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30 000 Besucher kamen zu den 19. Maximilian Ritterspielen nach Horb
Edle Reiter, finst’re Bösewichte

30 000 Besucher kamen zu den 19. Maximilian Ritterspielen nach Horb

Ein wenig Regen, ein wenig Sonne, kein Markt-, dafür ein Festplatz: Die 19. Ritterspiele sind zu Ende. Laut Veranstaltungsagentur MPS zogen in den vergangenen Tagen etwa 30 000 Besucher durch die Gassen Horbs. Laut Ritterverein und Agentur waren die Spiele ein Erfolg, auch wenn es noch an einigen Stellen Optimierungsbedarf gibt.

22.06.2015
  • Hans-Michael Greiss

Horb. Daheim und doch ganz woanders sein, das gelang zum 19. Mal bei den Horber Ritterspielen. Und was selbst in dieser fremden Welt bisher vertraut war, hatte sich in diesem Jahr verändert. Pferdehufe klapperten in diesem Jahr nicht mehr die Marktsteige hinunter, das Rathaus bot nicht die historische Kulisse für das Spiel um den Horber Vertrag.

Wer aber seine Sinne dem Leben im Mittelalter öffnete, dem wurden sie reich gefüllt, die Ohren hörten Musik von Fanfaren und Dudelsäcken, die Augen sahen ein packendes Turnier und Gewänder unterschiedlichster Farben und Materials. Die Nasen umwehten Düfte jeglicher Herkunft und die Hände fühlten weiche Tierfelle oder harte Schwertgriffe. Alle Vorstellungen, die aus dem Mittelalter überliefert sind, wurden an diesem Wochenende lebendig.

Sprachlich nicht so vertraute Begriffe schwirrten über den ausgedehnten Mittelaltermarkt auf dem Flößerwasen, von „allerley Possenreisserey“ war die Rede, für die man „Händegeklapper“ erwartete, falls dies nicht von einem Trinkhorn auf ein Wohlbekomms verhindert wurde. Doch auch neue Sprachen waren zu vernehmen: Zwei Horber Neubürgerinnen, vor Kurzem aus den USA übergesiedelt, fanden den Markt „very lovely“, weil er nicht so „overcrowded“ wie in Esslingen sei. Eine Böblingerin hatte gar die Familie ihrer Schwester aus Nancy eigens für die Ritterspiele eingeladen, und die fanden es in Horb „très joli“.

Im abschließenden Pressegespräch zeigten sich MPS-Projektleiter Chrisopher Wünsche und Rittervereinsvorstand Matthias Ertel sehr zufrieden mit dem Verlauf der 19. Maximilian Ritterspiele. Die Veranstalter schätzten die Zahl der Besucher auf 30 000 – ähnlich wie im Vorjahr. „Die Zusammenarbeit zwischen Verein und Agentur klappte reibungslos“, hieß es bei der Pressekonferenz am gestrigen Sonntag. Die Belegung des Festplatzes sei – im Gegensatz zur Meinung einiger Standbeschicker – gut angenommen worden. Nach der Gesamtanalyse aller Ergebnisse werde man offen diskutieren, im nächsten Jahr auch den Marktplatz wieder einzubeziehen.

Höhe- und Hauptanziehungspunkt war das Turnier, auf dem ganz nach allen Mittelalterklischees Schwerter klirrten, Lanzen splitterten und geharnischte Ritter von aufgezäumten Pferden gestoßen wurden und im sorgfältig aufgeschütteten Sand des Turniergevierts landeten.

Erzählt wurde die Geschichte der Hochzeit des Grafen Albrich von Sulz mit der Fürstin Verena, die durch den Überfall des Thomas von Absberg jäh unterbrochen wird – eines „Bösewichtes, vor dem sich selbst die Ratten in die Gosse drücken“, wie der Herold eindrücklich vermerkte. Feige wechselten die Gefolgsleute des Sulzers auf die Seite Absbergs, und der junge Graf Albrich blieb gebrandmarkt auf dem Tisch der Gerichtsbarkeit liegen. In dieser aussichtslosen Situation erscheint König Ferdinand von Aragon als Retter in der Not. Dem verzagten Sulzer gab er Nachhilfe im Schwertkampf. Wenn auch Absbergs niederträchtiges und recht offenherziges Weib Salome König Ferdinand hinterrücks mit einer Keule vom Pferd schlug, wurde ein neuer Tjost angesetzt, und Mann um Mann niedergerungen, bis sich am Ende nur noch die beiden Paare im Schwertkampf gegenüber standen. Salome lief geradewegs in einen Schwertstreich ihres finsteren Gemahls, der von dem jungen Paar niedergerungen wurde und ein schmähliches Ende fand. Mit König Ferdinands Segen stand der Hochzeit nun nichts mehr im Wege.

Besucherstrom auf Festplatz eher dünn

Neben dem Turnier, stand der große Mittelaltermarkt im Zentrum. Der dehnte sich über den Flößerwasen, bis zu einem Teil des Festplatzes aus. Mittlerweile umfasst der Markt 200 Stände. Einer der Standbetreiber hieß Franz Kuster. Der Schmied ließ seinen Hammer auf dem Amboss erklingen und konnte ganz schnell aushelfen, als am Holzschuh einer Mägdin ein Riemen zu befestigen war, und er einen Schmiedenagel bedarfsgerecht kürzte. Eine Gartenhacke schmiedete er nach Kundenwunsch vor Ort im Holzkohlefeuer um, das er mit einem riesigen Blasebalg anfachte.

Wenig Freude zeigten dagegen die Schmuckhändler über das geringe Kaufinteresse, das diese mit dem Wetter erklärten, da kaum jemand bei Regen stehen bleiben wollte, um in Ruhe einen Ring oder eine Brosche auszuwählen. Auch den hohen Eintrittspreis führten sie als Hinderungsgrund an und warteten am Samstag auf einen Ansturm nach 19 Uhr, wenn sich die Tore zollfrei öffneten. Und in der Tat verdichtete sich der Besucherfluss in der Schillerstraße gegen 20 Uhr, dass es mitunter zu Stockungen kam, während sich die Neckarstraße ruhig gerierte. Selbst die ideale Unterlage zu jeder Jahreszeit – die Rentierfelle – lockten nur wenige, die die weiche Haarpracht streicheln wollten und noch weniger, die sich zum spontanen Kauf dieser natürlichen Isoliermatten entschlossen.

Über Standortprobleme klagte auch die Dienstleister, die hinter das ausgedehnte Ritterlager auf dem Festplatz angesiedelt waren. Von dem hochgewachsenen Röhricht verdeckt, verirrte sich kaum ein Besucher in die idyllische Einöde. Der liebevoll gestaltete Stand mit seinen Demonstrationen, aus Menschen- oder Tierhaaren sowie Pflanzenfasern Tressen zu flechten, stieß auf wenig Interesse.

Belebter ging es bei den zahlreichen Gruppen der Spielleuten zu. Näselnde Dudelsäcke erfüllten den Flößerwasen, als kostümierte Gestalten mit abenteuerlichen Namen wie Bandourozka, Drachenmond, Fortunatus, Dopo Domani, G’hörsturz, Tinnitus Brachialis, Heidenlärm oder Spektaculatius so richtig loslegten und ihre Spielfreude unter Beweis stellten. Mit teilweise derben und drastischen Ausdrücken brachten sie ihre Zuhörer in Stimmung, doch schienen sie selbst am meisten Spaß an dem Geschehen zu haben. Als sich mehrere Gruppen auch noch auf der Bühne an der Inselspitze versammelten, geriet die Stimmung über den Siedepunkt.

Das alte Freibad war den Kinderthemen gewidmet, eine Burg konnte mit Katapulten belagert werden und die edlen Handwerkskünste des Seifensieders und Kerzenziehers luden zum Mitmachen ein.

Gesternabend war dann alles wieder vorbei. Die Zelte wurden abgebaut, nur die Rufe vereinzelter Trunkenbolde waren noch durch die Gassen zu hören. Im Gegensatz zu den Organisatoren hatte die Polizei am Wochenende wenig zu tun. Polizei Oberkommissar Holger Herzog: „Es gab zwei drei kleinere Scharmützel, aber sonst so gut wie nichts.“

Siehe auch Bilderseite, Außerdem und Galerie auf www.neckar-chronik.de

30 000 Besucher kamen zu den 19. Maximilian Ritterspielen nach Horb
Der Festplatz wurde bei den 19. Maximilian Ritterspielen zum ersten Mal in das Konzept miteinbezogen. Bilder: Kuball

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22.06.2015, 12:00 Uhr

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