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Prozess am Tübinger Landgericht

28-Jähriger soll kiloweise Marihuana und Amphetamine verkauft haben

Weil er Drogen in großem Stil verkaufte, muss sich ein 28-jähriger Vater zweier Kinder derzeit vor dem Landgericht verantworten. Die meisten Deals liefen im Kreis Tübingen.

24.03.2017
  • Jonas Bleeser

Das hatten sich die Polizisten wohl nicht träumen lassen, die vergangenes Jahr einen 15-Jährigen in Ammerbuch filzten und ein paar Gramm Cannabis fanden: Ihre eigentlich unspektakuläre Routinekontrolle war der Anfang einer der größten Rauschgiftermittlungen der vergangenen Jahre im Kreis. Sie führte am Ende zu knapp 100 Verfahren – und brachte am Mittwoch einen 28-Jährigen vor die 1. Große Strafkammer des Tübinger Landgerichts.

Viele Verfahren nach Zufallstreffer

Denn auf dem Handy des in Ammerbuch erwischten Jugendlichen fand die Polizei Nachrichten, die sie zu einem Kleindealer führten. Über diesen Mann kamen die Fahnder zu zwei weiteren Drogenhändlern aus Kirchentellinsfurt. Und die wiederum brachten die Rauschgiftermittlungsgruppe Reutlingen/Tübingen auf ihren Lieferanten, der einen weiteren Mann aus dem Kreis Tübingen belastete. „Wir haben uns hochgearbeitet“, sagte ein Kripo-Beamter als Zeuge vor Gericht. Der so aufgespürte Dealer entpuppte sich für die Drogenfahndung als Volltreffer. Der Mann, der selbst kiloweise Marihuana, Ecstasy und Amphetamine auf den illegalen Markt brachte, legte bei den Ermittlern eine Lebensbeichte ab: Gegen eine Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm nannte er seine Kunden und Lieferanten. Seither lebt er an einem geheimen Ort und wurde zwischenzeitlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Angesichts der unerwartet ergiebig sprudelnden Quelle richtete die Kripo eine eigene Ermittlungsgruppe ein. Sie überprüfte die Hinweise, was im vergangenen Jahr zu annähernd 30 Durchsuchungen und mehreren Festnahmen führte – und zu Verfahren gegen 78 Beschuldigte wegen Drogenhandels. Einige kleinere Fische erhielten Strafbefehle, andere wurden vom Amtsgericht bereits verurteilt. Als einer der derjenigen, die mit größeren Mengen handelten, ist nun der 28-Jährige angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seit Anfang 2015 mindestens zehn Kilo Marihuana bei einem Kölner Lieferanten gekauft zu haben. Von einem anderen Mann soll er vergangenes Jahr in Filderstadt und Reutlingen 3000 Ecstasytabletten und fünf Kilo Amphetamingemisch bezogen haben, außerdem weitere zehn Kilo Gras. Und bei einem dritten Dealer weitere drei Kilo Cannabis sowie drei Kilo Amphetamine.

Dann soll er die Ware jeweils weiterverkauft haben, regelmäßig auch kiloweise, mit Übergaben in Dußlingen, Tübingen und Pliezhausen. Angeklagt ist er nun wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in 26 Fällen.

„Ich habe beim Lesen der Akte gemerkt, dass ich ziemlich naiv gewesen bin“, bekannte der Vorsitzende Ulrich Polachowski. „Wo gehen solche Mengen an Drogen hier im Sprengel denn hin?“, wollte er vom Angeklagten wissen. „Das nehmen die Leute überall, auf der Schule, bei der Arbeit, an der Uni. Gerade Amphetamine, so zum Lernen“, erläuterte der. Er hat selbst eine lange Suchtkarriere hinter sich: Bereits mit neun Jahren rauchte er, mit zehn begann er zu kiffen, mit elf fast täglich. Mit 15 Jahren kamen alle möglichen Drogen dazu: Ecstasy, LSD, Amphetamine. Mit 17 zog er fast täglich Kokain durch die Nase, später rauchte er es auch. Trotzdem schaffte er eine Ausbildung zum Stukkateur und arbeitete auch mehrere Jahre im erlernten Beruf – bis er den Job verlor, weil er zu oft nicht zur Arbeit kam. Dann pflegte er seinen kranken Vater bis zu dessen Tod.

Er machte eine Entgiftung durch und eine Therapie, eine Bedingung für ein Urteil auf Bewährung. Inzwischen selbst Vater eines Sohnes, eröffnete er eine Bar in Dettenhausen. Anschließend verkaufte er Würstchen im eigenen Imbisswagen in Rottenburg. Doch der wurde 2015 von Unbekannte angezündet. Kurz darauf kam sein zweiter Sohn auf die Welt. „Da ist mir alles über den Kopf gewachsen und ich bin in alte Muster zurückgefallen.“

Mit der Zeit häuften sich die Schulden, derzeit sollen sie bei etwa 25000 Euro liegen. Gleichzeitig stieg der Drogenkonsum – und die Dealerei wurde zur wichtigen Einnahmequelle. Dazu mietete er mehrere Wohnungen, in Horb, Kirchentellinsfurt, Dußlingen und Tübingen. Dadurch habe er auch vermeiden wollen, dass seine Familie in direkten Kontakt mit seinen Drogengeschäften kam. Der Verdienst der riskanten Geschäfte: etwa 500 Euro pro Kilo.

Kalter Entzug im Knast

Im Oktober 2016 klickten die Handschellen. Seitdem sitzt der 28-Jährige in Untersuchungshaft. Im Gefängnis machte er einen kalten Entzug, auf eigenen Wunsch ohne lindernde Medikamente. „Ich strebe ein drogenfreies Leben jenseits der Kriminalität an“, verlas er aus einer vorbereiteten Erklärung. Vor Gericht gestand er die Vorwürfe, an genaue Mengen oder die Anzahl der Übergaben könne er sich aber nicht erinnern. Bei der Polizei machte er ebenfalls Aussagen, die zu weiteren Festnahmen führten. Manche Beteiligte könne er aus Angst um seine Familie aber nicht nennen.

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24.03.2017, 01:00 Uhr

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