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Die Detailarbeiter der Forensik

270 hochspezialisierte Mitarbeiter des KTI verwerten kleinste Spuren zur Aufklärung von Verbrechen

Drei Buchstaben stehen für geballte wissenschaftliche Kompetenz: Die Spezialisten des Kriminaltechnischen Instituts, kurz KTI, verwerten selbst die allerkleinsten Spuren eines Verbrechens.

07.12.2016
  • ROLAND MÜLLER

„Alles, was zwischen Täter und Opfer eine Rolle gespielt haben könnte, wollen wir im Labor haben“ – und sei es eine ganze Brombeerhecke. Andreas Stenger, Chef von 270 hochspezialisierten Mitarbeitern des Kriminaltechnischen Instituts, muss keinen Aufwand scheuen, wenn es um die Aufklärung eines schweren Verbrechens geht. Im Fall der ermordeten Freiburger Medizinstudentin haben beharrliche Ermittler, eine hellwache Polizeistreife und eben sein KTI aufs Engste erfolgreich zusammengearbeitet. „Ein Räderwerk, das reibungslos ineinander greift“: Allein 80 promovierte Naturwissenschaftler aller Fachrichtungen arbeiten unter dem Dach des Landeskriminalamtes im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt. Stück für Stück nahmen sie sich die von den Ermittlern am Tatort abgesägte Brombeerhecke vor – und fanden schließlich ein einziges Haar. Nach zweieinhalb Tagen war der genetische Code erforscht, wenig später der mutmaßliche Täter gefasst.

Stenger ist seit 1980 Kriminalist, damals galt die Bestimmung der Blutgruppe als wichtiges Identifikationsmerkmal – zutreffend auf Millionen potentielle Täter. Heute kann der Analyseapparat des KTI aus winzigsten Spuren die DNA herauslesen, für beliebig viele Analysen kopieren und einem einzigen Menschen zweifelsfrei zuordnen. Oder gar Sporen von Blättern sichern, die am Tatort lagen. „Damit können wir heute Taten klären, für die es früher keinen Ermittlungsansatz gab.“ Das gilt auch für längst zu den Akten gelegte Fälle aus der Vergangenheit, die sogenannten Cold Cases, die oft genug mit alten Asservaten, aber neuen Analysemethoden gelöst werden.

Schon mit dem aktuellen Geschehen ist das KTI allerdings gut ausgelastet. Im Durchschnitt zweimal täglich sind die Mitarbeiter an einem Tatort, 35 000 Untersuchungsaufträge werden alljährlich bearbeitet, weitere zehntausend an fremde Labore vergeben. Und 110 000 Asservate füllen das Lager – manchmal eine Brombeerhecke, häufiger indes Rauschgift. Dreieinhalb Tonnen müssen erst gelagert, dann analysiert (der unterschiedliche Wirkstoffgehalt entscheidet später über die Strafhöhe) und schließlich entsorgt werden. Stenger: „Das ist schon ein logistisches Problem.“

Ein schweres Verbrechen beginnt immer mit einer interdisziplinären Fallkonferenz: Ob Blut, Haut oder Sperma, Fingerabdrücke oder Formveränderungen an Gegenständen, Witterungseinflüsse oder so winzige Hinweise, dass man sie schonen muss, um sie nicht zu zerstören: Das Aufkommen an Spuren ist so vielfältig, dass ein einzelner Ermittler überfordert wäre. Stattdessen sitzt er mit den Technikern zusammen und klärt Prioritäten. „Komplexe Spuren muss man ganzheitlich betrachten“, sagt Stenger, deshalb bekommt die Kommunikation der Kriminalisten untereinander in solchen Konferenzen eine feste Struktur. Und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Im Falle der Freiburger Studentin hieß dies: Immer wieder wurden Asservate und Analysen hin- und hergeschickt, unzählige Male sogar mit dem Hubschrauber und ohne Rücksicht auf Arbeitszeiten.

Im KTI steht ein moderner Maschinenapparat bereit; anderthalb Millionen Euro pro Jahr kostet es, ihn aktuell zu halten. Vom Trockenschrank für durchnässte Kleidung bis zur Apparatur, die ganze Räume oder Fahrzeuge mit Cyanacrylat bedampft, um Blutspuren zu sichern. Man kennt den Stoff vom Sekundenkleber, er konserviert die Spuren, zerstört sie aber nicht.

Komplette Tatorte werden virtuell dreidimensional verarbeitet, eine Handskizze zeichnet heute niemand mehr. Geschosse und Waffen sind digital zugeordnet, und natürlich werden auch Fingerabdrücke in Datenbanken gespeichert. Das alles ist teuer, schafft aber Effizienz: „Wir wollen nicht an der Technik sparen, sondern durch sie“, sagt Stenger.

Weltweit vernetzt

Die 16 Fachgruppen des KTI arbeiten Hand in Hand, sind national und international vernetzt: Mehr als drei Dutzend vergleichbarer Institute gibt es in Europa. Man trifft sich regelmäßig, sagt Stenger, „wir leben vom fachlichen Diskurs.“ Sie analysieren nicht nur, sondern forschen auch und entwickeln Best-Practice-Methoden. Die personelle Ausstattung sei gut, sagt Stenger, aber die Ausbildung ist langwierig, denn nicht nur die Technik, auch das Erfahrungswissen zählt. Vor allem aber gilt: „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit“. Deshalb dauert die Arbeit im KTI eben auch länger als im Fernsehkrimi, in dem der Ermittler die Forensiker nur ein bisschen drängeln muss, um nach 45 Minuten ein Ergebnis zu haben.

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07.12.2016, 06:00 Uhr

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