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Dicke Luft in Hirrlingen

40-Tonner donnern durchs Wohngebiet

Weil die Bietenhauser Straße saniert wird, leitet das Landratsamt Schwerlastverkehr in die Hirrlinger Siedlung. Anwohner zählten mehr als 400 Lastwagen am Tag.

18.04.2019

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Alle ein bis zwei Minuten fährt so ein Brummer durch die Wohnsiedlung am Nordrand Hirrlingens, hier durch den Meisenweg. Bilder: Gert Fleischer

Es ist schlimm, das ist nicht tragbar.“ So formuliert es Hirrlingens Bürgermeister Christoph Wild. Er meint damit die Verkehrssituation, wie sie sich seit Montag am Nordrand der Gemeinde im Wohngebiet östlich der Frommenhauser Straße darstellt. Ein aufgebrachter Anwohner sagt: „Menschenleben interessieren das Landratsamt und den Nabu nicht.“ Ein anderer ergänzt: „Es gibt auch viele Hirrlinger, die dahinter stehen: die IG Vogelschutz.“ Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) siedelt in Hirrlingen erfolgreich Rebhühner wieder an. Das passt nicht zusammen mit einer möglichen Betriebsstraße durch die Felder, auf der Lastwagen zum Schotterwerk Heinz fahren könnten. Wild meint, beides gehe nebeneinander.

Den Rentner Klaus Barwig, Frommenhauser Straße 28, erwischt es gerade heftig, denn der Schwerlastverkehr windet sich rechtwinklig um sein Grundstück herum. „Meine Enkel lass’ ich gar nicht mehr naus“, sagt Barwig. Das Gleiche erleben Hirrlinger Familien, die am Drosselweg, Meisenweg, an der Eichenberg- und an der Lindenstraße wohnen: Fünf zusätzliche Kurven auf einer Strecke von lediglich 350 Metern müssen die Transporter, mehrheitlich 40-Tonner, durchfahren, bis sie wieder auf die Hauptstraße Richtung Rottenburg kommen. Und das durch Wohnstraßen, im Begegnungsverkehr und in einer Frequenz bis zu einem Lastwagen pro Minute.

Die Bordsteine wackeln schon

Die Laster können gar nicht anders, als hier und da über den Gehweg zu rollen, auch wenn das Landratsamt vor Freigabe der Umleitung Testfahrten gemacht hat. Helmut Saile hat sein Versicherungsbüro am Meisenweg. Vorgestern habe er hin und zurück 439 Lastzüge gezählt, sagt er. Die Bordsteine vor seinem Haus wackelten schon am Montagabend. Die Gemeinde habe sich zusätzliche Warnbaken ausgeliehen, um damit die Gehwege zu schützen, etwa wenn sich zwei Laster begegnen. Teilweise mussten die Brummifahrer rangieren, um aneinander vorbeizukommen, berichtet ein anderer Nachbar.

Beuter und Barwig fühlen sich nicht ernst genommen, weil das Landratsamt den Hirrlinger Wunsch abgelehnt hat, die Umleitungsstrecke auf Fahrzeuge mit maximal 7,5 Tonnen Gesamtgewicht zu limitieren. Begründung: Dann dürfe auch kein Bus, kein Müllfahrzeug und kein Heizölanlieferer mehr durch. Das versteht auch der Bürgermeister nicht. Ob „Anlieger frei“ und eine Ausnahme für den Bus oder irgendwie anders – das müsse doch zu regeln sein, meint Wild. Aber nicht er treffe die verkehrsrechtliche Anordnung.

Weitere Umleitung wird geprüft

Wild hatte, wie er berichtet, den halben Montag und fast den ganzen Dienstag Gespräche. Mit den Nachbargemeinden habe er geredet, die für eine alternative Umleitung ihre Zustimmung geben müssen. Denn nach dem Aufruhr im Ort prüft die Kreisverwaltung, ob der Schwerlastverkehr vom und zum Schotterwerk Heinz in Frommenhausen über Wachendorf, Höfendorf und Rangendingen geleitet werden kann. Aus lauter Druck und Not wollte Wild dem Landratsamt zuarbeiten, damit rasch entschieden werden kann.

Genau diese angestrebte überörtliche Umleitung hatte das Schotterwerk schon aus eigener Initiative auf seiner Homepage abgebildet, und zwar für die Anfahrt. Für die Abfahrt rät die Firma zur Strecke über Schwalldorf und Bad Niedernau.

Die Belastung war abzusehen

Diese Streckenempfehlung – „Wir können nur empfehlen, nicht anordnen“ – nehmen die Kunden aber nicht an. Nach Auskunft der Firma Heinz wurden sie alle per e-Mail auf die Situation aufmerksam gemacht, die aktuellen Kunden zusätzlich per Briefpost. „Es war uns klar, dass das eine Belastung ist, wenn eine Umleitung durch ein Wohngebiet führt“, heißt es bei Heinz. „Aber wir können ja nicht drei Wochen schließen und die Leute heimschicken.“

Sauer sind betroffene Hirrlinger auch auf Rottenburg. Denn auf Rottenburger Markung liegt der Steinbruch samt Schotterwerk. Doch jetzt, da Landkreis und Gemeinde Hirrlingen die Bietenhauser Straße herrichten und eine Umleitung des Verkehrs durch Frommenhausen, Schwalldorf, Bad Niedernau und Rottenburg möglich und nötig wäre, ist in Schwalldorf auch eine Baustelle, so dass Lastwagen nur schwer durchkämen. „Da glaubt doch keiner an Zufall“, schimpft Benjamin Beuter. Auch die Serpentinen von Schwalldorf hinunter ins Neckartal schrecken ab.

Die Stadt Rottenburg sagt dazu: „Es ist eine innerörtliche Umleitung in Hirrlingen, die vom Landratsamt so festgelegt wurde. Da muss die Nachbarkommune auch nicht gefragt werden. Das Landratsamt hat diese Umleitung offensichtlich für geeignet gehalten und keine Notwendigkeit gesehen, sich diesbezüglich mit dem Ordnungsamt Rottenburg abzustimmen. Das ist auch ein ganz normaler Vorgang und in Ordnung so.“

Zufall, Glück oder Geschick: Schwalldorfs Ortsdurchfahrt wird saniert.

Inwieweit das Schotterwerk gegen die bei der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung festgelegte Obergrenze von täglich 156 Fahrten durch Hirrlingen verstößt, vermag Christoph Wild nicht abschließend zu beurteilen. Nach seiner Kenntnis sei die Firma Heinz gegen diese Auflage vorgegangen. Wild meint, bis über die Anfechtung entschieden ist, müsse die Auflage gelten. Dann wäre nach 156 Fuhren Schluss. Das Landratsamt sagt dazu, die Anordnung befinde sich „gegenwärtig unter gerichtlicher Prüfung durch das Verwaltungsgericht Sigmaringen“. Hirrlingens Bürgermeister hat nichts grundsätzlich gegen das Schotterwerk: „Eine baustellennahe Rohstoffversorgung ist aus ökologischer Sicht sinnvoll.“

Viele Fuhren für die B28 neu

Das Unternehmen Heinz bestätigt, dass viele zusätzliche Fahrten durch die Anlieferung von Abraum an die Baustelle der B28 anfallen. Man rechnet sie offenbar nicht in das zulässige Kontingent ein: „Diese Fahrten wurden von anderer Seiten disponiert.“ Laut Regierungspräsidium gehen sie zur Baustelle für den Knoten bei Weilheim.

Beuter bringt einen anderen Aspekt: „Stumpp Straßenbau macht die B28, Stumpp macht die Straße in Schwalldorf, Stumpp macht die Straße in Hirrlingen, Stumpp macht die Straße in Rangendingen, Stumpp ist zu 40 bis 50 Prozent Teilhaber beim Schotterwerk Heinz. Da geht‘s bloß ums Geld.“ Für die Beteiligung der Straßenbaufirma am Schotterwerk fanden wir Hinweise; wie groß der Anteil ist, konnte uns die Firma Stumpp gestern nicht sagen.

Der Zeitplan passte nicht

Laut Barwig und Beuter fahren die Lastwagen von 5.30 bis 18.30 Uhr. Die Öffnungszeiten des Schotterwerks sind von 6 bis 18 Uhr. Die Straßenverkehrsbehörde beim Landratsamt gab der Umleitung durchs Wohngebiet kein zeitliches Limit – es könnte also die ganze Nacht durch gefahren werden.

Nach der vom Landratsamt erläuterten Planung hätte es nicht so schlimm kommen dürfen. Mit der Sanierung der Bietenhauser Straße in Hirrlingen wurde am Montag begonnen, weil in den Ferien weniger Verkehr ist. Die Abfuhr von Abraum aus dem Schotterwerk zur B28 „sollte nach Betreiberangabe vorige Woche abgeschlossen werden“. Das ist nicht gelungen.

Ziemlich verwaltungstechnisch äußert sich die Kreisbehörde zu einer Tonnage-Beschränkung auf der Umleitung durchs Wohngebiet. Unsere Übersetzung: Ein Verbot für Kraftfahrzeuge über 3,5 Tonnen wäre möglich; Pkws und Omnibusse wären vom Verbot ausgenommen. Bevor ein so weitgehendes Verbot ausgesprochen wird, muss den Betroffenen – hier also in erster Linie dem Schotterwerk und seinen Kunden – „eine mögliche Umleitung angeboten werden“. Das Verbot müsse nicht nur in zeitlich „ausreichendem Abstand“ angekündigt werden, sondern eine andere Umleitung angeboten werden.

In der verkehrsrechtlichen Anordnung vom 22. März hat das Landratsamt nur eine Umleitung für den Verkehr zwischen Hirrlingen und Bietenhausen/ Höfendorf angeboten, nicht für den von und nach Frommenhausen. Der nächste Satz soll wahrscheinlich eine Erklärung dafür sein: „Selbst wenn überörtliche Umleitungen ausgewiesen werden, zeigt die Erfahrung von anderen Baustellen, dass dort, wo für den ÖPNV eine innerörtliche Umleitung ausgewiesen wird, über kurz oder lang, auch alle anderen Kraftfahrzeuge die innerörtliche Umleitung nutzen.“

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Erstellt:
18. April 2019, 02:00 Uhr
Aktualisiert:
18. April 2019, 02:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 02:00 Uhr

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