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Donnerndes Finale

Abriss-Unternehmer Klaus Walter blutet bei seiner Arbeit selbst das Herz

Geschichte rückwärts im Zeitraffer. Was in den Jahren 1903/04 über Monate hinweg beim Horber Bahnhof in kunstvoller Bauweise entstanden ist, dürfte am heutigen Samstag vollends vom Erdboden verschwinden. Innerhalb einer Arbeitswoche fiel das Backsteingebäude auf dem Postareal, vor rund 112 Jahren von der Königlichen Bauinspektion für Dienstwohnungen erbaut.

14.11.2015
  • Gerd Braun

In Abschnitten haben sich die Abbruch-Experten der Firma Walter über das Gebäude hergemacht. Vier Mann, die am Montag früh noch auf dem Dach des dreigeschossigen ehemaligen Hauses herumgeturnt waren. Die Ziegel waren recht schnell unten, die Fensterläden ausgehängt und gesammelt. Teilweise wurden auch noch Böden ausgebaut. Bevor am Dienstag schweres Gerät anrückte und es erst so richtig losging.

Etagenweise und von der westlichen Seite des Gebäudes her in Richtung B32-Brücke riss der Bagger die Ziegelstein-Wände um. Ständiger Begleiter dieser Arbeiten war ein starker Wasserstrahl, den einer der Männer mit dem Schlauch auf die relevanten Bereiche richtete, um die bei diesem Wetter zwangsläufig aufkommende Staubentwicklung zumindest etwas einzudämmen.

Gestern, gegen 14 Uhr: Der letzte große Akt. Von dem Gebäude steht zu diesem Zeitpunkt noch die rechte hintere Hälfte. Und die soll mehr oder minder in einem Wurf stürzen. Abbruchunternehmer Klaus Walter, der während der Woche den Transport des anfallenden Materials persönlich übernommen hatte, steht etwas abseits. Ein wenig sieht man ihm die Anspannung an. Eine gezielte Drehung mit dem Bagger soll dafür sorgen, dass der schmal in den Himmel aufragende Gebäuderest in einem Ruck auf die nördliche Seite hin kippen soll. Der Bagger dreht sich, drückt die einstige Innenwand nach außen – und mit einem Rums, dem eine gewaltige Staubwolke folgt, ist auch dieser letzte große Wurf des Abbruchs gemeistert.

„Da geht das Adrenalin in alle Richtungen“, räumt Klaus Walter ein, sichtlich froh, dass alles nach Plan geklappt hat. Auch die letzte solitär aufragende Südwand des Gebäudes kippt mit sanfter Bagger-Gewalt in genau die gewünschte Richtung – also nicht etwa auf die nebenan verlaufenden Bahngleise. Dies wäre das absolute Horror-Szenario gewesen, und angesichts dessen kann man die vorherige Anspannung des Abbruch-Unternehmers gut nachvollziehen.

Dem blutete bei diesem Auftrag übrigens selbst etwas das Herz. Walter ist Liebhaber denkmalgeschützter Gebäude und hat mit sehr viel Herzblut unter anderem schon mehrere Gebäude am Hochdorfer Bahnhof saniert. „Wenn ich‘s gekonnt hätte, dann hätt‘ ich das Gebäude hoch nach Hochdorf gezaubert“, meinte er, „das war ein sehr schönes Gebäude, das zu erhalten sich sicherlich gelohnt hätte“. Allerdings könne er es schon auch nachvollziehen, dass man zur Abriss-Entscheidung kommen kann, wenn solch ein Haus an der falschen Stelle steht – und in diesem Fall wäre der Backsteinbau eben dem geplanten Einkaufszentrum im Weg gestanden, für dessen Bau zwischen Stadt und der Activ-Group als Investor ja ein Ansiedelungsvertrag unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag allein legitimierte den Abriss des denkmalgeschützten Baus aus Sicht des Regierungspräsidiums.

Für diejenigen, die dem Gebäude nachtrauern – und das sind in Horb durchaus einige – mag es wohl kaum ein Trost sein. Aber immerhin lebt die Immobilie in kleinsten Einheiten andernorts ein bisschen weiter. Die Backsteine wurden nämlich von Walters Mitarbeitern fein säuberlich getrennt – in Schutt und einen guten, wiederverwendbaren Teil, der immerhin einige Container füllte und für neue Mauern bereitsteht.

Als sich der meiste Staub verzogen und alles nach Plan geklappt hat, applaudiert Walter seinen Männer kurz zu und lobt laut: „Gut gemacht, Jungs!“ Den Rest, also den verbliebenen Teil des Erdgeschosses, will sich das Team am heutigen Samstag vorknöpfen.

Abriss-Unternehmer Klaus Walter blutet bei seiner Arbeit selbst das Herz
Dem Plan folgend in Richtung Norden gekippt: Nach diesen finalen großen Akten beim Abriss des Backsteingebäudes war Klaus Walter erstmal erleichtert. Bilder: Kuball

Abriss-Unternehmer Klaus Walter blutet bei seiner Arbeit selbst das Herz
Fein säuberlich aufbewahrt: Die einstigen Fensterläden wurden akkurat gesammelt.

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14.11.2015, 12:00 Uhr

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