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Horb · Tennis

„50 Prozent der Spieler wollen keine Punktspiele“

Der A-Lizenztrainer und Autor Jürgen Müller gibt für die heute beginnende Saison wichtige Tipps, wie sich die Vereine in der Corona-Krise am besten verhalten.

11.05.2020

Von Sascha Eggebrecht und Milos Kuhn

Der erfahrene Tennistrainer Jürgen Müller hat wichtige Tipps zum heutigen Saisonstart der Tennisspieler parat. Screenshot

SÜDWEST PRESSE: Herr Müller, die Tennisspieler in Baden-Württemberg dürfen wieder auf die Plätze. Dennoch scheinen die Vereine nicht vorbereitet zu sein. So habe ich von einem Verein gehört, dass der Vorsitzende zu einem Trainer gesagt hat: Es müssen nur noch die Netze aufgebaut werden, dann kann alles losgehen. Der Trainer: Und was ist mit einem Schutzkonzept? Sind viele Vereine also unvorbereitet?

Jürgen Müller: Das befürchte ich natürlich. Wir haben noch keine konkreten Vorgaben von der Landesregierung. Wir wissen nicht, unter welchen Bedingungen wir auf den Platz dürfen. Wie darf ein Training aussehen, dürfen wir nur Einzel spielen? Es wird relativ klar sein, dass es einen oder mehrere Corona-Beauftragte geben muss. Der Ablauf muss organisiert sein, da bin ich mir sicher. Wir haben überlegt, was da alles zu tun ist. Da kommt noch Arbeit auf die Vereine zu.

In welchem Bereich sehen Sie Probleme bei der Einhaltung der ganzen Hygienemaßnahmen auf der
Anlage?

Erstmal wird der Abstand das entscheidende sein. Es ist ja so, dass zu Stoßzeiten ein großer Betrieb ist. Da ist immer etwas geboten. Wir haben heute ein Online-Buchungssystem fertiggestellt, auch für die Freiplätze. So können wir das ein bisschen steuern. Tatsache ist, du kannst ab heute bei uns nur Tennis spielen, wenn du online buchst. Umkleidekabinen und Terrassen müssen geschlossen sein. Du brauchst Desinfektionsmittel, und so weiter. Da gibt es noch viele Fragen, wie das läuft.

Herr Berrer, wie ist die Situation in Ihrem Verein, dem TC Doggenburg?

Michael Berrer: Bei uns sind wir schon ganz gut vorbereitet. Es geht auch nur mit Online-Buchungen, alle Sitzgelegenheiten sind entfernt worden, man kann nur das Klo und nicht die Umkleiden nutzen. Da gibt es viele Details, über die man sich Gedanken machen muss. Es ist nicht einfach, aber bei den meisten Menschen herrscht Vorfreude, dass sie wieder auf den Platz dürfen.

In einigen Bundesländern wird ja schon seit einiger Zeit gespielt. Wissen Sie, ob das Tennisspielen dort reibungslos funktioniert?

Jürgen Müller: Das, was ich gehört habe, war relativ reibungslos. Ich kann mir aber vorstellen, dass manche Vereine überrollt werden, weil sie nicht vorbereitet sind, gerade im Hinblick auf die Corona-Beauftragten. Da haben sie sich noch keine großen Gedanken gemacht. Ich glaube schon, dass die Leute jetzt endlich Vorgaben, was zu tun ist.

Stress dürften in den nächsten Tagen auch die Trainer haben. Ein Training ist erlaubt – aber nur mit zwei Spielern. Meist besteht ne Gruppe
ja aus vier Spielern – heißt es, dass nur ein zweiwöchiges Training
möglich ist?

Das ist in der Organisation ein kleines Problem. Ich habe einige Dinge abgefragt, inwiefern was möglich ist. Ich schätze, wir
können vielleicht ein Zweiertraining möglich machen. Ich war überrascht, als es in Bayern hieß, dass man auch zu viert spielen kann. Wir versuchen, das Training maximal in Zweiergruppen abzuhalten.

In diesem Punkt sprechen die
Landesverbände keine einheitliche Sprache. Wie finden Sie das?

Das ist eben unser Föderalismus. Natürlich ist das schwierig und es gibt es noch viel zu regeln. Solange wir nichts schriftlich von der Landesregierung haben, können wir nicht auf die Plätze gehen.

Kleinkinder-Training kann demnach nun gar nicht mehr in gewohnter Form unterrichtet werden, weil die Gruppen ja meist noch viel größer sind. Bleibt diese Gruppe auf der Strecke?

Wir haben schon zwei bis drei Wochen vor dem Shutdown das Training der Ballschule ausgesetzt. Wir haben da einige Kinder im jüngeren Alter. Das kannst du nicht kontrollieren und das werden wir auch nicht tun. Auch wenn das unglaublich schade ist. Wir werden aber Wege finden, die Kinder nicht zu verlieren.

Hat der Trainer in der jetzigen Situation eine besondere Verantwortung?

Definitiv. Der Trainer ist der einzige Profi und ist mit vielen anderen Leuten in Kontakt.

Sie sind ja auch schon über 60 Jahre alt und gehören in die Kategorie gefährdet: Haben Sie Angst Training zu geben?

Ich habe eigentlich keine Angst, ich bin ein optimistischer Mensch. Trotzdem muss man Vorsicht walten lassen, auch im Interesse meiner Familie. Wenn wir von Schutz reden, muss ich natürlich auch auf andere Leute Rücksicht nehmen. Wir werden die Abstandsregeln auf jeden Fall einhalten.

Es wird ja bemängelt, dass zu wenig für die Trainer getan wurde in der Krise. Sehen Sie das genauso?

Ich kann mich nicht beschweren. Es gibt andere, die es wesentlich härter getroffen hat. Wir haben alles Mögliche gemacht, was wir machen können. Die Unterstützung des Landes und der Regierung war ganz gut. Uns geht es nicht besonders schlecht.

Der Württembergische Tennis-Präsident Stefan Hofherr hatte in einem Interview gesagt, dass alle Tennisspielerinnen und -spieler heiß auf
die Verbandsrunde wären. Ist das wirklich so?

Bei mir steht das Telefon dieser Tage aktuell natürlich nicht still. Ich hatte viel Kontakt mit Trainern und wir haben auch bei uns abgefragt, wie es aussieht. Unisono kam die Antwort ‚nein, wir werden nicht spielen‘. Denkt
man darüber nach, sprechen auch viele Gründe dafür, nicht zu spielen. Unabhängig davon, was Verbände und Ligen entscheiden, denke ich, dass 50 Prozent nicht spielen können.

Was sind die Gründe dafür?

Wenn ich auf dem Platz bin, geht es nicht nur ums Gewinnen, und ich will Freude haben und dazu gehört auch das Soziale. Das ist schwer in Kombination mit Social Distancing. Es gibt andere Konzepte für Alternativen. Ich weiß nicht, wie die Verbände reagieren.

Bälle sind ein großes Thema, gerade im Bezug auf Sponsoring. Könnte das das Kriterium sein, dass der
Verband darauf pocht, die Runde auszutragen?

Klar, natürlich spielen die Finanzen eine Rolle. Das fängt im Kleinen an, auch wir haben Sponsoren, die aktuell nichts oder weniger machen können. Wir haben gefragt, wie ihre Situation aktuell ist. Da muss man helfen. Ähnlich ist das im Verband. Die haben auch ihre Sponsoren. Unser Sportgeschäft hat auch schon Bälle geordert. Wir haben diese eingelagert und sie bleiben so zumindest nur auf der Hälfte sitzen. Insofern glaube ich, dass der Schaden nicht so groß sein wird, wenn sie auch 50 Prozent abnehmen. Dann wäre allen ein bisschen geholfen.

Für die Ballpartner könnte es ja ein gutes Geschäft werden. Es wird ja empfohlen, mit markierten Bällen bei den Punktspielen zu spielen.
Sind dann nun immer sechs Bälle
auf dem Court?

Es geht darum, dass du den Ballkontakt nicht hast. Verschiedene Virologen haben gesagt, dass die Ansteckungsmöglichkeit über den Ball eigentlich zu vernachlässigen ist. Wir arbeiten mit Ballsammelröhren und desinfizieren diese. Wir haben alles in petto. Im Training ist das schwierig. Im normalen Match ist das aber unproblematisch.

In Bayern, Baden und Rheinland-Pfalz sind Alternativrunden geplant. Wie könnte so eine Runde konkret aussehen?

Du kannst immer alternativ etwas planen. Man kann immer ein Freundschaftsspiel machen, da gibt es genügend Möglichkeiten. Du kannst auch LK-Turniere am Wochenende machen. Aber eins ist klar, wir werden diese Sommersaison eine Tennisrunde haben, die wir so noch nicht gehabt haben.

Plausch um Sieben

Der nächste „Plausch um Sieben“ via Zoom steht an: Heute, 11. Mai, 19 Uhr, wird Tennis-Jugend-Bundestrainerin Jasmin Wöhr sich den Fragen des Sportjournalisten Sascha Eggebrecht stellen. Danach können die Zuschauer auch Fragen an Jasmin Wöhr stellen. Mit diesem Link seid ihr dabei: https://us02web.zoom.us/j/

89862956659

Zur Person

Jürgen Müller ist A-Trainer/DTB und Leiter der TennisGate Tennis- und Ballschule. Aktuell ist er Stützpunktleiter des Bezirkes Schwarzwald-Bodensee. Zuvor war er 15 Jahre lang Stützpunkttrainer für die Kaderspieler des Badischen Tennisverbandes, Betreuung bei nationalen Turnieren und deutschen Meisterschaften. Seit vielen Jahren ist er auch Autor von Trainingstipps in der Deutschen Tennis Zeitung. I

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Erstellt:
11. Mai 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Mai 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2020, 01:00 Uhr

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