Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Indischer Sommer

Abendliche Sitar-Träumereien im Luisenbad

Tübingen. Das Luisenbad in der Tübinger Uhlandstraße ist Kunstraum mit zeithistorischer Dimension und Archiv für bedrohte Alltagsgegenstände, beispielsweise den ehemaligen Casino-Kronleuchter. Luisenbad-Inhaberin Dietmute Zlomke konnte ihn beim letzten Casino-Umbau gerade noch retten. „Er wurde eben herabgelassen, um zu zerschellen“, als die Tübinger Künstlerin mit einem beherzten Halt-Ruf dazwischen ging.

20.08.2012

Sie durfte den Kronleuchter mitnehmen, der mit seinem atmosphärischen Licht am Freitagabend das Konzert des Sitar-Virtuosen Tamim Ziai verzauberte.

Für Zlomke ist die indische Raga-Musik besonders geeignet, Geist und Körper wieder in Einklang zu bringen. Entgegen der populären Botschaft, in der Kunst gehe es darum, „etwas herauszulassen“, versteht Zlomke Musik und Performance als konzentrierte Intensität – um „etwas hörbar zu machen, was da ist“.

Ragas heißen die Stücke, die auf der indischen Langhals-Laute Sitar gespielt werden. „Raga bedeutet Farbe, Färbung, aber auch Schönheit, Melodie“, erläuterte Tamim Ziai den gut 50 Zuhörer(inne)n. 1958 in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren, entdeckte er die klassische nordindische Musik bereits als Kind bei Verwandten.

Jede Raga übermittelt eine bestimmte Stimmung, sagte der Musiker, der fünf Jahre lang Vorsitzender der Deutsch-Indischen Kulturgesellschaft Tübingen war. Das können Gefühle wie Liebe oder Trauer sein sowie bestimmte Tages- oder Jahreszeiten. Als Auftakt im Luisenbad wählte Ziai passend zur Tageszeit eine ausgedehnt mäandernde Abend-Raga, der Zeit des Sonnenuntergangs gewidmet.

Für ein Weilchen konnte man nicht sicher sein, ob der Musiker noch dabei war, die Sitar zu stimmen, oder schon zu spielen begonnen hatte. Doch der Eindruck des Improvisierten täuschte. „Der Rahmen ist festgelegt. Innerhalb dieser Regeln kann man sich dann austoben“, so Ziai. „Eine Raga fängt ganz langsam an, wird Note für Note eingeführt. Dann kommt eine Art Puls dazu, bevor es noch schneller und rhythmischer wird.“

Der musikalische Sonnenuntergang hob mit gleichmäßigen, fast meditativen Tonlinien an. Erst allmählich dramatisierten die charakteristischen, schluchzenden Raga-Akzente den Klang. Nach einer neuerlichen, sehr zurückgenommen Passage setzten die Klage-Noten wieder ein, von leise perkussiven Tönen weitergetragen. Ziai schien völlig eins mit seinem Instrument, nah am elegant geschwungenen Resonanzkörper oder den Blick hebend, um den lang gestreckten Steg des Instruments miteinzubeziehen. Die deutlich kürzere zweite Raga schien murmelnder im Ton, die schluchzenden Töne nüchterner, tagnäher. Der Luisenbad-Kronleuchter jedenfalls schien mit zunehmender Dunkelheit stärker zu leuchten.dhe

Info: Das Luisenbad, Uhlandstraße 5, ist dienstags bis freitags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Und nach Vereinbarung: Telefon 0 70 73 / 91 84 33.

Der Sitar-Virtuose Tamim Ziai am Freitagabend im Luisenbad.Bild:Sommer

Zum Artikel

Erstellt:
20. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. August 2012, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen