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Private Streiflichter aufs Dorfleben

60 Jahre Baden-Württemberg in Lebensgeschichten

Zeitgeschichte kann auch durch vertraute Gesichter aus dem eigenen Dorf lebendig werden. Zur Landes-Ausstellung 60 Jahre Baden-Württemberg befragte der Arbeitskreis Schlossmuseum sieben Kirchentellinsfurter aus unterschiedlichen Generationen.

17.09.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Kirchentellinsfurt. Das Motto der Wanderausstellung der Landeszentrale für politische Bildung „Die Zukunft hat Vergangenheit“, bis zum gestrigen Sonntag im Kirchentellinsfurter Rittersaal zu sehen, interpretierte der Arbeitskreis Schlossmuseum auf seine Weise: „Wir wollten einen Bezug zur Gemeinde herstellen und für jedes Jahrzehnt einen im Dorf bekannten Kirchentellinsfurter befragen“, sagte Dieter Sommerey, Vorsitzender des Arbeitskreises, am Samstagabend im Schloss Kirchentellinsfurt. Etwa 80 Gäste, unter ihnen Bürgermeister Bernhard Knauss, waren gekommen.

Helmut Knoblich, langjähriger stellvertretender Bürgermeister und Gemeinderat der Freien Wähler, war der erste im Erzählcafé „Mit 17 hat man noch Träume“. „1955 hatte man vielleicht andere Träume, als wenn man heute 17 Jahre alt ist“, sagte Uta Röck. Die Vorsitzende der Initiative Kultur im Schloss moderierte gemeinsam mit der GAL-Gemeinderätin Ruth Setzler den Abend.

Der Feind brachte Süßigkeiten mit

Bei der Gründung von Baden-Württemberg 1952 war Knoblich 14 Jahre alt. Schon Anfang der fünfziger Jahre sprach man vom Wirtschaftswunder, berichtete der 74-Jährige. Geboren wurde er am 8. Mai 1938 in der Kusterdinger Straße 4, „wo heute die Shell-Tankstelle steht“. Eineinhalb Jahre später war der Vater im Krieg. Knoblichs Mutter hat ihn allein erzogen, „wie man heute sagt“. Dabei habe sie immer gearbeitet, zuerst bei der örtlichen Firma Schirm, später bei Bosch in Stuttgart, einem Rüstungsbetrieb. Um den Jungen kümmerten sich Verwandte in Pfrondorf. Der Vater war in Russland.

An Ostern 1945 kündigte sich „der Umsturz“ an. Der Junge war bei Verwandten in Kusterdingen, um seinen Osterhasen zu holen, und hörte, der Feind sei im Anmarsch. Zurück in Pfrondorf erlebte er das Ende des Zweiten Weltkriegs aber ganz anders als befürchtet: „Dann kamen Panzer, da saßen junge Männer darauf, die lachten. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass das der Feind sein sollte“, erinnerte sich Knoblich. Der günstige Eindruck von der Besatzungsmacht verfestigte sich. „Wir Kinder bekamen Süßigkeiten von den Franzosen, die beim Schirm einquartiert waren.“ Nur der Gouverneur, der strenge Hausdurchsuchungen veranlasste, sei im Dorf verhasst gewesen.

Das Gründungsjahr von Baden-Württemberg 1952 verbindet Knoblich mit einem Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss in Tübingen. Der 14-Jährige war damals Schüler des Tübinger Kepler-Gymnasiums. „Wir standen an der Wilhelmstraße und jubelten den hohen Herren zu.“ Bald darauf lernte er Industriekaufmann bei der Firma Ernst Wagner. Seine Eltern hatten mittlerweile einen Textilhandel eröffnet.

Birgit von Vacano ist die Tochter des ersten Nachkriegs-Bürgermeisters von Kirchentellinsfurt. Richard Wolf leitete die Gemeinde von 1948 bis 1978. Geboren 1948, träumte die Apothekerin früher davon, Kirchentellinsfurt gegen „die große, weite Welt“ einzutauschen. „Es hat nicht richtig geklappt.“ Seit ihrer Ausbildung lebt sie in Reutlingen. Inzwischen könne sie dem Dorfleben einiges abgewinnen: „Man fühlt sich aufgehoben. In der Stadt muss man sich viel mehr bemühen, solche Kontakte für sich zu pflegen.“

In den fünfziger Jahren war es noch nicht üblich, dass Kinder von außerhalb in Tübingen das Gymnasium besuchten. „Ich musste nach der achten Klasse immer alleine fahren.“ Über den Kirchenchor blieb von Vacano mit Kirchentellinsfurt in Verbindung. Damals sei sie häufig zur Motette in der Tübinger Stiftskirche gefahren. „Das war meine Samstagabendbeschäftigung.“

Auch der langjährige SPD-Gemeinderat Werner Rukaber ist gebürtiger Kirchentellinsfurter. Geboren 1953, kam er 1960 in die Grundschule, mit 53 Schulkamerad(inn)en. Die Lehrerin, Fräulein Auer, habe es mit den 54 Kindern aufgenommen. „Prügelstrafe gab es nicht, aber es gab Tatzen.“ Bei der zweiten Tatze habe man die Hand wechseln dürfen. „Man hat es überlebt.“

Ein Foto zeigte den 17-Jährigen im typischen 70er-Jahre-Look mit langen Haaren und T-Shirt. Damals war es Rukaber „in Kirchentellinsfurt ein bisschen zu eng“. Er sei „mit ganz vielen politischen Ideen aufgewachsen“, den Theorien der Stadtguerillas, der Tupamaros. „Damit hat man sich in der Schule beschäftigt, sogar die Lehrer wussten darüber Bescheid.“

Musikalisch identifizierte er sich mit Woodstock, dem Isle-of-Man-Festival und Jimi Hendrix. „Dafür war Kirchentellinsfurt nicht so das geeignete Pflaster.“

Antje Sänger hat schon Hunderten von Kirchentellinsfurter Kindern das Schwimmen beigebracht. Seit Jahrzehnten bei der DLRG, brachten erst die Wasserretter den Kontakt zum Dorf. 1968 geboren, wuchs sie im Tal auf und merkte bald: „Die Leute aus dem Täle gelten nicht als richtige Kirchentellinsfurter.“ Im Kindergarten wurde sie ein paar Mal mit zwei anderen Kindern aus dem Tal in der Toilette eingesperrt. „Keiner hat es gemerkt.“ Schließlich nahmen ihre Eltern sie aus dem Kindergarten.

Das Engagement bei der DLRG änderte alles: „Ich wurde sportlich gefordert, schwamm Wettkämpfe, bekam Verantwortung übertragen.“ Als Sänger 17 wurde, 1985, war die Politisierung der siebziger Jahre abgeebbt. „Es war damals extrem schwierig, eine Lehrstelle zu bekommen.“ Fast ebenso kompliziert sei es gewesen, „aus dem Flecken herauszukommen“. Der einzige Lichtblick sei der Sonntagnachmittag gewesen, bei der Kinder-Disco der Tanzschule Bilge in Tübingen. Der Dresscode war einfach: „Alles bunt und grell.“ In den vergangenen Jahren sei Kirchentellinsfurt „durch den Zuzug vieler Fremder weltoffener geworden“, findet Sänger. „Das Dorf hat durch die Neubaugebiete gewonnen.“

Der Rollstuhlfahrer Marc Schneck ist der Filmexperte der Initiative Kultur im Schloss. Geboren 1973, ist der Grafikdesigner überzeugt, dass es sein Leben und sein Fortkommen stark geprägt hat, dass er trotz seiner Behinderung in seinem Heimatdorf in den Kindergarten und in die Schule gehen konnte. Er erinnerte an den damaligen Grundschulrektor und an seine erste Klassenlehrerin Barbara Wolter, die beim Erzählcafé am Samstagabend ebenfalls zugegen war. Sie hätten „eine großen Offenheit“ gezeigt und gesagt: „Wir probieren das einfach aus.“ Kirchentellinsfurt sei „in vielen Bereichen spitze“, so Schneck. „Aber bei der Barrierefreiheit könnte man noch einiges tun.“

Mit 14 als erste Frau zur Feuerwehr

Melanie Armbruster, geboren 1987, war die erste Feuerwehrfrau in Kirchentellinsfurt. „Sie kennt sich mit Geld und mit harten Männern aus. Wenn es brennt, eilt sie mit Blaulicht herbei“, charakterisierte Dieter Sommerey die zupackende 25-Jährige. Als sie wie üblich mit zwölf Jahren in die Jugendfeuerwehr eintreten wollte, waren Mädchen dort noch nicht erwünscht. Daran konnte auch ihr Vater zunächst nichts ändern, lange in leitender Funktion bei der Wehr. „Mit 14 klappte es.“ Bei der Feuerwehr ist Armbruster immer noch aktiv, inzwischen auch im Vorstand, als Kassiererin. Beruflich Sparkassen-Filialleiterin in Kusterdingen, forderte sie ebenfalls mehr Barrierefreiheit in Kirchentellinsfurt – und ein Jugendhaus: „Wir sind ein großer Ort, wir brauchen das eigentlich.“

„Vielfältig und warmherzig“ findet der 17-jährige Fabian Breuer sein Dorf. Vor zehn Jahren mit seiner Familie zugezogen, fühlt er sich in Kirchentellinsfurt „pudelwohl“. Als Schulsprecher der Graf-Eberhard-Realschule wurde er vor kurzem mit dem Sozialpreis der Schule ausgezeichnet. Seit zwei Wochen macht Breuer eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Nebenher will er sich die Fachhochschulreife aneignen – um sich die Möglichkeit zum Studium offenzuhalten. Für sein Dorf wünscht er sich: „Dass Kirchentellinsfurt für Jugendliche attraktiver wird.“

60 Jahre Baden-Württemberg in Lebensgeschichten
Sie erinnerten am Samstagabend im Kirchentellinsfurter Rittersaal an 60 Jahre Dorfgeschichte (von links): Antje Sänger, Dieter Sommerey, Birgit von Vacano, Melanie Armbruster, Marc Schneck (vorne, sitzend), Helmut Knoblich, Werner Rukaber, Fabian Breuer, Uta Röck und Ruth Setzler.Bild:Metz

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17.09.2012, 12:00 Uhr

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