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Carmen und Peter Scheureck sind in Mössingen gestrandet

25 Jahre übers Mittelmeer gesegelt

Nie hätte er geglaubt, dass er ein Vierteljahrhundert vom Festland verschwinden würde. Nach einem Unglücksfall konnte sich Peter Scheureck seinen Jugendtraum erfüllen. 25 Jahre segelte er mit seiner Frau Carmen, einer Mössingerin, über das Mittelmeer. Sie litten an Fernweh, nicht an Heimweh.

29.11.2012
  • Susanne Wiedmann

Mössingen. Er hatte sich geschworen: Wenn er den Unfall überlebte, würde er sich „ein Schiff kaufen und abhauen“. Nicht weniger als neun Monate lag der Lastzugfahrer mit Knochenbrüchen und Verbrennungen im Krankenhaus. Das war 1975. Bis Peter Scheureck tatsächlich die Segel hisste, dauerte es noch einige Jahre. Immerhin musste er die Tour gründlich planen. Scheureck spricht von einer „längeren Phase der finanziellen Vorbereitung“. Seine Frau arbeitete als Texterfasserin bei einer Tageszeitung in Konstanz, später in der Gastronomie. Peter Scheureck bezog Unfallrente. Sie sparten jeden Pfennig. Allein die elf Meter lange Hochseejacht Phantom 35 kostete 300 000 Mark.

Es war ein kühler Tag im Mai vor 25 Jahren, als das Schiff in Friedrichshafen auf einen Tieflader gehievt wurde. Zahlreiche Schaulustige versammelten sich an der Mole. Wenige Tage zuvor hatten die Scheurecks ihre Mietwohnung aufgegeben und ihre Möbel verkauft. „Ein eigenartiges Gefühl“, erinnert sich Carmen Scheureck. Nicht, dass sie besorgt gewesen wären, vielmehr neugierig und gespannt.

Bei Breisach wurde das Schiff, das den Namen „Good luck“ trug, in den Rhein gelassen, von dort schipperten die Scheurecks durch zahllose Kanäle, letztlich über die Rhône, die bei Port St. Louis in das Mittelmeer mündet. Endlich glitten sie vom trüben Flussgewässer ins himmelblaue Meer. Die Mössingerin sagt: „Da breitete sich Euphorie aus.“

Peter Scheureck ist am Meer aufgewachsen, wenn auch nur am Schwäbischen Meer, er ist gebürtiger Konstanzer. Als Kind verbrachte er unzählige Stunden an den Ufern des Bodensees, um die Segelboote auf dem Wasser zu beobachten. Oft waren sie so weit hinausgefahren, dass er nichts als weiße Flecken erkennen konnte. Tagelang lief er durch den Hafen, träumte davon, wenn er älter sein würde, mit einem Schiff über die Weltmeere zu segeln. Aber er träumte nicht nur davon. Er machte das Schifferpatent und den Sportbootführerschein, ließ sich zum Sportseeschiffer und Sporthochseeschiffer ausbilden. Er hatte den Schein für die weltweite Fahrt.

1974 lernte er seine spätere Frau Carmen kennen, die sich bald bewährte. „Ich musste erst testen, ob sie zum Boot passt. Ich brauchte eine Frau, die das aushält.“ Am Wasser zu wohnen und auf dem Wasser zu leben, war eben nicht dasselbe. Das hatte Carmen Scheureck bald gemerkt. Und dennoch: „Das is was“, fand sie schnell heraus. Und er war sich gewiss: „Die bleibt an Bord.“ Ein erstes, sieben Meter langes Schiff wurde jedenfalls schnell zu klein, „weil es keine praktische Kochnische hatte“, erklärt Carmen Scheureck. Sie kauften ein zweites, das zwei Meter länger war. Schließlich schafften sie die Hochseejacht Phantom 35 an, mit der sie auf große Reise gingen.

Es war ein turbulenter Start. „Ein böser Mistral“ trieb sie dazu, drei Tage vor Anker zu gehen. „Wir haben erstmal geschluckt. Das konnte doch nicht die große Freiheit sein“, sagt Carmen Scheureck.

Als der Sturm nachließ, segelten sie in Richtung Spanien. Den ganzen Winter hielten sie sich bei Alicante auf. Den Sommer verbrachten sie auf den Balearen. So ging das die ersten drei Jahre. Danach machten sie sich ins östliche Mittelmeer auf – Korsika, Sardinien, Sizilien, Tunesien, Malta, Ionische Inseln, bis sie die Türkei erreichten, „das schönste Segelrevier“ im Mittelmeer. „Mit geschützten, herrlichen Buchten, sauberem Wasser, freundlichen, hilfsbereiten, liebenswürdigen Menschen“, schwärmt der 70-jährige Skipper. „Unschlagbar!“

Meist gingen die Scheurecks drei Tage vor Anker. Peter Scheureck hatte stets auf dem Schiff zu tun, wartete es, reparierte, schliff, lackierte. Und die Bordfrau fragte sich: Wie kann ich das Schiff gemütlicher machen? Wo ist ein Supermarkt? Wo ein Waschsalon? Einige Jahre beherbergten sie Touristen an Bord, fuhren sie gegen Bezahlung von Bucht zu Bucht. Vier Personen konnten sie aufnehmen. Und irgendwann stieß Bordkatze „Socke“ zur Crew.

Die Scheurecks erkundeten die Umgebung, machten Landausflüge. Die 57-Jährige kletterte gerne auf Berge, um hinabzuschauen, während ihr Mann von unten mit dem Fernglas hinaufblickte. Letztlich blieben sie 22 Jahre in der Türkei. „Heimweh kennen wir nicht. Die Welt ist unsere Heimat“, sagen sie. Aber irgendwann war das Segelrevier ausgereizt. Es war noch etwas: Carmen Scheurecks Schwester starb im vergangenen Jahr. „Und ich war nicht da“, bedauert sie. Plötzlich wurde ihr bewusst: „Ich wollte zurück zu den Wurzeln.“ Sie würde nach Mössingen heimkehren.

Ohnehin sei der Lebensunterhalt ständig teurer geworden, die Bürokratie ständig aufwendiger. Alle 90 Tage eine neue Genehmigung für Schiff und die Segler. Deshalb seien immer weniger Aussteiger und Langzeitsegler auf den Meeren unterwegs, „im Sommer noch viele Neureiche“. Aber wer könne sich das sonst leisten! Carmen und Peter Scheureck lebten überwiegend von der Unfallrente. Und in jeder Hinsicht können sie sagen: Sie sind nicht gekentert. Die Jahre waren großartig. „Kopf und Geist weiten sich auf dem Meer“, sagt der 70-Jährige.

Klar, dass Carmen Scheureck die Rückkehr aufs Festland leichter fiel als ihrem Mann. „Ich bin mit Schiff und Meer verwachsen“, sagt er wehmütig. Aber er weiß, dass die Entscheidung richtig ist. „Wir werden hier nicht versauern. Wir werden wieder reisen. Aber das Segeln mit einem eigenen Schiff ist nun beendet.“ Mit den Jahren hatten sie insgesamt sieben Schiffe – „immer größer und besser“. Ihr letztes war die Charisma, eine 13 Meter lange, komfortable Ferrobetonjacht, die sie zurückgelassen haben und verkaufen werden.

Im Sommer flogen sie für kurze Zeit nach Deutschland, um in Mössingen eine Wohnung zu suchen. Im Oktober kehrten Carmen und Peter Scheureck endgültig zurück. Seither orderten sie dies und das für den Haushalt. „Es ist wie Weihnachten“, sagt sie. „Jeden Tag kommt ein neues Päckchen.“

25 Jahre übers Mittelmeer gesegelt
Carmen und Peter Scheureck an Bord der Charisma.

25 Jahre übers Mittelmeer gesegelt
Die Charisma, das letzte Fahrtenschiff, mit dem Scheurecks unterwegs waren.

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29.11.2012, 12:00 Uhr

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