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Tiefe findet sich nicht im Zorn

25 Jahre nach „Maier“-Eröffnung: Liedermacher Thomas Felder beim Projekt Zukunft

Er ist ein Fels in der Brandung vorgeblicher Superstars: Thomas Felder berichtet im Horber Kloster von „40 liederlichen Jahren“.

22.11.2010

Von Michael zerhusen

Horb. Thomas Felder ruht in sich. Ernst ist er. Und doch dem Leben zugewandt. Er tritt auf, ohne Rücksicht zu nehmen ? auch aufs Publikum. Sich mit humoristischen Verrenkungen anzubiedern, käme ihm nicht in den Sinn. Stattdessen erzählt er aus seinem Liedermacher-Leben, was ihm bedeutend erscheint. Gut, die Veranstaltung hat ihre Grenzen („sonscht müsst? i bis morge früh om Sechse schpiele?), vor allem aber scheint es ihm ziemlich schnurz, was „die da oben? (auf den Rängen des Theaterraums) meinen. Und dennoch entwickelt sich an diesem Abend im Horber Kloster eine tiefe Verbundenheit zwischen dem Sänger und denen, die ihm zuhören.

Schon vor 25 Jahren, am 15. Juli 1985, eröffnete Thomas Felder zusammen mit Walle Sayer das Nordstetter Gasthaus „Maier?, erstes Dauer-Domizil für das Projekt Zukunft (PZ). Im Jahr zuvor hatte der Liedermacher seine fünfte LP, „Nie wieder Frieden kriegen?, veröffentlicht, für die er mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Die SÜDWEST PRESSE schrieb damals nach dem PZ-Gastspiel: Aus den Liedern des 32-Jährigen „klang Kritik an der Zerstörung der Umwelt, der alltäglichen Bedrohung von Leben und Freiheit?; solche Missstände habe er „mal mit zärtlicher, mal mit verbitterter Stimme? besungen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wieder beim PZ, kommt Felder ziemlich verbittert daher, wenn er Filbinger & Co. oder den Polizeieinsatz am 30. September im Stuttgarter Schlossgarten geißelt. Versteht sich, dass da auch Hohn und Spott nicht fehlen: Er schüttet sie über das „Landesväterle Mappus? und auch schon mal über faule Pädagogen aus („Lehrer werdet Johr für Johr leerer?).

Zärtlich dagegen klingt der Musiker, wenn er sein Glaubensbekenntnis intoniert („Im tiefen Tanz mit dir in dem Moment, da mein Gedanke keine Macht mehr kennt?) oder auch das Herbstlied „Flitterlampio?. Und tief beeindruckend ist, wenn er den jüdischen Schriftsteller Jakob Loewenberg rezitiert („Von Ihren Leuten lebt hier keiner mehr?) oder vom „Holzweg? im Münsinger Statteil Buttenhausen berichtet, genauer: von jenen 109 Pfählen, die dort auf seine Initiative hin am Zugang zum jüdischen Friedhof eingerammt wurden, um an die Ermordung von 109 alten Menschen zu erinnern.

Felder ist im Nachbarort Hundersingen geboren und kandidierte 1997 fürs Bürgermeisteramt in Münsingen, er übersetzte zusammen mit der Israelin Revital Herzog einen jiddisch-hebräischen Roman und führte seine „Schwäbische Vesper? unter anderem in Jerusalem auf. Dieser biografische Hintergrund ist spürbar, wenn er vom Regenbogen über Buttenhausen singt („Do fehlt a Farb??) oder den Krakauer Juden Mordechai Gebirtig auferstehen lässt ? mit dessen Warnung vor dem Antisemitismus („?S brennt?), ins Schwäbische transferiert („Onser Schtädtle brennt ond ihr schtandet rom ond glotzet mit verschränkte Händ??).

Übrigens: Schien ihm das Schwäbische in seiner Jugend eher „die Sprache der Häberles und Pfleiderers? zu sein, so hat sich das süddeutsche Idiom längst zu einer Stärke des Liedermachers entwickelt. Das äußert sich nicht nur darin, dass er das Leben fast durchweg in heimischer Mundart beschreibt, sondern sich auch in köstlichen Wortspielereien ergeht („Als Maa kaa i frau sei über a Frau, dass i se hau?).

Felders dauerhafter Erfolg ? „40 liederliche Jahre? heißt sein aktuelles Programm, das er am Freitagabend präsentiert hat ? liegt zweifellos in seiner Beobachtungsgabe und in der kritischen Zuspitzung politischen und gesellschaftlichen Fehlverhaltens. Aber künstlerische Tiefe findet sich nicht im Zorn über S21, sondern in poetischen Texten und mitreißender Musik. Das gilt für die Vertonung von Hölderlins „Schicksalslied? genauso wie für die Reise im „Sonderzug?, die nicht mehr „z?ruck? führt.

Hier stehe ich und kann nicht anders: Auch nach 40 Jahren auf der Bühne singt und spielt Thomas Felder am Mainstream vorbei. Bild: mz

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Erstellt:
22. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. November 2010, 12:00 Uhr

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