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Literatur

„Aber gestern war ich noch von heute“

Botho Strauß spottet in seinem neuen Prosaband „Oniritti – Höhlenbilder“ wieder über die Moderne.

01.12.2016
  • GEORG LEISTEN

Berlin. Wohin es geht, ist gleich am Anfang klar. In die Grube. „Schürfschritt für Schürfschritt bergeinwärts“ lautet die Parole. Warum? Weil ganz unten der Tiefsinn wohnt? Vielleicht. Fest steht: „Oniritti – Höhlenbilder“, wie sich der neue Prosaband von Botho Strauß überschreibt, erkundet das Erdinnere. Doch das ist weder Bergwerk noch Höhle im traditionellen Sinne, sondern eine erstaunlich vertraute, quicklebendige Stadt mit Theatern, Imbissbuden, U-Bahnen und bunt gemischter Bevölkerung. Gleichwohl wird man den Eindruck nicht, los im Hades zu sein. Der urbane Alltag als der einer Totenstadt. Das 21. Jahrhundert erscheint im Tempus der vollendeten Zukunft als schon gestorben.

Ein langer erzählerischer Wachtraum geleitet den Leser auf einem kreisenden Stationenweg durch die fantastische Metropole. Das künstlich geschmiedete Titelwort „Oniritti“ verbindet den altgriechischen Begriff „oneiros“ (für Traumbild) mit dem ganz heutig, großstädtisch klingenden Phänomen Grafitti. Dem schnell an Mauern und Wände Gezeichneten gibt der Autor ein Pendant in der literarischen Kurzform, der Band setzt sich aus kleinen parabelhaften Episoden zusammen, unterbrochen von aphoristischen Weisheitstrümmern.

Seit er mit dem „Anschwellenden Bocksgesang“ von 1993 einen feuilletonistischen Debattenkrieg lostrat, zählt der ehemalige Büchner-Preisträger Strauß zu den umstrittensten Kulturkonservativen im Land. Ohne die scharfen Rechtskurven des vor über 20 Jahren erschienenen Skandalessays zu wiederholen, rechnet der 72-Jährige auch diesmal ab mit Entwicklungen des Zeitgeistes.

Verstiegen und bildstark

Der beklagt aus der Warte des wissenden Außenseiters eine geheimnislos gewordene Faktenwelt, verlacht Mediengesellschaft, Maschinenmoderne, kurzum: uns alle, die wir „spinnenähnliche Netzbewohner“ der Internetära sind. Kein Zufall, dass die Untergrundstadt „Idle city“ heißt wie ein Computerspiel, in dem es um virtuelle Stadtplanung geht.

Es ist ein intellektuell forderndes Buch, das Verweise kreuz und quer durch die alteuropäische Kulturgeschichte aufspannt. Und im Zentrum immer wieder Dantes Höllentrip aus der „Göttlichen Komödie“, die sich als wichtigster Modellgeber für Strauߑ Höhlenforschung erweist.

Man wird kaum je von Spannung festgehalten, kommt aber auch nicht so leicht los von dem somnambulen Sog des Textes. Dafür sind die Beobachtungen trotz ihrer Verstiegenheit zu bildstark, zu treffend, zu wahr auch in einer Verzerrung, die zur Kenntlichkeit entstellt. Etwa jene „accidiosi“, die „Gelangweilten, die Trübseligen und Trägen“, die Strauß aus Dantes fünftem Höllenkreis in sein spätmodernes Stollensystem holt. Sind sie nicht die allegorischen Vorgänger jener vom Fortschritt abgehängten Mittelschicht, welche sich den neuen Politgötzen wie Donald Trump zu Füßen wirft?

So hart der Autor auch austeilt, mitunter scheint er sich selbst in seiner Rolle des isolierten Unzeitgemäßen ironisch zu belächeln. Schließlich liest man in den Denksprüchen, mit denen dieses hartnäckig verstörende Werk ausklingt: „Gewiss, sagt er, ich bin von gestern. Aber gestern war ich noch von heute.“ Georg Leisten

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01.12.2016, 06:00 Uhr

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