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Die Keim-Zelle ging auf

40 Jahre autonomes Kulturzentrum

Es ist ein echter 68-er: Das autonome Kulturzentrum Zelle wird 40 und blickt nicht nur räumlich auf eine bewegte Geschichte zurück. Bis die Zelle auf der Insel sesshaft wurde, war es ein weiter Weg.

01.10.2008
  • uschi kurz

Reutlingen. „Eine Zelle ist, wenn man nicht an die im Gefängnis denkt, etwas sehr Lebendiges. Etwas, was sich weiterbildet.“ So beschrieb Willy Mexico 1968 in seiner Kolumne im „Reutlinger Wochenblatt“ weitsichtig die Gründung des selbstverwalteten Jugendzentrums „Galerie Zelle“.

Am 6. Juli 1968 zog das Jugendhaus in dem ehemaligen Lagerhaus der Firma Samen Sprandel in der damaligen Lederstraße 8a (zwischen heutiger Post und Bahnhof) ein. Kunst, Information und Kultur ohne Schlips und Kragen wollten die jungen Leute bieten, die die baufälligen Räumlichkeiten angemietet und notdürftig renoviert hatten. Die Keim-Zelle mit antifaschistischem Anspruch entwickelte sich Ende der 60er Jahre rasch zur Anlaufstelle für kritische Jugendliche. Unzählige Konzerte (von den Lokalmatadoren Schwoißfuß bis zu den Toten Hosen), Diskussionen, Lesungen, Filmabende und Ausstellungen gingen über die Bühne. Jährlich kamen über zehntausend Besucher/innen. Der Eintritt kostete nie mehr als drei Mark.

Der Betreiber der benachbarten Samenhandlung stand mit der Zelle von Anfang an auf Kriegsfuß wie ein Briefwechsel mit OB Oskar Kalbfell belegt. Der „schwunghafte Handel mit alkoholischen Getränken“ wurde ebenso beklagt wie „der härteste Beat“, der bereits morgens gespielt werde. Zudem führten die unzureichenden sanitären Anlagen bei Veranstaltungen zu Verunreinigungen, „Schweinereien“, die der Nachbar nicht länger hinzunehmen gewillt war.

Die erste Kündigung drohte bereits 1971, fünf Jahre später erhob die Bundespost Anspruch auf das Gelände, doch die Zelle ließ sich nicht vertreiben. Noch nicht. 1981 wurde das Jugendzentrum tatsächlich fast dicht gemacht. Die Polizei war zeitweilig Stammgast, weil sich die Anwohner wegen Ruhestörung beklagten. Die Bereitschaft mancher Stadträt/innen der Zelle weiter Zuschüsse zu gewähren, sank auf den Tiefpunkt, als die Selbstverwalter ein „letztes“ Angebot der Stadt ablehnte, in eine der ehemaligen Arbeiterbaracken hinter der Firma Emil Adolff in der Schieferstraße umzuziehen.

Stattdessen wurde die Zelle renoviert. Noch zwei Jahre wurde in dem alten Schuppen gerockt, dann standen die Abrissbagger vor der Tür. Zuvor tat sich in der „Oberen Wässere“ eine Alternative auf. 1983 zog die Zelle, die fortan als „Kulturschock“ firmierte, in der von der Stadt für 250 000 Mark sanierten ehemaligen Halle der Karosseriefabrik Wendler ein. Der Ärger wegen des Lärms ging weiter: Bereits zum Eröffnungskonzert mit Splash kam die Polizei. Auflagen und ein jahrelanger Rechtsstreit mit den Nachbarn folgten. Die Gegenkultur blühte dennoch: 1988 wurde „chaotisch, schrill und produktiv“ 20-jähriges Bestehen gefeiert.

1990 streckt die Immobilienfirma Schöller und Partner ihre Finger nach der „Oberen Wässere“ aus und die Raumfrage wird wieder virulent. Mit einer spektakulären Besetzung des Foyer U3, dem erklärten Wunsch-Domizil, machte der Verein im April 1993 auf seine Forderungen aufmerksam. Die Stadt, vor allem der damalige Bürgermeister Christof Eichert, reagiert verschnupft und es ist erst einmal Sendepause. Doch hinter den Kulissen kommt Bewegung in die Angelegenheit. Die Kulturschocker stimmen einem Umzug auf die Bobrzyk-Insel am Arbachknoten zu, der Neubau wird von der Stadt und der Zelle gemeinsam geplant.

Bevor die Zelle zu neuen Ufern aufbrechen konnte, gab es noch einen Schock in der alten Unterkunft: Im September 1994 überfallen Skinheads das Jugendzentrum, vier Besucher kommen teils schwer verletzt ins Krankenhaus. Einige der Angreifer werden festgenommen und später verurteilt.

Am 29. Juni 1996 steigt die letzte Party, dann wird die alte Zelle abgerissen. Zur Eröffnung am 2. Juli auf der Insel spielt Schwoißfuaß, die Schwabenrocker deren Karriere wie die vieler anderer Bands in der Zelle begann. Im September 1996 wird der Neubau, der vom Investor Willi Schöller zur Hälfte mitfinanziert wird, eingeweiht. Der Wohnsitz der „Zellis“ hat sich im Laufe der vier Jahrzehnte erheblich verändert. Das erklärte Ziel der Bewohner – Kulturgeschichte von unten zu schreiben – ist geblieben.

40 Jahre autonomes Kulturzentrum
Die Ur-Zelle im Lagerhaus der Firma Samen Sprandel.

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01.10.2008, 12:00 Uhr

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