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Abbild einer erschütterten Seele
Misst 7,77 mal 3,49 Meter: Pablo Picassos Monumentalwerk „Guernica“. Foto: © Sucesión Pablo Picasso. VEGAP 2017
Kunstgeschichte

Abbild einer erschütterten Seele

Vor 80 Jahren bombardierte die deutsche Legion Condor das baskische Städtchen Gernika. Mit „Guernica“ machte sich Pablo Picasso sein eigenes Bild vom Grauen des Krieges.

26.04.2017
  • MARTIN DAHMS

Am 28. Am 28. Februar 1974, da war Picasso schon fast ein Jahr tot, näherte sich ein junger Künstler iranischer Herkunft, Tony Shafrazi, Picassos Monumentalgemälde „Guernica“, das im New Yorker Museum of Modern Art hing, und besprühte es in roten Lettern: „Kill lies all“. Gefragt, warum er ausgerechnet „Guernica“ gewählt habe, antwortete er ernst: „Weil es ein großartiges Bild ist.“

Shafrazi hatte ein Gemälde, das er liebte, das aber Gefahr lief, zur Ikone zu erstarren, lebendig gemacht. Viele Jahre später erklärte er: „Ich hatte das Gefühl, dass ,Guernica', wenn es sprechen könnte, schreien würde.“ Shafrazi ließ es schreien. In diesem Fall gegen den Vietnam-Krieg.

„Guernica“ überstand die Attacke. Es war bei einer Restaurierung durch das MoMA mit einem Schutzfirnis überzogen worden, von dem die rote Farbe recht leicht zu entfernen war.

In „Guernica“ steckt das Grauen des Krieges. Als Pablo Picasso den Auftrag für das Gemälde erhielt, herrschte Bürgerkrieg in Spanien. Er selbst lebte seit langem in Paris, wo ihn Gesandte der Regierung im Januar 1937 baten, ein großformatiges Gemälde für den spanischen Pavillon der Weltausstellung zu malen, die Ende Mai in Paris beginnen sollte. Picasso wusste über Monate nicht, wie er den Auftrag zu erfüllen vermochte. Erste Entwürfe verwarf er. Dann erfuhr er von der Bombardierung Gernikas.

Gernika ist eine kleine baskische Stadt, in der seit dem späten Mittelalter Ratsversammlungen der wichtigsten Herren jener Gegend tagten. Ein Ort, der den baskischen Nationalisten heilig ist, und den sich die aufständischen Militärs gerade deshalb für ein brutales Experiment aussuchten: die Auslöschung einer Stadt.

Flieger der verbündeten deutschen Legion Condor, unterstützt von Italienern, warfen am 26. April 1937 tausende Spreng-, Splitter- und Brandbomben über Gernika ab, sie zerstörten vier Fünftel des Orts und töteten hunderte Einwohner und Flüchtlinge. Picasso hatte sein Thema gefunden, begann am 1. Mai zu malen.

In Picassos „Guernica“ (die spanische Schreibweise) steckt der Krieg, aber Picasso malte nicht den Krieg. Er schaute nach innen. Und dort fand er Bilder, die ihn schon lange beschäftigten. Eine Radierung von 1935, „Minotauromachie“, enthält Elemente, die er in „Guernica“ wieder aufnahm: einen gewaltigen Stierkopf, ein Pferd in verrenkter Haltung, ein Mädchen mit einem Licht in der Hand, eine Taube, Frauen, die zum Fenster hinausblicken. „Guernica“ ist kein Abbild des zerstörten Gernika. Es ist das Abbild einer erschütterten Seele.

Nach der Ausstellung im spanischen Pavillon in Paris reiste „Guernica“ um die Welt. 50 Mal wurde es eingerollt und wieder hervorgeholt, bis es im MoMA in New York einen festen Platz fand.

1981, sechs Jahre nach Ende der Franco-Diktatur, kam es nach Spanien, so wie es Picassos Wunsch gewesen war. Seit 1992 hängt es im Reina Sofía, dem Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst. „Guernica“ ist zum Sinnbild für den Widersinn des Krieges geworden, gerade weil sich Picasso dem Krieg aus seinem Inneren genähert hatte.

14 Jahre nach „Guernica“ malte er ein neues Kriegsbild, das Massaker in Korea: Inspiriert von Goyas Erschießungen des 3. Mai, glaubte Picasso, mittlerweile Mitglied der Kommunistischen Partei, Propaganda machen zu müssen. Dieses Bild ist vergessen. „Guernica“ schreit noch immer.

Ausstellung in Madrid

Geschichte „Pity and Terror. Picasso’s Path to Guernica“ heißt die Ausstellung im Madrider Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, die sich mit Entstehung und Wirkungsgeschichte von Picassos Jahrhundertwerk befasst: bis 4. September.

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26.04.2017, 06:00 Uhr

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