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Kopfstoß führt Hells Angel in den Knast

48-jähriger wurde während der Bewährung rückfällig

Am Ende war das Schöffengericht überzeugt: Der Hells Angel versetzte einem Diskotheken-Gast grundlos einen Kopfstoß. Weil der 48-Jährige in der Bewährung rückfällig wurde und keine günstige Prognose hat, wurde er zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt.

21.10.2014
  • Uschi Kurz

Reutlingen. Der kollektive Gedächtnisverlust der Gäste, die am 2. März in der Ofterdinger Disko B 27 mit der Frau des Reutlinger Hells-Angels-Präsidenten Geburtstag feierten, dauerte auch am Dienstag an. Zwei weitere Security-Mitarbeiter, die gehört wurden, wollten von dem „Vorfall“ nichts mitbekommen haben. Beide behaupteten, man habe dem Geschädigten angeboten, die Polizei zu rufen, doch das habe der nicht gewollt. Damit die Sache nicht weiter eskaliere, habe man ihm und seiner Freundin dann nahegelegt, die Diskothek zu verlassen.

Wenig Licht ins Dunkel bringen konnte auch der Kripobeamte, der hinzugezogen worden war, weil auf den Bändern der Video-Kameras, die den Eingangsbereich der Diskothek überwachen, just jener Zeitraum fehlte, in denen die Hells Angels das B 27 betreten oder verlassen hatten. „Kuttenträger waren keine zu sehen“, auf den Bändern habe es nur „Video lost“ geheißen, so der Beamte, der vermutete, dass die Sequenzen nachträglich gelöscht worden waren. Die Kripobeamtin, die den Geschädigten als erste vernommen hatte, berichtete, dass der nach Vorlage einer großen Lichtbilderauswahl den Angeklagten definitiv als Täter erkannt habe. Auch dessen Freundin sei sich sicher gewesen. Auf Frage des Vorsitzenden Richters Eberhard Hausch, warum der Geschädigte nicht sofort die Polizei rief und erst am folgenden Tag Anzeige erstattet habe, antwortete sie: „Der hat Angst gehabt.“

„Ich kann da nichts dazu sagen“, versicherte Ulrike Dura. Sie habe ihre Geburtstagsparty bereits vor der Auseinandersetzung verlassen und erst später vom Angeklagten erfahren, dass gegen ihn wegen Körperverletzung ermittelt werde. „Wer war denn von den Members da?“, wollte Oberstaatsanwalt Bernhard Henn von ihr wissen. Neben dem Angeklagten fielen ihr lediglich zwei Vornamen und ein Spitznamen ein – allesamt dem Oberstaatsanwalt wohlbekannt. Auch der Angeklagte verfügt über eine ganz Latte an „szenetypischen“ Vorstrafen, die aber erst mit seinem Eintritt bei den Hells Angels vor fünf Jahren ihren Anfang nahmen. Die Verurteilungen reichten von Beleidigung über Nötigung bis hin zu schwerer Körperverletzung und Bedrohung mit Waffengewalt. Zuletzt wurde der 48-Jährige 2013 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er einen Autofahrer, der ihm zu langsam fuhr, verfolgte und mit einem Messer bedrohte.

Bevor die Beweisaufnahme geschlossen wurde, gab Hausch bekannt, dass man – wie vom Verteidiger beantragt – auf die Erkenntnisse durch die Wahllichtbildvorlage verzichten werde. Die Auswahl zeige vor allem jüngere Straftäter und sei nicht geeignet, „den Angeklagten herauszufiltern“. Dies sei aber auch gar nicht nötig, meinte Hausch in seiner Urteilsbegründung, da man den Angeklagten auch so zweifelsfrei identifizieren habe können. Nicht zuletzt, weil der Geschädigte den Täter genau beschrieben habe: „Member in Kutte mit Pferdeschwanz“. Da die anderen Gäste übereinstimmend ausgesagt hätten, dass nur wenige Kuttenträger auf der Party waren und keiner mit der entsprechenden Haartracht, habe man keinen Zweifel, „dass Sie es gewesen sind“.

Oberstaatsanwalt Henn hatte in seinem Plädoyer den plötzlichen Gedächtnisverlust kritisiert, den Beteiligte immer dann erlitten, wenn sie in einem Hells-Angels-Prozess aussagen sollten. Auch im Laufe dieses Prozesses habe man mehrere Falschaussagen gehört: „Diese Zeugen kann man vergessen.“ Den Geschädigten bezeichnete er als „absolut glaubwürdig“. Zugunsten des Angeklagten falle ihm „nix“ ein. Erschwerend komme hinzu, dass der Angriff völlig grundlos erfolgt sei. Er hielt daher eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren für angemessen.

Verteidiger Günter Urbanczyk, der seinen Mandanten keinesfalls für identifiziert hielt, beantragte Freispruch. Das Schöffengericht verhängte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Der Angeklagte habe aus seiner Bewährung nichts gelernt, so Hausch und sei rasch rückfällig geworden. Eine weitere Bewährung sei deshalb nicht mehr möglich.

Info Vorsitzender Richter: Eberhard Hausch; Schöffen: Wolfgang Göbel, Bernd Ulrich Steinhilber; Oberstaatsanwalt: Bernhard Henn; Verteidiger: Günter Urbanczyk.

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21.10.2014, 12:00 Uhr

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