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Mit der „Karola-Bloch-Stiftung“ zurück zu den Wurzeln

40 Jahre Hilfe zur Selbsthilfe

Seit 40 Jahren besteht der Verein „Hilfe zur Selbsthilfe“. Mit der Gründung einer Stiftung will er sich nun schrittweise von wirtschaftlichen Aufgaben befreien – aber auch die Erinnerung an Karola Bloch wach halten.

27.10.2011
  • Bernd Ulrich Steinhilber

Reutlingen/Tübingen. Eng verknüpft ist „Hilfe zur Selbsthilfe“ mit der Person und Lebensgeschichte von Karola Bloch. Ihre Empörung über die Chancenlosigkeit entlassener Strafgefangener veranlasste sie, gemeinsam mit ihrem Mann Ernst Bloch und weiteren Unterstützern, zur Gründung des Tübinger Vereins, der in Reutlingen seine Geschäftsstelle unterhält und die Hälfte seiner Einrichtungen betreibt.

Dabei war „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu jener Zeit alles andere als ein Modebegriff, schilderte Vorstandsvorsitzender Michael Wandrey bei einem Pressegespräch die von den Gründungsmitgliedern intendierte Programmatik. Ganz bewusst habe man sich für dieses Handlungsprinzip Sozialer Arbeit entschieden, verstanden als ein Beitrag zur gesellschaftlichen Reform durch die Praxis.

Gefördert von Bundespräsident Gustav Heinemann, Bundeskanzler Willy Brandt, Spiegel-Verleger Rudolf Augstein und HAP Grieshaber erwarb der Verein 1972 in Reutlingen ein Haus, um eine erste sozialtherapeutische Wohngemeinschaft für junge Strafentlassene einzurichten. Sozial- und kriminalpolitische Vorschläge flossen 1976 in die Reform des Strafvollzugsgesetzes.

Das bundesweit erste Modellprojekt zur Erprobung des Täter-Opfer-Ausgleichs leistete 1990 einen wesentlichen Beitrag zur Reform des Jugendgerichtsgesetzes. Besondere Anerkennung, so Wandrey, „finden vor allem unsere Bemühungen um die Ausbildung und Beschäftigung benachteiligter Menschen sowie unsere Mobile Jugendsozialarbeit“ – wobei es dem Verein gelungen sei, ein regionales Netzwerk sozialer Hilfen zu knüpfen.

So betreue man Täter und Opfer von Straftaten im gesamten Landgerichtsbezirk Tübingen, biete man in zwei Aufnahmehäusern und im betreuten Wohnen Strafentlassenen Hilfe bei der Arbeitssuche an, leiste Erziehungshilfe für Familien und Jugendliche in den Landkreisen Tübingen, Reutlingen, Calw. Und in Tübingen, Reutlingen, Eningen, Metzingen, Bad Urach und Trochtelfingen sei man mit Jugendberatung und Streetwork präsent.

Außerdem bietet Hilfe zur Selbsthilfe in seinem Wendelsheimer Metallverarbeitungsbetrieb GIBA (Integration, Beschäftigung und Ausbildung) und dem Warenhausdienstleister INTRO (Integrations- und Tagesstrukturierungsbetriebe Rottenburg) über 100 benachteiligten Menschen Ausbildung und Beschäftigung an. Dabei sei GIBA mit über 40 Azubi einer der größten Ausbildungsbetriebe in der Region – und anerkannterweiseweise erfolgreich. Laut Wandrey sind neunzig Prozent der Abgänger nach bestandener Facharbeiterprüfung im ersten Arbeitsmarkt untergekommen.

70 hauptamtliche Mitarbeiter stehen derzeit in Diensten des Vereins, der jährlich rund 2.000 Klienten unterstützt, einen Etat von 4,5 Millionen Euro bewegt und dabei 700.000 Euro erwirtschaftet – durch Eigenerlöse sowie mit Hilfe von Spenden und Bußgeldern.

Die nunmehr realisierte Stiftung soll gerade das „Eigensein und Selbstbewusstsein“ des Vereins stärken – und ihn unabhängiger von öffentlicher Förderung machen. „Wir wollen zurück zu den Wurzeln“, sagte Wandrey. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sollen von allen wirtschaftlichen Aufgaben befreit werden und sich mit ganzer Kraft auf ihre Kernanliegen konzentrieren können – und das sei nun mal die Lobbyarbeit für sozial benachteiligte Menschen.

Leider liege es im Trend, dass öffentliche Träger eng umrissene Leistungen ausschreiben und einkaufen. „Aber wir sind keine Firma. Um gute Soziale Arbeit zu machen, werden wir mehr gesellschaftliche Unterstützung brauchen“. Andernfalls könnten „Gestaltungsfragen an den Rand gedrängt werden.“ Mittelfistig soll die Stiftung Fundraising, Vermögensverwaltung und hauptamtliche Arbeit unter ihrem Dach bündeln. Als ersten Schritt hat der Verein nun die Gesellschafteranteile an der GIBA im Höhe 300.000 Euro in das Stiftungsvermögen eingebracht.

Für Welf Schröter ist die Stiftung ein „wichtiger Beitrag zur Würdigung des Lebenswerkes von Karola Bloch“. Die Namensgebung, sagte der Vizepräsident der Ernst-Bloch-Gesellschaft, trage dazu bei, „noch intensiver die Aufmerksamkeit auf die Lebens- und Wirkungsgeschichte der Architektin und Gegnerin des Nationalsozialismus zu lenken“.

Info: Zum 40-jährigen Jubiläum lesen Anne Frommann und Welf Schröter am Donnerstag, 3. November, 20 Uhr, bei Osiander, Wilhelmstraße 12, Tübingen, aus Karola Blochs Texten.

Am Freitag, 25. November, 14.30 Uhr, geht es beim Festakt im Reutlinger Spitalhof um Karola Bloch und die Vereinsgründung von Hilfe zur Selbsthilfe – und die neue Stiftung.

40 Jahre Hilfe zur Selbsthilfe
Karola Bloch, 1905-1994. Archivbild: Berardi

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27.10.2011, 12:00 Uhr

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