 7000 „Volkseigenen Betrieben“ und Chefin von vier Millionen Beschäftigten. Sehr viele wurden nach und nach entlassen, große Firmen und Fabriken wurden geschlossen. Die Arbeitslosigkeit stieg rasch an.

20 Jahre Einheit: Tübinger berichten von damals und heute
So manch einer fühlte sich vom Mauerfall überrannt. Zeichnung: Buchegger

Heute liegen die Löhne in den neuen Bundesländern durchschnittlich immer noch unter denen der alten Länder. „Es gibt einfach zu viele, die den Job für den selben Lohn machen würden“, sagt Lunderstedt. Das sei nach 20 Jahren nicht anders geworden. Auch von seinen damaligen Schulkameraden sei kaum einer in der Heimat Thüringen geblieben. „Ja, es ist schon schade, dass man dort keine Arbeit findet.“ Wo es an Arbeitsplätzen fehlt, können die Leute nicht bleiben. In weiten Teilen Ostdeutschlands, außerhalb der so genannten Industriellen Kerne, gehen die Einwohnerzahlen zurück. Der Altersdurchschnitt steigt. In diesen Regionen prägen leerstehende Häuser und verfallende Fabrikgebäude das Bild.

Dieser Eindruck ist bei Sarah Fontan sehr wach. Sie ist 2005 von Wachau nahe Dresden nach Stuttgart gezogen, zu ihrem Freund. In Tübingen begann sie ein Romanistik- und Rhetorikstudium, bald darauf folgte der Umzug in die Universitätsstadt. An die stürmische Zeit der Wiedervereinigung kann sich die 26-Jährige nicht erinnern. „Bei mir waren schon immer alle Regale im Supermarkt gefüllt“, sagt sie und lacht. Wenn sie an Dresden denkt, hat sei ein facettenreiches Bild einer Großstadt im Kopf. „Es gibt Bombenlücken neben frisch renovierten Häusern und dann kommt plötzlich ein graues, verfallenes Haus“, sagt die Studentin. „So etwas sieht man in Tübingen nicht.“

Wenn Sarah Fontan anderen von ihren Wurzeln erzählt, hat sie anhand der neugierigen Reaktionen manchmal das Gefühl, sie käme aus einem anderen, weit entfernten Land. „Irgendwie bekommt der Osten etwas Exotisches“, sagt sie.

Bei einer Lesung des Autors Marcel Beyer ist ihr ein weiterer Unterschied zwischen ihrer sächsischen Heimat und Tübingen aufgefallen: Von einem Gast im Publikum befragt, was hier anders sei als in Ostdeutschland, forderte Beyer seine Zuhörer auf, aus dem Fenster zu schauen. Ein direkt davor geparktes, sehr teures Auto sei nur ihr aufgefallen. „Das sieht man bei uns im Osten seltener“. Was ihr noch auffällt: „Die Leute hier sind zwar nett, aber verschlossener und distanzierter als daheim.“

Im Prozess des Zusammenwachsens der Ost- und der West-Kultur sei leider allzu vieles radikal niedergemacht worden, was das Zusammenleben dort ausgemacht habe. Man hätte vielleicht „mehr mit Bedacht“ an die Sache herangehen sollen, sagt sie. Jetzt werde manches zurückgedreht: Das achtjährige Gymnasium etwa, das in Sachsen vor Jahren Standard gewesen sei.

Vor einem Jahr ist Sarah Fontan Mutter geworden. Für die 26-Jährige steht fest, dass sie eines Tages mit Mann und Kind in ihre Heimat zurück geht. „Natürlich muss man damit rechnen, dass man dort weniger Geld verdient, aber das ist mir nicht so wichtig.“

Silvia Cyron lebt seit 19 Jahren mit ihrer Familie in Dettenhausen. Im Januar 1991 ist sie aus Ostberlin in die Tübinger Kreisgemeinde gezogen. Sohn Marius, 12, wurde als einziges der vier Kinder in Tübingen geboren: „Das ist unser Schwabe“. In Ost-Berlin wohnte die Familie Cyron nicht weit von der Grenze. „Ich kann mich genau an die Nacht erinnern, als die Mauer fiel“, sagt die 54-Jährige mit einem Strahlen in den Augen. Am nächsten Tag ist sie in den Westen spaziert. „Endlich konnte man tun und lesen, was man will“, sagt die vierfache Mutter.

Ihre Kinder erzog sie – wenig DDR-konform – im christlichen Glauben. Im Schul-Unterricht seien sie unter den politischen Einfluss der Lehrer geraten. „Zuhause musste ich sie regelmäßig wieder zurechtrücken“, sagt Cyron. Nachdem die Mauer weg war, dauerte es nicht lange, bis Familienvater Norbert Cyron arbeitslos wurde. In Stuttgart fand er einen neuen Arbeitsplatz. „Im Kreis Tübingen fühlten wir uns anfangs wie im Urlaub, wir hatten viel mehr Möglichkeiten.“

Silvia Cyron ist froh darüber, dass die Familie so rasch nach dem Mauerfall weg gezogen ist, auch wenn sich „die früheren Lehrer schnell um 180 Grad gedreht haben“. Wenn sie bis 1989 den Kindern die Vorteile des Sozialismus gepredigt hätten, so würden sie heute die Errungenschaften der Demokratie rühmen. „Es war eben alles im Umbruch.“

Wenn die Cyrons zu Verwandten in Ostdeutschland fahren, erinnern sie Wachtürme an die frühere Grenze und an die eigene Ost-West-Geschichte. In Berlin fällt der Blick des zwölfjährigen Sohnes Marius auf in die Straße eingelassene Steine, die den Grenzverlauf markieren.

Marius kam acht Jahre nach der Wiedervereinigung auf die Welt. Heute besucht er das Wildermuth-Gymnasium. In der Schule fragte ein Lehrer einmal, was denn wohl Geschichte sei. Ein Mitschüler antwortete: „Die DDR ist Geschichte.“ Die Familie Cyron bewahrt zu Hause ein schwarzrotgoldenes Stück Berliner Mauer auf. „Es erinnert uns an den Anfang, an ein besseres Leben“, sagt die Dettenhausenerin Silvia Cyron.

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03.10.2010, 12:00 Uhr

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