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Tübingen hilft Asylbewerbern

300 Personen machten beim ersten Flüchtlingsgipfel der Stadt mit

Eine rappelvolle Mensa in der Uhlandstraße zeigte: Die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge ist riesengroß. 300 Leute – Einzelpersonen wie Vertreter von 100 Institutionen und Initiativen – kamen am Dienstagabend zum Tübinger Flüchtlingsgipfel. In Arbeitsgruppen entwickelten sie Ideen, skizzierten bereits einzelne Projekte und sammelten Zusagen fürs Mitmachen.

04.12.2014
  • Gernot STegert

Tübingen. Oberbürgermeister Boris Palmer war begeistert, als er vor sich die fast 300 besetzten Stühle in der Mensa in der Uhlandstraße sah und etliche Stehende auffordern musste, die Fluchtwege freizulassen: „Dass der Saal die Menschen nicht fasst, hätte ich mir vor einem Jahr nicht träumen lassen.“ Die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge „ist zuallererst eine menschliche Verpflichtung“, sagte Palmer, „liegt aber auch in unserem Eigeninteresse“. Dabei verwies er auf den demografischen Wandel und den Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften. Der Grünen-Politiker stellte die Vorteile des aktuellen und vor allem in der eigenen Partei umstrittenen Asylkompromisses dar: „Drei Säulen der Abschreckung sind gefallen.“ Künftig darf ab drei Monaten Aufenthalt Arbeit aufgenommen werden, Flüchtlinge können sich frei bewegen und Sach- werden durch Geldleistungen ersetzt.

Der OB sieht bei der Hilfe für Flüchtlinge „die Stadtgesellschaft gefordert“. Die Stadt werde das Engagement unterstützen. Die Verwaltung habe dafür im neuen Etat 100 000 Euro vorgesehen. Die „Stadtgesellschaft“ brauchte nicht gebeten zu werden. Eigentlich waren drei Arbeitsgruppen unter der Leitung der drei Bürgermeister zu den Bereichen Arbeit und Beschäftigung, Bildung und Betreuung sowie gesellschaftliche Integration geplant. Doch weil 300 Engagierte sich auf diese verteilten, waren die Rieseneinheiten nicht mehr arbeitsfähig. Also bildeten sich flugs Untergruppen.

Fast anderthalb Stunden wurden Ideen und vorhandene Angebote auf Kärtchen erst gesammelt, dann strukturiert und priorisiert. Dabei zeigte sich immer wieder, was Palmer so formulierte: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden.“ In Tübingen gibt es bereits eine Fülle von Institutionen und Initiativen, die Flüchtlingen helfen. Sie sollen nicht an den Rand gedrängt, sondern gerade gestärkt, vernetzt und um das ergänzt werden, was noch fehlt.

Die Arbeitsgruppen haben ihre Vorschläge unterschiedlich stark bündeln können. Die AG Arbeit und Beschäftigung wählte von zehn Vorschlägen drei Projekte aus, die weiter verfolgt werden sollen: einen „Talentschuppen“ für junge Handwerker, einen „Berufspiloten“ zur Vermittlung von Stellen (in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur) und Sprachpaten.

Bei Bildung und Betreuung zeichneten sich als Schwerpunkte ab: Mentorenprogramme, Übersetzerpools, Sprachkurse für Erwachsene, Hausaufgabenbetreuung/Nachhilfebörsen, Begleitung in Gesundheitsfragen (etwa bei Arztbesuchen) und Freizeitaktivitäten. Außerdem sollen Angebote auch sozial-räumlich koordiniert werden. So ist ein Bündnis Nord, ein Bündnis West und ein Bündnis Süd vorgesehen. Eine extra Arbeitsgruppe (mit Schulrektorinnen) überlegte sich Lösungen für die Integration an Gymnasien. Die AG gesellschaftliche Integration hatte manche Überschneidung zu anderen Gruppen, viele weitere Ideen , aber noch keine konkreten Projekte. Eine kleinere Gruppe hat ein Nachfolgetreffen vereinbart.

Die Verwaltung hat alle Vorschläge des Gipfels gesammelt, dokumentiert sie nun (auch auf www.tuebingen.de/fluechtlingsgipfel) und koordiniert das weitere Vorgehen. Nächster Schritt ist die Einrichtung von Runden Tischen zu einzelnen Projekten. Am Ende soll ein zweiter Flüchtlingsgipfel alles bündeln.

Der Flüchtlingsgipfel ist eine Initiative des Gemeinderats auf Anregung des FDP-Stadtrats Dietmar Schöning und wurde innerhalb weniger Wochen umgesetzt. Ziel ist die Koordination und Vernetzung aller, die bei der Integration von Flüchtlingen mit anpacken wollen, das Zusammentragen konkreter Projektideen und Maßnahmen sowie das Festlegen einer Arbeitsstruktur für das weitere Vorgehen.

Baubürgermeister Cord Soehlke gab einen kurzen Überblick über die festen und geplanten Standorte (wir berichteten). Die Landeserstaufnahmestelle beim Landratsamt sei „relativ wahrscheinlich“ und soll 500 bis 1000 Menschen ein erstes Obdach bieten. Hinzu kämen rund 500 Flüchtlinge in einer vorläufigen Unterbringung durch den Landkreis sowie 200 bis 300 in einer sogenannten Anschlussunterbringung. Die Stadt habe dezentrale Unterkünfte gesucht, die in Wohngebieten und nicht außerhalb lägen.

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04.12.2014, 12:00 Uhr

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