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Evakuiert wie am Schnürchen

79-jähriger Patient der Neurochirurgie legte Feuer im Patientenzimmer

Die Evakuierung der Station verlief reibungslos, nachdem am Donnerstagabend ein Patient der Neurochirurgie Feuer gelegt hatte. Die technischen und personellen Verbesserungen des Brandschutzes an den Crona-Kliniken haben offenbar Schlimmeres verhindert.

22.09.2012

Tübingen. Nach Stand der Dinge hat ein 79-Jähriger, der sich zwei Tage zuvor einer großen Kopf-Operation unterzogen hatte, das Feuer in Zimmer 414 gelegt. Laut Dr. Constantin Roder, Stationsarzt der Neurochirurgie, war der Patient nach dem Eingriff völlig unauffällig, sodass kein Anlass bestanden habe, ihn besonders zu beaufsichtigen.

Besucher der Klinik hatten am Donnerstag abend von draußen das Flackern der Flammen hinter dem Fenster des Patientenzimmers auf Ebene 6 entdeckt. Holger Sulz, der Wachhabende der Betriebslöschgruppe, wurde daraufhin von der Rezeption angepiepst. Er sondierte umgehend die Lage, alarmierte sofort die Feuerwehr und veranlasste, dass die neurochirurgische Station evakuiert wurde. Einsatzleiter Thomas Löhr von der Tübinger Feuerwehr lobte das umsichtige Vorgehen des Diensthabenden, der erst gar keine ebenso langwierigen wie aussichtslosen Löschversuche unternommen, sondern sofort mit der Räumung begonnen hatte.

Der Mann von der Löschgruppe habe genau richtig gehandelt, sagt auch David Maier, der Brandschutzbeauftragte der Kliniken. Nachdem Sulz die Zimmertür einen Spaltbreit geöffnet hatte, um zu schauen, ob noch Personen im Raum sind, war sofort klar, dass die Betriebslöschgruppe in diesem Inferno aus Flammen und Rauch nichts mehr ausrichten kann. Deshalb konzentrierten sich etwa zehn Pflegekräfte und Ärzte darauf, die 18 zum Teil bettlägerigen Patienten der Station schnell hinter der übernächsten Rauchschutztür in Sicherheit zu bringen.

Als die Feuerwehr um 21.03 Uhr eintraf, gerade mal sieben Minuten nach Alarm, war kein einziger Patient mehr in der Station. In Zimmer 414 brannte derweil das Bett des 79-Jährigen lichterloh. Nachdem er das Feuer gelegt hatte, war der verwirrte Mann aus dem Fenster auf den Wartungsbalkon gestiegen und erst wieder vom Personal der benachbarten Herz-Thorax-Station ins Krankenhaus zurückgeholt worden. Der psychische Zustand des Frischoperierten hatte sich abends plötzlich unerwartet verschlechtert, so die Erklärung von Stationsarzt Roder. Der 30-jährige Zimmergenosse des 79-Jährigen befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Raum, sondern in einer Sitzecke der Station.

Den Zimmerbrand hatten die Feuerwehrleute binnen sechs Minuten gelöscht. Ein Rauchschutzvorhang, den die Feuerwehr vor die Tür setzte, verhinderte, dass die restliche Station zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Durch Feuer oder Rauch verletzt wurde am Donnerstag niemand. Alle Patienten der Neurochirurgie wurden in anderen Stationen des Klinikums untergebracht. Drei Patienten, deren Entlassung ohnehin für Freitagvormittag vorgesehen war, durften schon am Donnerstagabend nach Hause.

Prof. Michael Bamberg zeigte sich sehr zufrieden: „Alles hat wie am Schnürchen geklappt.“ Das führt der Klinikumschef nicht zuletzt auf die große Evakuierungsübung im Mai zurück, bei der Betriebslöschgruppe, Klinikmitarbeiter und Feuerwehr die Zusammenarbeit trainiert hatten. Für Bamberg hat der Einsatz gezeigt, dass im Ernstfall „ein Rädchen ins andere greift“. Krankenschwester Magdalena Lau war am Donnerstag im Dienst und stimmt ihrem Chef zu: „Wir sind hier ein gutes Team – im Alltag und auch im Notfall.“

49 Feuerwehrleute der Feuerwehrabteilungen Stadtmitte, Lustnau und Derendingen um Feuerwehrkommandant Michael Oser waren am Donnerstagabend mit zehn Fahrzeugen im Einsatz. Auch die Zusammenarbeit mit Rotem Kreuz und Polizei habe tadellos funktioniert, hieß es am Freitag.

Die Spurensicherung hat noch in der Nacht mit der Untersuchung begonnen. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei ermitteln nun zwar gegen den 79-Jährigen wegen des Verdachts der vorsätzlichen und schweren Brandstiftung. „In wie weit der Mann verantwortlich gemacht werden kann, ist aber unklar“, so die Einschätzung von Klinikumschef Bamberg. Der 79-jährige Patient, dem es am Freitag schon wieder deutlich besser ging, bleibt bis auf Weiteres in der Klinik, allerdings jetzt unter ständiger Aufsicht und mit psychiatrischer Betreuung.

Bilder vom Brandort und ein Video von der Übung bei tagblatt.de

79-jähriger Patient der Neurochirurgie legte Feuer im Patientenzimmer
Es wird Monate dauern, bis das ausgebrannte Zimmer 414 von Grund auf saniert ist. Die restliche neurochirurgische Station soll indes am Montag nach gründlicher Reinigung wieder belegt werden. Auch die als potenzielle Brandbeschleuniger stillgelegten Sauerstoffleitungen müssen erst wieder in Betrieb genommen werden. Bild: Faden

Seit 2012 wird an den mehr als 20 Jahre alten Crona-Kliniken der Brandschutz verbessert. Neben zusätzlichen Schutzzonen gibt es neue Anzeigetableaus, die bei Notfällen in Nachbarstationen optisch und akustisch warnen. So kamen auch am dünn besetzten Donnerstagabend rasch genug Helfer der drei anderen Stationen auf Ebene 6 und aus der benachbarten Kinderklinik zusammen, um die Patienten der Neurochirurgie in Sicherheit zu bringen. Für 60 Millionen Euro wird noch bis 2016 die Infrastruktur der Klinik saniert, sagt Dr. Markus Till, Abteilungsleiter Bauwesen. Nach und nach wird eine Sprinkleranlage installiert. Auch die seit 2011 bestehende Betriebslöschgruppe ist Teil der Brandschutzverbesserung. Sonst hätten die Kliniken eine Werksfeuerwehr eingerichten müssen, da die städtische Feuerwehr dem Gefahrenpotenzial laut Untersuchung nicht gewachsen war.

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22.09.2012, 12:00 Uhr

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