Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„2016 ist das Jahr der Angst“
Viele Sorgen belasten die Bundesbürger, persönliche Belange stehen nicht an erster Stelle. Foto: © hikrcn - Fotolia.com
Umfrage: Sorge vor Terror belastet Bürger am stärksten – Wenig Zutrauen in die Politik

„2016 ist das Jahr der Angst“

In Deutschland steigt die Angst wie lange nicht mehr. Das kommt von der Bedrohung durch Terror und Gewalt wie von hohen Flüchtlingszahlen.

13.07.2016
  • GUNTHER HARTWIG

Seit einem Vierteljahrhundert fühlen Forscher den Puls der Deutschen. Im Auftrag der R+V Versicherung fragen sie nach den größten Ängsten der Bürger. 2400 repräsentativ ausgewählten Teilnehmern ab 14 Jahren werden 16 denkbare Gefahren für ihr Leben zur Auswahl gestellt – persönliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Risiken. Dazu kommen Jahr für Jahr vier aktuelle Zusatzfragen, 2016 nach den Folgen der EU-Schuldenkrise für den Euro sowie den deutschen Steuerzahler, nach der Ausbreitung des politischen Extremismus und der Belastung von Bürgern und Behörden durch die Flüchtlingszahlen.

Manfred G. Schmidt, Politik-Professor in Heidelberg und seit zwölf Jahren wissenschaftlicher Leiter der Studie, kommt jetzt zu dem Ergebnis: „2016 ist das Jahr der Ängste.“ Noch nie haben die Sorgen der Deutschen innerhalb eines Jahres so rasant zugenommen: Der Angstindex, also der Gesamtdurchschnitt aller regelmäßig gemessenen 16 Standardängste, schnellte von 39 (2015) auf 49 Prozent (2016) hoch. Nur in den Jahren 2003, 2005 und 2010 war der Index auf einem vergleichbar hohen Niveau gewesen. Die beherrschende Angst vor Terroranschlägen wuchs im vergangenen Jahr von 52 auf 73 Prozent und belegt erstmals Rang 1 unter den Top Ten des Angst-Rankings.

Weil auf den Plätzen zwei (Angst vor politischem Extremismus (68 Prozent) und drei (Spannungen durch Zuzug von Ausländern, 67 Prozent) weitere Sorgen um die Sicherheit in diesem Land folgen, erkennt Professor Schmidt „erdrutschartige Verschiebungen“ in der Angst-Skala: „Die Sorgen um Geld, Gesundheit und Umwelt – in früheren Jahren noch Top-Themen – sind nicht verschwunden. Aber jetzt werden sie von schwerwiegenden Gefährdungen wie Terror, Extremismus und Gewalt überlagert.“ Kein Wunder für den Forscher: „Die Deutschen haben seit jeher ein großes Sicherheitsbedürfnis, deshalb reagieren sie sensibel auf Ereignisse wie terroristische Anschläge in Nachbarländern und die Warnungen der deutschen Sicherheitsbehörden.“

Schmidt wendet sich gegen die Interpretation, bei den Deutschen handele es sich um ein „Volk von Angsthasen“. Die Sorgen der Bundesbürger, findet der Professor, seien fast durchweg „gut begründet und nachvollziehbar“. Wenn es in Paris, Brüssel und Istanbul Terroranschläge mit vielen Opfern, darunter auch Deutschen, gebe, passiere dies „vor unserer Haustür“. Also mache sich auch hierzulande die Angst vor ähnlichen Attentaten breit. Schmidt: „Schon immer reagieren die Deutschen allergisch auf Gewalt in jeder Form.“

Diese Einstellung hat nach dem Befund des Wissenschaftlers nichts mit übersteigerter Panik oder Hysterie („German Angst“) zu tun, vielmehr zeigten sich die Befragten der Studie „sehr gut informiert über die innere und äußere Gefahrenlage“. Schmidt: „Das Volk lässt sich weder von der Politik noch von den Medien in irgendwelche Ängste treiben, sondern ist klug genug für ein selbständiges Urteil.“ Allerdings hält der Politologe den akuten Anstieg bei den Sicherheitsängsten schon für „dramatisch“ – ähnliche Ausschläge nach oben gab es zuletzt 2008 im Schatten der Finanzkrise wegen der Angst um die Explosion der Lebenshaltungskosten und 2012 wegen der Verwerfungen durch die Euro-Krise.

Nach Terrorismus, Extremismus und Spannungen durch den Zuzug von Ausländern ängstigt die Deutschen die Überforderung von Bürgern und Behörden durch Flüchtlinge (66 Prozent gegenüber 50 Prozent vor einem Jahr) und die Überforderung der Politiker (65 Prozent gegenüber 48 Prozent). „Das ist ein katastrophales, ein vernichtendes Urteil für die politische Klasse“, sagt Schmidt. Dahinter stehe die Meinung, dass „die Politik den Flüchtlingszustrom nicht im Griff“ habe – der Staat die Kontrolle verloren habe. Die von den Befragten verteilten Noten für die Politiker stelle „alles in den Schatten, was wir bisher registriert haben“, meint der Experte. 44 Prozent der Bürger vergaben die (Schul-)Noten 5 oder 6, nur sechs Prozent die Noten 1 und 2.

Erst auf den Plätzen sieben und acht der Rangliste folgen mit der Angst, im Alter zum Pflegefall zu werden (57 Prozent), und der Angst vor einer schweren Erkrankung (55 Prozent) zwei persönliche Sorgen. Noch nie in den 25 Jahren der Studie kamen die ersten zwölf Ängste der Skala auf je über 50 Prozent – und noch nie gab es auf den ersten sechs Plätzen durchweg zweistellige Steigerungsraten im Vergleich zum Vorjahr. Ein weiterer Beleg für Schmidts Diagnose vom „Jahr der Ängste“.

Erstaunlich, dass die Angst der Deutschen, Opfer einer Straftat zu werden, unter den 20 abgefragten Lebensrisiken mit 30 Prozent an vorletzter Stelle rangiert – vor dem Schlusslicht „Zerbrechen der Partnerschaft“ (21 Prozent). Dabei böte die Kriminalstatistik Anlass mindestens für Bürger in Ballungsräumen, sich vor Wohnungseinbrüchen zu fürchten, oder für Frauen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen. Hier täte der Studie sicher eine etwas differenziertere Befragung gut. Ebenso wäre es interessant, die von Soziologen neuerdings thematisierte „Abstiegsangst“ der Mittelklasse genauer zu erforschen. Professor Schmidt sagte jetzt eine Überprüfung und Anpassung des Fragenkatalogs zu.

Erstmals haben Wissenschaftler die Befunde der Angst-Studie zu einer „Landkarte der Angst“ ausgewertet, und zwar auf der Basis der Ergebnisse aus den Jahren 2012 bis 2016. Danach ist die Angst in den drei neuen Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg am größten, besonders entspannt lebt man dagegen in Berlin, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein haben ebenfalls eher niedrige Angst-Pegel.

2016 sind die Ängste in Hessen (59 Prozent) besonders stark ausgeprägt, gefolgt von Sachsen-Anhalt (55 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (52). Brandenburg (51 Prozent) rangiert auf Platz 5, Bayern (48 Prozent) auf Platz sieben, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz (je 46 Prozent) gemeinsam auf Platz 8. Die Berliner (40 Prozent) scheinen ihre Ängste am besten zu beherrschen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

13.07.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball