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Mit dem Boden verbunden

70 Jahre Shavei Zion

Die Gruppenauswanderung von Rexinger Juden im Jahr 1938 führte zur Gründung von Shavei Zion im Norden Israels. Eine Ausstellung erinnert in Rexingen noch bis 9. März an diesen „Ort der Zuflucht und Verheißung“. Barbara Staudacher vom Synagogenverein beschreibt in einem Beitrag für den Ausstellungskatalog die Geschichte der Rexinger Juden.

21.02.2008
  • Barbara Staudacher

Rexingen. 1918 war Rexingen, gemessen an der Einwohnerzahl, wie in den Jahren zuvor noch immer die steuerkräftigste Bezirksgemeinde im Oberamt Horb. In diesem Jahr trat Schultheiß Josef Kinkele aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück, das er seit 1889 ausgeübt hatte. Im „Schwarzwälder Volksblatt“ wurde sein Einsatz für die Gemeinde und für die Modernisierung des Dorfes hoch gelobt: „Nicht immer wurde dem Ortsvorsteher sein fortschrittliches Wirken leicht gemacht. Heute aber möchte niemand mehr die von ihm buchstäblich erkämpften Einrichtungen missen... Vorbildlich ist auch seine echte Frömmigkeit gewesen. Mit dieser verband er eine wohltuende Duldsamkeit gegenüber anderen Anschauungen. So wurde er ein Schätzer des konfessionellen Friedens.“

Nachfolger wurde sein 1892 geborener Sohn Hermann Kinkele, der 15 Jahre später weit weniger freundlich verabschiedet werden sollte. Er war ein gelernter Verwaltungsfachmann, und wie sein Vater war er vielen Rexinger Juden freundschaftlich verbunden. Als leidenschaftlicher Sänger gründete er mit anderen Musikfreunden im März 1919 im Gasthaus Kaiser den Männergesangverein „Eintracht“. In dessen Vorstand und Ausschuss wurden unter anderen auch die Viehhändler Hermann und Alfred Hopfer und der blinde Kohlenhändler und Mazzenbäcker Alfred Levi gewählt.

Hilde Spatz-Hess erinnerte sich noch an dessen „machtvolle Bassstimme, an den Heldentenor des Kantors Isidor Gideon und an die prächtige Stimme von Hermann Schwarz. Mit ein klein wenig Schulung hätte man aus ihm einen zweiten Caruso machen können, aber kein Rexinger Vater wäre damals auf solch ein Risiko oder Abenteuer eingegangen.“ Sie erzählte auch, dass Hermann Kinkele den Gesangverein den „Koscher-Trefenen“ nannte.

Es gab auch Vereine am Ort, die nur jüdische Mitglieder hatten: einen Schützenverein, einen Frauenverein und ab 1920 den Jüdischen Jugendbund Rexingen. Dieser stellte 1922 bei der Gemeindeverwaltung einen Antrag auf Zuweisung eines eigenen Sportplatzes, der ihm auch gewährt wurde. Außerdem gab es vier Wohltätigkeitsvereine. Die religiöse Pflicht zur Wohltätigkeit wurde von den gesetzestreuen Rexingern sehr ernst genommen.

Durchreisende Besucher, meist aus Polen oder Russland, waren im Ort keine Seltenheit und man nahm sie bereitwillig auf. Das natürliche Anrecht armer Familien auf Unterstützung durch die Gemeinde half, die Notzeit und Inflation nach dem Krieg zu überstehen. Auch die gegenseitige tätige Hilfe bei Krankheit und anderen Notfällen war für die Nachbarn eine Selbstverständlichkeit.

Ärztlich betreut wurde die Gemeinde vom jüdischen Arzt und Sanitätsrat Dr. Josef Rosenfeld. Er leitete von 1891 bis 1925 das katholische Spital in Horb und unterhielt in Rexingen ein Sprechzimmer. Drei katholische Nonnen arbeiteten als Krankenschwestern für Christen und Juden. Sie gaben katholischen und jüdischen Mädchen Handarbeitsunterricht. Das Schwesternhaus wurde mit Unterstützung eines eigens dafür gegründeten christlich-jüdischen Vereins während der Amtszeit des Pfarrers Joseph Wirth gebaut. Er hatte von 1917 bis 1932 in Rexingen die katholische Pfarrstelle inne. Oberlehrer Samuel Spatz, selbst kein Anhänger des Zionismus, hielt im Rahmen seiner engagierten Volksbildungstätigkeit 1929 einen Lichtbildervortrag mit dem Titel: „Mit der Hapag nach dem Mittelmeer und Orient“.

Das „Schwarzwälder Volksblatt“ schrieb darüber: „Rexingen, 11. Novbr.: Gestern Abend fand hier im Saal zur „Traube“ der erste Volksbildungsabend in Form eines Gemeindeabends statt. Oberlehrer Spatz zeigte an Hand von 69 trefflichen Lichtbildern ... die Schönheit jener Gegenden und ihre alten Kulturen. Der Abend war besonders von der Jugend gut besucht...“

Die zionistische Idee einer „Heimstatt in Palästina“ wurde seit Ende des Ersten Weltkriegs auch in Rexingen diskutiert, wo sie allerdings wenig Anklang fand, wie Arthur Löwengart berichtete: „Nach dem Krieg sind Anstrengungen gemacht worden, Rexinger für den Zionismus zu gewinnen... So waren die Bemühungen zionistischer Studenten, die aus Tübingen kamen und von Betty Fröhlich (ihre Eltern wurden in Rexingen geboren) fast erfolglos... Die Mischung von Händler und Landwirt, dieser Rexinger Judentyp, führte zu einer Verbundenheit mit dem Boden, die jede radikale Änderung der Lebenshaltung ausschloss. Ein religiös bedingtes jüdisches Volksbewusstsein, das ohne Zweifel vorhanden war, lehnte die politische zionistische Lösung ab.“

Arthur Löwengart war im Ersten Weltkrieg als Soldat in der Ukraine gewesen. Dort wurden ihm das Ausmaß und die verhängnisvollen Folgen des osteuropäischen Antisemitismus bewusst. Deshalb schloss er sich nach dem Krieg der zionistischen Bewegung an. Er zog nach Stuttgart und später nach Frankfurt, blieb aber in Kontakt zu seiner Heimatgemeinde. 1925 macht er eine Reise durch Palästina, um sich über die Aufbauarbeit im Land zu informieren.

Er war nicht der erste Zionist in Rexingen. Salomon Straßburger, genannt Salmele, unterstützte schon im 19. Jahrhundert aus religiösen Gründen und mit großer Leidenschaft und Freigiebigkeit die ersten jüdischen Ansiedlungen in Erez Israel. Wie er 1881 in einem Brief an die Jüdische Presse schrieb, spendete er „...für den heiligen Zweck der Colonisation des heiligen Landes durch unsre bedrängten und verfolgten Glaubensbrüder in allen Weltteilen.“ Er schloss seinen Brief mit den Worten: „...wollen wir uns nicht beirren lassen, sondern dem heiligen Streben und Ziel der nationalen Wiederbelebung ... zusteuern“.

Seine Bestrebungen dürften den meisten Rexinger Juden damals nur im religiösen Kontext verständlich gewesen sein. Ihre Kinder und Enkel mussten sich 55 Jahre später sehr konkret mit diesen Ideen auseinandersetzen, denn die Bedrängten und Verfolgten waren sie jetzt selber.

70 Jahre Shavei Zion
Postkarte von Rexingen um das Jahr 1900.

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21.02.2008, 12:00 Uhr

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