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Hohe Kosten für einen hohen Turm

570.000 Euro wird die Sanierung des Ofterdinger Kirchturms kosten – gut 100.000 Euro Spenden fehlen noch

Mit den markanten Zinnen an der Dachkante sieht er noch wehrhaft aus, aber er ist es nicht mehr: Der Ofterdinger Kirchturm ist, wie mehrfach berichtet, sanierungsbedürftig. Im März kommenden Jahres sollen die Bauarbeiten beginnen. Ein Zwischenbericht.

20.08.2014
  • Gabi Schweizer

Ofterdingen. Auf der ersten Turm-Etage klingelt Bernhard Schaber-Laudiens Handy: Neuer Turmwein ist eingetroffen, Flasche 801 bis 1100, und der Pfarrer muss rasch ein paar Helfer zusammenrufen, die die Kisten ausladen. So ist das, wenn man sich plötzlich nicht mehr nur um die geistlichen Belange einer Gemeinde kümmern muss, sondern auch um die Fundamente des Glaubens im Wortsinne. Der Erlös aus dem Turmwein-Verkauf fließt in die Sanierung des Turms, die derzeit vorbereitet wird. Noch in diesem Jahr möchte Architekt Albert Hörz die verschiedenen Gewerke ausschreiben. Die eigentliche Sanierung soll dann so früh wie möglich im neuen Jahr beginnen, denn die Arbeiten sind aufwändig und müssen vor dem Winter abgeschlossen sein. Unter anderem das Gerüst ist schuld daran, dass die Sanierung teurer wird als ursprünglich erwartet. Wie berichtet, geht die Kirchengemeinde mittlerweile von 570.000 Euro an Kosten aus und musste das Projekt darum auf 2015 verschieben – zunächst war mit 220.000 Euro, dann mit 300.000 Euro gerechnet worden. Immerhin: „Die große Summe wird vom Oberkirchenrat akzeptiert“, versichert Albert Hörz. Auch der Finanzplan steht – die Hälfte der Kosten muss die Kirchengemeinde allerdings selbst aufbringen. Der Rest kommt als Sonderzuweiseung vom Kirchenbezirk (57.000 Euro), von der bürgerlichen Gemeinde (50.000 Euro), vom Landesdenkmalamt (62.000 Euro – beantragt waren 80.000) und aus dem Ausgleichsstock des Landes.

Pfarrer Schaber-Laudien hat schon viele Fachmeinungen zum Kirchturm eingeholt. Aber mehr als alles andere half ihm ein Gespräch mit einem älteren Ofterdinger. Jener erinnerte sich an die Kirchturmsanierung vor anderthalb Jahrzehnten. Damals gab es zufällig eine doppelte Baustelle. Ein Steinmetz habe am Turm gearbeitet, ein anderer am Kriegerdenkmal. Und der kommentierte die Arbeit des Kollegen angeblich so: „Es geht mich ja nichts an, aber was der da drüben schafft hat keinen Wert.“ Ganz so streng würde Architekt Albert Hörz die damalige Renovierungsleistung nicht beurteilen. Jedoch habe der Steinmetz manche Fugen tatsächlich nicht tief genug ausgehöhlt, so dass nun die Fugenmasse herausbröckelt. Auch war es nicht so schlau, das Mittelgesims abzutragen. Denn an jener Stelle kann bei Schlagregen nun Feuchtigkeit eindringen. Unabhängig von den Steinmetz-Arbeiten war die Sanierung damals „halt eher an der Oberfläche. Man hat die Ursachen der Bewegung nicht genügend untersucht“, meint Hörz. Über Jahrhunderte hinweg haben die Mauern sich immer mehr geneigt – oben sogar um 20 Zentimeter. Mit Balken wurden sie nun provisorisch abgesichert. Mit Schuld waren sicherlich die Glocken, deren Stuhl mit den Mauern verbunden ist. Die Glocken dürfen auch jetzt weiter läuten, wenn auch im Falle der größten etwas weniger schwungvoll – so kritisch ist der Zustand noch nicht, als dass sie wie einst in Gomaringen für eine Weile verstummen müssten. Aber es muss etwas getan werden, darin sind die Fachleute sich einig. Und wenn nun schon ein großes (und teures) Gerüst errichtet wird, dann wolle man gleich alles anpacken.

Es sind viele Faktoren, die in Ofterdingen zusammenkommen. Kein Mensch weiß, weshalb im Dachgeschoss ganze Balken fehlen. Weil zusätzlich Feuchtigkeit eindringt, muss auch das Dach erneuert werden. Von unten betrachtet sieht es klein aus, doch das täuscht, kein Wunder angesichts der mit 45 Metern stattlichen Turmhöhe: Die Dachgröße ist ähnlich wie bei einem Einfamilienhauses, weiß Pfarrer Schaber-Laudien. Generell gilt: Je weiter oben etwas zu renovieren ist, desto teurer wird es. Die metallene Aufhängung des Totenglöckchens ist in die Jahre gekommen. Und dann sind da die Risse. Sie ziehen sich oberhalb der Fensterstürze durch den Sandstein, manchmal auch entlang der Wand. Vor allem die feinen Risse außen am Turm machen die Sanierung aufwändig. Zum Teil sind die Spalte nur ein oder zwei Millimeter breit. „Es sieht gar nicht so schlimm aus, aber da geht das Wasser rein“, erklärt der Pfarrer. Mit 172.000 Euro schlägt allein die Renovierung des Mauerwerks zu Buche. Hinzu kommen 90.000 Euro fürs Schwerlast-Gerüst. Denn einige zentnerschwere Steine werden die Arbeiter komplett herausnehmen und mit neuem Mörtel einpassen müssen.

Rund 240.000 Euro an Spenden muss die Kirchengemeinde sammeln. Ein mit Granulat gefülltes Barometer in der Kirche zeigt an, wie weit diese Marke noch entfernt ist. Gut 100.000 Euro fehlen noch. Wenn das Gerüst steht, so hofft der Pfarrer, und die Leute merken, dass der Bau vorangeht, dann werde sicherlich ein neuer Spenden-Anreiz geschaffen. Dann gibt es wieder viel Arbeit für das „Fundraising-Team“. Am 21. September möchte es wieder im Anschluss an den Gottesdienst ein Mittagessen anbieten – im Juli sind auf die Weise 400 Euro zusammengekommen. „Aber die ganz großen Sachen müssen nächstes Jahr laufen“, findet der Pfarrer.

Neulich war Schaber-Laudien zufällig in der Kirche, als zwei Unbekannte sich das Gotteshaus anschauten. Er gehe gerade ohnehin hoch – ob sie sich für den Turm interessierten?, fragte er die Gäste. Dabei stellte sich heraus, dass die beiden Bauingenieure aus Hamburg waren, zufällig auf Besuch bei Verwandten in der Gegend. Sie bestätigten mit Kennerblick: „Au ja, da müsst ihr schnell was machen!“

Info In der Ofterdinger Kirche gibt es Stellwände mit Fotos und Kostenplänen zur Turmsanierung. Spenden gehen an folgende Kontonummern: Kreissparkasse Tübingen, Konto 3014598, BLZ 64150020; VR-Bank Steinlach-Wiesaz-Härten, Konto: 40459004; BLZ 64061854.

570.000 Euro wird die Sanierung des Ofterdinger Kirchturms kosten – gut 100.000 Euro Spenden
Schon im Juni 2012, als dieses Bild entstand, war klar, dass der Turm der Mauritiuskirche saniert werden muss: Wie teuer das Projekt werden würde, ahnte damals allerdings noch niemand. Archivbild: Franke

570.000 Euro wird die Sanierung des Ofterdinger Kirchturms kosten – gut 100.000 Euro Spenden
Im Gebälk wurden Balken herausgenommen – niemand weiß warum. Nun sind die Mauern provisorisch gesichert.

Der Ofterdinger Kirchturm wurde wahrscheinlich als Wehrturm errichtet: Das unterste Geschoss, das mit dem ersten Gesims endet, stammt aus dem Jahr 1428. Möglicherweise gab es darüber ein Fachwerkgeschoss, das später wieder abgebrochen wurde. Aus jener Zeit datiert auch der daran anschließende, ausgesprochen schöne Raum mit Netzgewölbe, in dem sich heute die jüngsten Gemeindemitglieder zum Kindergottesdienst treffen: Welchen Zweck der Raum ursprünglich erfüllte, ist unklar. Um 1480 soll dieses Fachwerkgeschoss wieder abgetragen und der Turm auf 34 Meter erhöht worden sein, wobei er eventuell ein Walm- oder Flachdach bekam. Der Glockenstuhl wurde erst 1502 eingebaut. Die spätgotische Kirche wurde ab 1522 erbaut. Ihre Vorgängerin stand oben auf dem Berg, beim Friedhof. Im Zuge des Kirchenbaus erhielt der Turm sein markantes zinnenbewehrtes Satteldach.

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20.08.2014, 12:00 Uhr

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