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Entführer wollte erschossen werden

51-jähriger Arbeitsloser legte vor dem Tübinger Landgericht ein umfassendes Geständnis ab

Einen „Suicide by Cop“ – einen Selbstmord durch die Polizei – habe er gewollt, sagte gestern der Entführer aus, der im Mai eine 13-Jährige in seine Gewalt gebracht hatte. Dass dieses Vorhaben irrational sei, sehe er ein. Er könne auch nicht erklären, wie er darauf gekommen sei.

14.12.2012
  • Sabine Lohr

Tübingen. Im Mai hatte der 51-Jährige eine Unternehmertochter morgens entführt und von der Familie Lösegeld verlangt – immer von einer Telefonzelle aus. Abends wurde er von der Polizei überwältigt – und war enttäuscht, dass die Beamten ihn „nur geschuckt und nicht erschossen“ hatten. Denn das sei das eigentliche Ziel seiner Tat gewesen: Dass die Polizei ihn töte. Selbst habe er das ja nicht hinbekommen, sagte er gestern vor der Großen Strafkammer des Landgerichts aus.

Genau deshalb sei er auf die Idee gekommen, jemanden zu entführen. Jemanden „Wichtigen, der eine Rolle in der Gesellschaft spielt“. Wenn er seine Geisel vor der Polizei dann massiv bedrohe, müsste sie ihn ja erschießen. Das zumindest habe er in mehreren amerikanischen Spielfilmen so gesehen. „Für die Gesellschaft wichtige Menschen“ entdeckte er dann in der Zeitung: Zwei Tübinger Unternehmer. Beide observierte er – sowohl vor ihren Firmen, als auch vor ihren Häusern. Die Wohnorte hatte er herausgefunden, indem er ihnen einfach mit dem Auto gefolgt war.

Als er dann am 10. Mai wieder einmal vor der Wohnung eines der beiden Unternehmer stand, sei das Mädchen aus der Tür gekommen. Er habe sie zwar ein- oder zweimal vorher gesehen, sie aber nicht in Verbindung mit der beobachteten Person gebracht. Spontan habe er dann entschieden, das Kind als Geisel zu nehmen. „Wenn du das Mädchen bedrohst, ist das noch viel massiver“, habe er sich gedacht.

Entführungsfahrt mit Spiel- und Snackpausen

Detailreich schilderte der Kidnapper dann vor Gericht, wie er das Mädchen mit einer schnell ausgedachten List ins Auto lockte und mit ihr wegfuhr. Das Kind forderte ihn offenbar sehr: Kurz nach der Abfahrt habe sie gesagt, sie könne unter der Decke, die er über sie geworfen hatte, nicht atmen. Kurz darauf sei ihr schlecht geworden. Er habe angehalten und eine Pause gemacht.

Mit dem Mädchen habe er die Abmachung getroffen, dass sie machen müsse, was er wolle und er alles tue, was sie wolle. Er berichtete von Spielen unterwegs, von Pausen und einem Einkauf in einer Bäckerei. Auch davon, wie ihn das Mädchen geradezu ausgequetscht habe. „Dass sie nicht dumm ist, hab ich schnell gemerkt.“ Mehrmals rief er unterwegs von verschiedenen öffentlichen Telefonzellen die Mutter des Kindes an, um sich nach dem Stand des Lösegelds zu erkundigen. Nie habe er gedacht, dass seine Forderung erfüllt werden könne: „Es ging mir nicht ums Geld“, sagte er immer wieder. Auch das Kind habe er ein paar Mal mit seiner Mutter sprechen lassen.

Allerdings habe er darauf geachtet, dass sie nicht wisse, wo sie sich befänden (beim Passieren von Ortsschildern musste sie sich ducken). An die 400 Kilometer habe er zurückgelegt – kreuz und quer um Ortschaften herum. Und jedes Mal, wenn er und das Mädchen ausstiegen, habe er das Heck seines Autos verdeckt, sodass das Kind das Kennzeichen nicht lesen konnte. Einen Plan aber habe er nicht gehabt. Er habe weder gewusst, wohin er mit dem Mädchen solle, noch, wo das Lösegeld hinterlegt werden könnte. Ihm sei es nur darum gegangen, erschossen zu werden, wiederholte er.

Das Gericht sah jedoch einen Widerspruch zwischen diesem Motiv und der Art der Entführung: Warum er darauf geachtet habe, dass das Mädchen nicht wisse, wo es sei? Warum er überhaupt so viel mit dem Kind herumgefahren sei, wo er doch gefunden werden wollte? Und er habe doch unter Geldnot gelitten – was ein Kriminalbeamter später bestätigte. Rational sei das alles nicht gewesen, gab der Entführer zu. Er könne heute nicht erklären, warum er so gehandelt habe. Er habe damals anders gedacht, er könne das heute nicht mehr nachvollziehen.

Gegen Abend, sagte er, sei das Mädchen ängstlicher geworden. Er hatte ihr versprochen, dass sie zuhause übernachten werde – inzwischen war es 21 Uhr. Kurz danach, als er aus einer Telefonzelle in Freudenstadt anrief (von der er zuvor schon zweimal telefoniert hatte), griff die Polizei zu.

Die Mutter des Mädchens schilderte als Zeugin, wie sie von der Entführung ihrer Tochter erfahren habe und brach dabei in Tränen aus. Im Lauf des Tages sei es der Polizei gelungen, einen Großteil des geforderten Lösegelds zu beschaffen. Damit sei der Entführer einverstanden gewesen. Ihre Tochter sei nach der Entführung zunächst völlig durcheinander gewesen. Inzwischen habe sie den Vorfall aber „ganz gut verkraftet“. Zwar sei es immer noch „schwierig für sie, alleine unterwegs zu sein“, aber die größte Furcht habe sie überwunden. Alle in der Familie seien jetzt skeptischer Fremden gegenüber – und ängstlicher. Der Kriminalbeamte, der das Entführungsopfer nach der Befreiung befragt hatte, berichtete, dass das Mädchen „Todesangst“ gehabt habe. „Sie hat gegelaubt, er bringt sie um oder spritzt ihr etwas.“

„Es tut mir unheimlich leid“, sagte der 51-Jährige zu der Mutter des Kindes. „Ich hoffe, dass Ihrer Tochter nichts bleibt.“

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Christoph Sandberger; Schöffen: Ole Kazich, Klaus Lang; Oberstaatsanwalt: Michael Klose; Verteidiger: Andreas Baier.

51-jähriger Arbeitsloser legte vor dem Tübinger Landgericht ein umfassendes Geständnis ab
Telefonzelle in Freudenstadt: Hier wurde der Kidnapper gefasst. Archivbild

Die Verhandlung wird am Dienstag, 18. Dezember, um 8.30 Uhr fortgesetzt. Vorgesehen ist die Vernehmung der Tochter des Angeklagten und weiterer Kriminalbeamter. Die Mutter und die Ehefrau des Entführers machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Am Nachmittag sieht sich das Gericht ein Video von der richterlichen Vernehmung des Entführungsopfers an.
Weitere Verhandlungstage sind für Donnerstag,20. Dezember, sowie für den 10. und 17. Januar angesetzt.

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14.12.2012, 12:00 Uhr

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