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Arbeit am Rande der Realität

7000 Übungsfirmen weltweit handeln virtuell mit Waren und Dienstleistungen

Still und stetig hat sich in Deutschland das Konzept von "Übungsfirmen" etabliert. Jugendliche wie auch Erwachsene lernen in virtuellen Unternehmen kaufmännisches Denken - und vor allem Handeln.

18.11.2015

Von DPA

Karlsruhe In der vollen Messehalle läuft ein Maskottchen herum und spricht Messebesucher an. Der als Obelix verkleidete Firmenangestellter macht Werbung für seinen Stand. In Karlsruhe hat die 51. Internationale Übungsfirmenmesse begonnen. Angeboten wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Waren oder Dienstleistungen existieren allerdings wie Zahlungen nur virtuell.

Übungsfirmen sind virtuelle Unternehmen, in denen Jugendliche, aber auch Erwachsene lernen, wie ein Unternehmen funktioniert. Aus der kaufmännischen Ausbildungswelt sind sie nicht mehr wegzudenken und für Arbeitgeber ist die so erworbene Erfahrung ein wichtiger Hinweis auf die Eignung etwa eines künftigen Auszubildenden.

"Das ist ein sehr sinnvolles Modul", sagt Johannes Krumme vom Arbeitgeberverband Südwestmetall. "Übungsfirmen bilden die Realität sehr genau ab. Das schätzen die künftigen Arbeitgeber." Zur Arbeit in Übungsfirmen gehört alles, was ein echtes Unternehmen ausmacht: Buchhaltung, Einkauf, Personal, Marketing, Vertrieb.

"Jeder meiner Schüler muss am Ende alles können", sagt Roland Ernst von der Handelslehranstalt Bruchsal. Die Berufsfachschule hat inzwischen fünf Übungsfirmen gegründet; die erste vor rund 15 Jahren. Scooterworld etwa vertreibt Roller, Sportpalace handelt mit Sportzubehör, Electroking mit Tablets und Handys. Die Schüler arbeiten auf 16 Arbeitsplätzen "mit Sekretariat und Kaffeeküche", sagt Ernst.

Damit Übungsfirmen überhaupt am Markt aktiv sein können, stellt ihnen die Zentralstelle des Deutschen Übungsfirmenrings (ZÜF) mit Sitz in Essen die Infrastruktur zur Verfügung: eine eigene Bank, eine eigenes Finanzamt, Krankenkassen, Zoll, Sozialversicherung. Über spezielle Software des ZÜF kann alles abgewickelt werden - fast wie im richtigen Leben. "Sogar eine virtuelle Tankstelle haben wir seit kurzem im Angebot", erzählt ZÜF-Sprecherin Marion Krimphove-Engel.

Denn wer Waren fiktiv quer durch die Republik schickt oder gar ins Ausland liefert, muss auch seine Lastwagenflotte betanken.

Weltweit gibt es rund 7000 Übungsfirmen; bundesweit sind im ZÜF über 500 organisiert. Deutlich über die Hälfte davon wurden in Baden-Württemberg gegründet: Das Bundesland hat vor 15 Jahren als deutschlandweit einziges das Konzept der Übungsfirmen in den Lehrplan der kaufmännischen Schulen geschrieben. "So gut wie jede hat eine Übungsfirma", sagt Sabine Schuh, Referentin am Landesinstitut für Schulentwicklung.

Aber auch private Bildungsträger arbeiten mit Übungsfirmen. Um Erwachsene weiterzubilden, umzuschulen oder wieder in Arbeit zu bringen. In der im Mai erst gegründeten virtuellen Firma "Milchparadies Heilbronn" des Bildungsträgers Donner+Partner etwa handeln sie mit Milch, Quark oder Pudding. Als Pate steht ihnen - wie auch den meisten anderen Übungsfirmen - ein echtes Unternehmen zur Seite. Der Heilbronner Milchprodukteanbieter FrieslandCampina gestattet die fiktive Vermarktung des Produktsortiments, erzählt die Vize-Geschäftsführerin Carmen Blattert.

Übungsfirmen kochen nicht nur im eigenen Saft, sondern handeln auch international mit anderen Übungsfirmen. Alleine auf der Karlsruher Messe sind virtuelle Firmen aus 12 Ländern von Argentinien bis Südkorea vertreten. "Ein tolles Praxistraining", sagt Nina Sulimann, die am kunterbunten Stand der Lolly-Pop-GmbH steht und alles für Babies und Kleinkinder verkauft.

Welche Umsätze sie machen, ob sie Gewinn erzielen ist Nebensache. "Die Bildungsaufgabe steht im Vordergrund", sagt ZÜF-Chef Michael Loef. Auf der Messe, so schätzt er, generieren die dort vertretenen rund 90 deutschen Übungsfirmen Umsätze von rund einer halben Mio. EUR. Fiktiv, versteht sich.

Alles nicht ganz echt, aber nützlich zum Lernen: Ein Verkaufsgespräch bei der Übungsfirma Lolly-Pop aus Schkeuditz (Sachsen). Foto: dpa

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Erstellt:
18. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. November 2015, 12:00 Uhr

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