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Mehr als 600 Zuschauer kamen zur Eröffnung

32. Französischen Filmtage: Knattern zum Gedenken

James Bond ist das Kinoereignis der Woche? Nicht in Tübingen. Hier strömen die Massen zu den Französischen Filmtagen – zumindest zur Eröffnungsgala, die gestern Abend über die Bühne des Kinos Museum gegangen ist.

05.11.2015
  • KLAUS-PETER EICHELE

Tübingen. Wer auf die Schnelle noch einen der 630 Plätze im großen Museumssaal ergattern wollte, vielleicht angespitzt vom verführerisch illuminierten Kinoportal, hatte diesmal keine Chance. Die Auftaktveranstaltung war schon viele Tage im voraus ausverkauft – was auch für Tübingen größtes Filmfestival keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht lag’s daran, dass diesmal, anders als im Vorjahr, zur Einstimmung kein harter politischer Filmstoff über die Leinwand ging, sondern eine leichte Komödie. So etwas kommt in Tübingen immer gut an.

Das teils geladene, teils zahlende Publikum wurde sodann Zeuge einer Zäsur. Nach mehr als 20 Jahren, in denen Stefanie Schneider (anfangs noch zusammen mit Dieter Betz) die Zeremonie moderiert hatte, hat sich das Filmtage-Urgestein nun aus dem Rampenlicht zurückgezogen. „Irgendwann ist einfach genug, das sollen jetzt mal andere machen“, hatte Schneider schon im Vorjahr angekündigt. Statt ihrer oblag es nun der langjährigen Filmtage-Pressesprecherin Andrea Bachmann, die Prominenz auf der Museums-Bühne mittels knackiger Interviews von langwierigen Grußworten abzuhalten – was ihr vielleicht nicht ganz so schlagfertig wie ihrer Vorgängerin, aber genauso charmant gelang.

Flankiert wurden die Gast-Auftritte diesmal von etlichen Clips und Einspielern – allesamt fabriziert vom äußerst rührigen Festival-TV. Zunächst gab es mit Leuten aus dem Publikum Live-Interviews, die, wie die gesamte Veranstaltung, direkt ins Internet übertragen wurden. Danach absolvierte der Festivalleiter (und gelernte Schauspieler) Christopher Buchholz sein Pflichtprogramm – die Filme schmackhaft machen, den Sponsoren danken – in Form eines Sketchs von der Leinwand herunter, während er auf der Bühne vorerst nur pantomimisch in Erscheinung trat.

Für den berührendsten Moment des Abends sorgte ein älterer Filmbeitrag über den Hausherrn Volker Lamm, der vor drei Wochen im Alter von 73 Jahren gestorben war. Lamm hatte den Filmtagen von Beginn an in seinem Museum ein Obdach gegeben. In den letzten Jahren unterstützte er das Festival noch weit darüber hinaus, indem er mehrere Preise stiftete. „Mit seiner Großzügigkeit und seinem Lachen war er für mich wie Santa Claus“, ergänzte Christopher Buchholz die bewegenden Bilder. Zum Gedenken an den passionierten Biker simulierten die Zuschauer anschließend kollektiv das Knattern einer Harley- Davidson.

Die Reihe der Gruß-Gäste eröffnete der französische Botschafter in Deutschland, Philippe Etienne. So hohen Besuch von französischer Seite hatten die Filmtage schon lange nicht mehr. Anschließend outete sich Tübingens OB Boris Palmer mit vollem Körpereinsatz als Science-fiction- und Actionfilmfan, ehe er ganz ernsthaft den Film „Die Spartaner“ aus dem Filmtage-Programm empfahl. Die Doku über die schwierige Integration zugewanderter Jugendlicher in Frankreich nehme vorweg, was Deutschland mit seinen vielen Neubürgern jetzt bevorstehe.

Für den eleganten Übergang zum Eröffnungsfilm und seinem anwesenden Regisseur sorgten Laura Faul und Frieder Anders von der Tübinger Tanzschule Danzon. Ihre Performance war inspiriert von Jean-Pierre Améris Film „Die Sprache des Herzens“, der im Vorjahr den Verleihförderpreis der Französischen Filmtage gewonnen hatte. Bevor dann endlich die Leinwand strahlte, tat Améris dem Publikum noch kund, welche zwei Fragen ihn zu seinem neuen Opus „Famille à louer“ bewogen haben: „Warum ist es so traurig, keine Familie zu haben? Und warum ist es so schwierig, eine Familie zu haben?“

32. Französischen Filmtage: Knattern zum Gedenken
Wenn es im Foyer des Kinos Museum dermaßen eng zugeht, kann das nur eins bedeuten: Die Französischen Filmtage werden eröffnet.Bild: Sommer

Die Französischen Filmtage zeigen bis zum kommenden Mittwoch knapp 100 aktuelle Filme aus dem gesamten frankophonen Raum. Spielorte sind in Tübingen die Kinos Museum (alle drei Säle), Arsenal und Atelier, in Rottenburg das Waldhorn und in Mössingen die Lichtspiele. Eine weitere Außenstelle gibt es in Stuttgart. Das Festival wurde 1983 von Pierre Achour in Reutlingen gegründet. Seit 1984 residiert es in der Unistadt. Es ist heute das größte Schaufenster für französischsprachiges Kino in Deutschland. Das Budget beträgt zurzeit 378 000 Euro. Der thematische Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf den politischen Verhältnissen in Frankreich. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Filmen, aber auch mehrere Diskussionsveranstaltungen.

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05.11.2015, 12:00 Uhr

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