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Vaters Reifeprüfung

Abitur als Kriegsgefangener: Zeugnis nach 67 Jahren

„Deutsche Dienststelle“ lautet der Absender eines Schreibens, das der Rottenburger Hans-Dieter Frey kürzlich in seinem Briefkasten fand. Es enthielt das „Zeugnis der Reife“, das seinem Vater Anton Frey am 28. Juli 1945 im Offizierslager Concordia in Kansas, USA, ausgestellt wurde.

01.08.2012
  • Fred Keicher

Rottenburg. Ein knappes Begleitschreiben informierte Hans-Dieter Frey, er erhalte aus dem „Rücklage“ seines Vaters ein Zeugnis. „Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) übergab der Deutschen Dienststelle (WASt) eine große Anzahl von persönlichen Papieren, die seinerzeit den deutschen Kriegsgefangenen abgenommen und an das BRK weitergeleitet wurden.“ Anton Frey war später Rottenburger Stadtveterinär. Dass sich fast siebzig Jahre nach Kriegsende eine Behörde immer noch um die Habseligkeiten deutscher Weltkriegssoldaten kümmert, verblüffte den Verwaltungsbeamten Frey. Er arbeitet seit 35 Jahren in der Rottenburger Vollzugsanstalt.

Eine Neuigkeit war des Vaters Reifezeugnis für Hans-Dieter Frey allerdings nicht. Übersandt wurde ihm die zweite Ausfertigung. Mitgebracht hatte der Vater die erste Ausfertigung. Diese trägt deutliche Gebrauchsspuren. Sie wurde von deutschen Behörden beglaubigt und Anton Frey konnte damit in München und Gießen Tiermedizin studieren.

Anton Frey wurde am 1. Januar 1917 in Anhausen im Lautertal geboren. Seine Eltern, die insgesamt acht Kinder hatten, bewirtschafteten das Gasthaus „Adler“ mit angeschlossenem Bauernhof, das der älteste Sohn übernahm. Für Anton, den Drittgeborenen, wurde die Pfarrerslaufbahn gewählt.

Sohn Hans-Dieter Frey weiß nicht viel über die Jugend seines Vaters. Nur, dass dieser 1936/37 im Missionshaus St. Heinrich in Bamberg zur Schule ging und vom Gymnasium in Ellwangen aus 1939 in den Krieg zog. Als Artillerist kämpfte er in Polen und in der Sowjetunion. Von 1944 bis 1946 war er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Dort, im Offizierslager Concordia im Bundesstaat Kansas, wurde Anton Frey das Zeugnis ausgestellt.

Geredet wurde in der Familie nicht über den Krieg. Auch nicht mit Engelbert (Bert) Frey. Der Onkel kam erst 1954 heruntergehungert aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Er war später Staatsanwalt in Tübingen und Landgerichtsrat in Ulm. Anton Frey ließ sich 1955 in Rottenburg als Tierarzt nieder. Als Stadtveterinär war er später für die Fleischbeschau im Schlachthof zuständig. 1966 zog er als Nachrücker in den Rottenburger Gemeinderat ein, 1971 wurde er mit höchster Stimmenzahl wiedergewählt. Nach schwerer Krankheit starb Anton Frey 1977 im Alter von 60 Jahren.

Mit den Aufräumarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg sind bei der Deutschen Dienststelle, Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) in Berlin, immer noch 300 Leute beschäftigt. Vorhanden sind dort die Personalakten aller deutscher Soldaten auf etwa 18 Millionen Karteikarten. Den Grundbestand bilden die Akten, die auf zwei Güterzügen aus Berlin herausgebracht und von der US-Armee 1945 in Thüringen beschlagnahmt wurden.

Gebraucht werde die Dienststelle immer noch, sagt ihr Leiter Hans-Hermann Söchtig. Im vergangenen Jahr wurden in Russland 40 000 Soldatengräber umgebettet. Das Berliner Erkennungsmarken-Verzeichnis half hier bei der Identifikation. Für Rentenansprüche und Gerichtsverfahren finden sich in Berlin Nachweise. Wichtige Unterlagen steuerte die Dienststelle auch zum Prozess gegen John Demjanjuk bei, der im Frühjahr vergangenen Jahres wegen Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Sobibor verurteilt wurde. „Da hing ja alles an der Beweiskraft von Ausweisen“, sagt Söchting. Selbstverständlich hat man auch die Akten von Prominenten, etwa von Alt-Kanzler Helmut Schmidt. „Die“, sagt der Dienststellenleiter, „sind allerdings im Panzerschrank.“

Abitur als Kriegsgefangener: Zeugnis nach 67 Jahren
Auf dünnem durchscheinenden Papier ist Anton Freys Reifezeugnis aus Kansas geschrieben. In Geschichte war der spätere Rottenburger Stadtveterinär „sehr gut“.

Abitur als Kriegsgefangener: Zeugnis nach 67 Jahren
Auf dünnem durchscheinenden Papier ist Anton Freys Reifezeugnis aus Kansas geschrieben. In Geschichte war der spätere Rottenburger Stadtveterinär „sehr gut“.

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01.08.2012, 12:00 Uhr

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