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Die große Papstsause

50 Jahre Positivismusstreit und Parkgaststätte

Was geschah in Tübingen heute vor 50 Jahren, am 20. Oktober 1961? Zwar war einige Prominenz in der Stadt, allerdings eher incognito. Prof. Ralf Dahrendorf, der spätere englische Lord, hatte eine Soziologentagung organisiert, auf der zwei große Philosophen aufeinander treffen, nein: aufeinander prallen sollten: Vertreter des kritischen Rationalismus der eine, Verkünder der kritischen Theorie der andere.

20.10.2011
  • Wilhelm Triebold

Karl Popper und Theodor W. Adorno – welch eine Paarung! Welch eine Gelegenheit zum kritischen Diskurs!

Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass jene geistesgeschichtliche Sternstunde in Tübingen, die als Geburtsstunde des Positivismusstreits gehandelt wird, nicht besonders erfolgreich verlief. Popper und Adorno, die ein Referat und ein Koreferat hielten, hatten nicht allzu viel zu verhandeln, fanden sich wohl auch zu wenig im Denken des jeweils anderen zurecht. Erst acht Jahre später stilisierte Adorno das Treffen zum großen Streit, den logischerweise nur einer gewinnen konnte – Adorno selbst. Habermas und Konsorten schlugen dann die Schlacht, die in Tübingen noch ausgeblieben war.

Bilder und Berichte, so war es damals erwünscht, gibt es nicht von dem Aufeinandertreffen der Gehirntiere. Deshalb nehmen wir mit der Fotografie nebenan vorlieb, die einen zugegeben etwas menschenleeren Raum dokumentiert, indem Popper und Adorno am Abend nach anstrengender Denkleistung gewiss nicht saßen. Denn die Parkgaststätte beim Bahnhof, um sie handelt es sich, wurde just an jenen Tagen eröffnet, an denen auch die verhinderten Positivismusstreithähne in Tübingen tagten.

Diesmal war, neben Lokalpolitikern, Behördenvertretern und Volk, auch die Presse zugegen, die das Gebäude als „Tübingens neue Visitenkarte“ rühmte. Die Parkgaststätte, verkehrsumtost und bislang neuplanungsresistent, feiert heuer ebenfalls 50. Geburtstag, wie der „Positivismusstreit“.

Ob hier wirklich der Theologieprofessor Joseph Ratzinger gesessen und gespeist haben soll, wie der Satire-Stammtisch „Unser Huhn“ hartnäckig behauptet, sei dahingestellt. Tatsache aber ist, dass „Unser Huhn“, das sein Stammtischlokal vor sechs Jahren erfolglos unter Denkmalschutz zu stellen versuchte, es vor zwei Jahren eigenmächtig zur „Papstgaststätte“ erklärte. Und nun am kommenden Samstag hier auch eine „Große Papstgaststättensause“ abhalten möchte.

„Unser Huhn“ weist darauf hin, dass sich die Parkgaststätte im Unter(führungs)geschoss auch als Jugendcafé eignen würde. Am Samstag sind der Jugendgemeinderat und die Mitglieder des Gemeinderates eingeladen, es gibt zudem, so „Unser Huhn“, ab 14 Uhr ein „lockeres Programm mit Musikanten, Schellack-Disco, viel Informationen, allerlei Schabernack, Führungen ins Untergeschoss, Redebeiträge, Gedichtvorträge, Grußworte.“

Vermutlich, so locken die Spaßvögel, werde auch „Monsignore Georg Gänswein, der Sekretär des Papstes, bei guten Wetterbedingungen mit einem Hubschrauber auf dem Flachdach der Papstgaststätte landen, um mindestens einen Segenswunsch des Oberhaupts zu überbringen.“ Aber das wird leider wohl auch eine Fata Morgana bleiben, wie der Tübinger Positivismusstreit. . .

50 Jahre Positivismusstreit und Parkgaststätte
Schattenbild in der Parkgaststätte anno 1961: Eher speiste da ein Papst in spe, als dass Adorno hier hirnte.Archivbild: Göhner

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20.10.2011, 12:00 Uhr

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