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Tübingen begrenzt die Schulwahl der Eltern

Ab Sommer 2015 gibt es in der Südstadt wieder drei Schulbezirke

Erst hü, jetzt hott. Schüler in der Tübinger Südstadt werden künftig wieder nach Wohnort auf die Grundschulen verteilt. Die Französische Schule erhält einen Schulbezirk. Kinder aus dem Viertel müssen damit auf die Gemeinschaftsschule mit besonderem Profil gehen. Der Tübinger Gemeinderat hat mit dieser Entscheidung nach langer Diskussion am Montag das Hin und Her der grün-roten Landesregierung nachvollzogen.

27.11.2014
  • Gernot Stegert

Selbst der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer sprach von einem unbefriedigenden „Rin in die Kartoffeln, Raus aus den Kartoffeln“. Im Mai 2012 hatte das Land mit einer Änderung des Schulgesetzes Schulbezirke für Grundschulen, die Teil einer Gemeinschaftsschule sind, aufgehoben. Der Tübinger Gemeinderat setzte das im vergangenen Jahr um und löste den Schulbezirk der Französischen Grundschule auf. Die Eltern konnten die Schule frei wählen. Im Juli dieses Jahres aber beschloss Grün-Rot die Kehrtwende zurück. Schulbezirke wurden wieder eingeführt. Per Gesetz. Kommunen wie Tübingen haben also gar keine Wahl.

Auch Eltern unterliegen jetzt einem Zwang. Die Einen wohnen um die Ecke, wollen ihre Kinder aber vielleicht nicht an einer Gemeinschaftsschule mit sechsjähriger Grundstufe und verpflichtendem Ganztagsunterricht haben. Die Anderen wollen ihren Nachwuchs gerade zu dieser Schule schicken, können aber möglicherweise nicht, weil kein Platz frei ist. Das Dilemma ist der Stadtverwaltung und den Gemeinderatsfraktionen bewusst. Doch sahen sie nach ausgiebiger bildungspolitischer Diskussion keinen Ausweg und stimmten für drei Schulbezirke ab dem Schuljahr 2015/16 (siehe Info-Box).

Früher waren Schulbezirke kein Problem, weil die Grundschulen gleich waren. Heute aber haben viele Profile. Die ziehen an und schrecken ab – je nach Wünschen der Eltern. Die Französische Schule hat eine sechsjährige Eingangsstufe und ist eine gebundene, also verpflichtende Ganztagsschule. Die Hügelschule bietet einen bilingualen Englischzug an. Allein die Grundschule am Hechinger Eck ist traditionell. Die Eltern haben mit den Füßen ihrer Kinder abgestimmt. Das Ergebnis formulierte OB Palmer so: „Plötzlich tauchten Schülerströme auf.“ Heißt: Die eine Schule war überlaufen, die andere „fast leer“. Beide Zustände sind für Kinder, Lehrer wie Schulplaner unbefriedigend.

Verloren hat die Französische Schule. Hatte sie vorher 30 Prozent der Schüler aus der Südstadt aufgenommen, so waren es mit Wegfall des Schulbezirks nur noch 18 Prozent. Warum? Stadtrat Ulf Siebert (Tübinger Liste) machte sich unbeliebt, als er die Qualitätsfrage aufwarf. Palmer und die zuständige Fachbereichsleiterin Uta Schwarz-Österreicher verwiesen auf die Umbauten und den Leitungswechsel an der Schule. Anne Kreim (FDP) wollte wissen, ob die Eltern mal befragt worden seien. Vor drei Jahren, antwortete Schwarz-Österreicher.

Die aktuelle Lage beschrieb die Fachbereichsleiterin etwas verbrämt so: „Die Wahl der Eltern weicht von der Einteilung der Bezirke ab.“ Also müsse eine „Schülerstromlenkung“ her, wie es im Amtsdeutsch heißt. Erstes Kriterium sei der Bezirk, nur bei freien Plätzen könnten Wünsche berücksichtigt werden. Palmer räumte gewunden ein: „Wir schlagen nicht etwas vor, was wir für großartig halten.“ Er zeigte Verständnis für Unmut von Eltern.

Als Christian Mickeler (AL/Grüne) sich gegen eine „Zwangsbeglückung“ der Schüler aussprach und eine „liberale Handhabung“ der Schulzuteilung forderte, versprach der OB: „Soweit es in unserer Zuständigkeit liegt, sichern wir das zu.“ Schwarz-Österreicher und die Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast gaben ebenfalls ihr Wort. Diese erklärte überdies: „Eltern können nicht gezwungen werden, ihr Kind an eine gebundene Ganztagsschule zu geben.“ Zudem werde man die Einteilung der Bezirke überprüfen und gegebenenfalls nachbessern.

In der Debatte warfen mehrere Stadträte der Verwaltung mangelnde Information der Eltern vor. An-drea Le Lan (SPD) sprach von „suboptimaler“ Einbeziehung. Heinrich Schmanns (AL/Grüne) vermisste eine Stellungnahme des Gesamtelternbeirats. „Gegen die Beschlussvorlage habe ich nichts einzuwenden, finde die Kommunikation aber saumäßig schlecht“, sagte Dietmar Schöning (FDP). Er forderte wie Ernst Gumrich (Tübinger Liste), die Eltern zu beteiligen. Der Liberale kritisierte: „Muss man denn so tun, als wäre man die unfehlbare Verwaltung?“ Zumindest eine Info-Runde könne man doch einschieben. „Zwei bis drei Wochen schaden nichts“, sagte Gumrich. Vielleicht komme ja doch Neues heraus. Schwarz-Österreicher räumte ein, die Frage der Elternbeteiligung unterschätzt zu haben.

Vertreter von AL/Grünen sprachen von einer alternativlosen Entscheidung. „Wir verstehen die Fragen der Eltern, aber es ist nicht anders lösbar“, erklärte Schmanns. Deshalb sei seine Fraktion auch gegen eine „Pseudobeteiligung“ der Eltern. Schulbezirke müssten wieder eingeführt werden, der Zuschnitt könne nur minimal anders ausfallen als jetzt geplant. Auch Ute Leube-Dürr (SPD) nannte es daher „egal, was man jetzt beschließt“. Sie beklagte für ihre Fraktion aber das „Hü und Hott“, hielt die Befreiung von Schulbezirken für sinnvoll und kritisierte die mangelnde Elterninformation.

Albrecht Kühn (CDU) nutzte die Gelegenheit zum Angriff auf die grün-rote Landesregierung: „Wir in Tübingen sind Opfer einer außer Rand und Band geratenen Schulpolitik.“ Das ständige Verändern schade den Schülern nur. Er möchte zudem die Wahlfreiheit erhalten. Eine Bezirksschule wie andere auch sei zudem nicht der Grundgedanke der Französischen Schule gewesen.

Die CDU stellte deshalb den Antrag, beim Land um eine Ausnahme vom neuen alten Schulgesetz zu ersuchen. Damit entfiele der Zwang. Auch die von den Grünen genannte Alternativlosigkeit wäre bei einer Ausnahme überwunden. Doch dafür stimmten nur die sieben CDU-Fraktionsmitglieder und die vier Linken. Die Tübinger Liste und Markus Vogt enthielten sich. Zuvor hatte der OB den Versuch als „aussichtslos und nicht sachgemäß“ abgelehnt.

Palmer nahm zwar nicht die Stimmen der CDU, aber die der übrigen Kritiker auf. Er ergänzte den Beschlussantrag für die Schulbezirke um den Vorbehalt der „sofortigen Elterninformation“ und der Wiedervorlage im Gemeinderat am 18. Dezember. Dagegen stimmten die sieben CDU-Fraktionsmitglieder und Markus Vogt. Die Tübinger Liste enthielt sich.

Ab Sommer 2015 gibt es in der Südstadt wieder drei Schulbezirke
Nicht alle Hoffnungen des ersten Schultags der Französischen Schule als Gemeinschaftsschule im September 2012 erfüllten sich. Die Anmeldezahlen hinkten hinter den Erwartungen zurück. Mit der Wiedereinführung eines Bezirks sollen die Grundschüler in der Südstadt gleichmäßig verteilt werden. Archivbild: Metz

Mit dem Gemeinderatsbeschluss gibt es ab dem Schuljahr 2015/16 wieder drei Schulbezirke. Dabei wird nicht der Zustand vor dem Jahr 2013 wieder hergestellt, sondern der Zuschnitt erfolgt nach dem aktuellen und künftigen Bedarf. Der Bezirk Loretto wird zur Entlastung der Hügelschule der über den Fußgängersteg gefahrlos zu erreichenden Französischen Schule zugeteilt. Der Hügelschule wurden die künftigen Bewohner des neu entstehenden Güterbahnhofsviertels zugeschlagen.
  • Der Schulbezirk der Grundschule am Hechinger Eck umfasst den Bereich Derendingen und den Bereich Südstadt westlich der Hechinger Straße.
  • >Der Schulbezirk der Grundschule Hügelschule wird begrenzt von der Hechinger Straße im Osten, der Bahnlinie im Norden und der Stuttgarter Straße im Süden. Nicht mehr Teil des Schulbezirkes ist der Bereich Loretto.
  • >Der Schulbezirk der Grundschule an der Französischen Schule ist der Bereich südlich der Stuttgarter Straße / Hechinger Straße plus der Bereich Loretto. Die Verteilung der Schüler und Züge auf die neuen Schulbezirke erfolgt anhand der Vorausrechnung der Schülerzahlen.
Demnach ist zum Schuljahr 2017/2018 mit 203 einzuschulenden Grundschülerinnen und Grundschülern in der Südstadt zu rechnen. Diese verteilen sich wie folgt: Hechinger Eck 94 Schüler auf 4 Züge, Hügelschule 42 auf 2 Züge und Französische Schule 67 auf 3 Züge. Das ergibt gleichmäßig große Klassen von etwas über 20 Schülern. Da ist auch noch Luft für den Zuzug von Flüchtlingsfamilien.

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27.11.2014, 12:00 Uhr

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