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Der Tod riecht nach Fichtenholz

Abschiednehmen als Handwerk: Männer bauen sich eigenen Sarg

Vier Männer fortgeschrittenen Alters, eine kleine, zur Werkstatt umgebaute Garage und ein gemeinsames Ziel: Sich mit der Endlichkeit des Lebens vertraut zu machen. Für Martin Kaiser (63) und Mitstreiter Hartmut (65) bedeutete das auch, sich den eigenen Sarg zu bauen.

17.09.2010
  • MARIKE SCHNECK

Der Tod riecht nach frisch gehobeltem Fichtenholz und klingt wie eine Kreissäge. Vor allem aber ist er ein verdammt hartes Stück Arbeit. Das Schleifen, Sägen und Zusammenschrauben der langen Holzlatten – jede 1,90 Meter lang – macht den Tod zwar nicht zum Freund, wohl aber zu einem Bekannten. „Das Handwerkliche nimmt die Dramatik raus“, sagt Martin Kaiser, 63 Jahre alt, Arzt und Initiator der Sargbauer-Gruppe. Die zählt vier Männer zwischen 56 und 74 Jahren, die sich bei einem Themen-Abend für ältere Männer in der Tübinger Begegnungsstätte „Hirsch“ zusammen gefunden haben und sich seither regelmäßig treffen. Weil dabei natürlich viel Persönliches auf den Tisch kommt, wollen bis auf Initiator Kaiser alle anonym bleiben.

Schon lang war Martin Kaiser auf der Suche nach etwas, das ihm helfen würde, sich mit dem Sterben, auch dem eigenen, auseinander zu setzen. Er und seine Frau Hiltraut haben vor vielen Jahren ein Kind verloren, das Zweite. Auch deshalb steht er hier, in seiner Garage in einem kleinen Weiler mitten im Nordschwarzwald, während draußen unablässig der Regen niederprasselt, und schraubt an seiner „Kiste“. „Das Wort Sarg haben wir irgendwann gecancelt.“

Erst als Martin Kaiser vor vielen Jahren mit der Familie nach Papua-Neuguinea ging, um dort in einem Hospital zu arbeiten, konnte der Arzt begreifen: „Der Tod gehört zum Alltag dazu. Zuvor“, sagt er, „haben wir uns immer gefragt, warum ausgerechnet unser Kind gestorben ist und uns auch mit Schuldgefühlen geplagt. Erst dort haben wir begriffen, dass es normal ist, dass Kinder sterben.“

In Deutschland ist das Sterben zu einer sterilen Sache geworden, die schnell und möglichst ohne viel Aufhebens über die Bühne gehen soll. All die kleinen Arbeiten und Aufgaben, die helfen könnten, den Tod eines lieben Menschen zu verarbeiten, erledigen Fremde. Auch deshalb ist es wichtig für den Arzt, der in den 1970er- und 80er-Jahren am Tübinger Paul-Lechler-Krankenhaus in der Palliativmedizin als Sterbebegleiter gearbeitet hat, dass der Tod einen Weg ins Leben findet. „Niemand hat ein Anrecht darauf, ewig zu leben. Aber das vergessen wir oft.“

Der Sarg dient als Sitzbank

„Beim Begräbnis meines Vaters war ich so tief unglücklich über das, was ich im Sarglager des Bestatters vor mir hatte“, erzählt der 65-jährige Hartmut, pensionierter Lehrer. Nicht ein Sarg hatte ihm damals gefallen, keiner schien für seinen Vater und dessen letzten Gang recht passen zu wollen. Unter dem starken Zeitdruck aber war Hartmut gezwungen, eine Entscheidung zu fällen. Seinen Kindern will er genau das ersparen. Sie sollen wissen, dass er genau in dieser 190 Zentimeter langen und 56 Zentimeter breiten Kiste, die er gerade baut, begraben werden will.

Ach ja, die Kinder. Die wissen bislang noch nichts von den Plänen des Vaters. Und auch nicht, dass die Kiste, ehe sie zum Einsatz kommt, im elterlichen Garten Gästen als Sitzbank dienen soll.

„Ihr mutet euren Kindern ganz schön was zu“, mahnt Wolfgang, 74 Jahre alt. Auch er gehört zur Gruppe, hat sich aber nach vielen Gesprächen entschieden, keinen eigenen Sarg zu bauen. Dabei ist er der einzige der vier, der tatsächlich schwerkrank ist. „Aber wenn es dann soweit ist“, sagt er, „sollen meine Kinder entscheiden, was mit mir passiert.“

Anstatt selbst Hand anzulegen, steht Wolfgang nun also als Beobachter in der kleinen Schwarzwald-Garage und gibt den anderen mal mehr, mal weniger hilfreiche Ratschläge. Werden Schrauben zu früh ins Holz gedreht oder ist eine Latte nicht akkurat gesägt, kann sich der 74-jährige Kritiker nur schwer zurückhalten. „Ich bin eben ein Typ, der Organisation und Planung internalisiert hat“, sagt Wolfgang und die anderen lächeln. Man kennt sich. „Aber das ganze Planen“, schiebt Wolfgang wenig später dann noch nach, „ist etwas, wovon ich mich nun wohl verabschieden muss.“

So ernst die Themen auch sind, die beim Sargbauen in der Werkstatt, beim gemeinsamen Mittagessen in Martin Kaisers gemütlichem Wohnzimmer oder bei den monatlichen Treffen besprochen werden – wenn die vier zusammen kommen, wird immer auch viel gelacht. Und genau das macht das Zusammenkommen dieser vier völlig unterschiedlichen Menschen zu etwas besonderem. „Es ist keine typische Männerrunde“, erklärt Kaiser. „Die Gespräche sind sehr persönlich und sehr offen. Es gibt nie etwas zum Einpacken und Mitnehmen, und dennoch ist jeder glücklich über das, was während des Gesprächs passiert.“

Klaus-Martin, 56, der eben eine schwere Erkrankung überwunden hat, baut ebenfalls keinen Sarg. „Ich habe die Krankheit überlebt und stehe gerade mitten im Leben. Ich habe Pläne, will noch viele Dinge erleben.“ Die Zeit für einen eigenen Sarg ist für ihn noch nicht gekommen. „Dafür habe ich hier ein großes Stück Heilung erfahren“, sagt er. Als sein Vater starb, war Klaus-Martin gerade 14 Jahre alt. „Ich habe den Tod damals einfach verdrängt. Musste ihn verdrängen, weil es meiner Mutter sehr schlecht ging.“ Dann ist er irgendwann einfach zusammen geklappt. Auch diese Erfahrung konnte im Gespräch aufgearbeitet werden.

Gespräche gab’s übrigens auch mit den Nachbarn in dem kleinen Schwarzwald-Weiler. Damit die nicht aus allen Wolken fallen, wenn die Männer in der Garage nebenan Särge bauen, hat Martin Kaiser sie vorab informiert. Wie sie’s aufgenommen haben? „Mit viel Humor und Interesse“, sagt er. Und einer der Nachbarn kam sogar kurz vorbei, um den Sargbauern beim Sägen über die Schulter zu schauen.

Darf man sich im selbst gebauten Sarg beerdigen lassen?

Prinzipiell steht dem jedenfalls nichts entgegen. Im baden-württembergischen Bestattungsgesetz wird nur zur Auflage gemacht, dass das Holz, aus dem ein Sarg gefertigt ist, leicht verweslich sein muss.

In Tübingen hat man für die Wünsche Angehöriger grundsätzlich ein offenes Ohr. „Wir sind hier sehr locker“, sagt Rita Fröschke von der Friedhofsverwaltung der Stadtbaubetriebe.

Jeder Sarg (egal ob selbstgebaut oder gekauft), so Fröschke, müsse aus Vollholz sein und dürfe nicht mit Schadstoffen oder umweltschädlichen Lacken behandelt werden. Er muss festgefügt (mit Nut und Feder) gearbeitet sein und so abgedichtet, dass jedes Durchsickern von Feuchtigkeit ausgeschlossen werden kann. In der Regel übernimmt das der Bestatter, der offene Fugen mit Silikon abdichtet.

Abschiednehmen als Handwerk: Männer bauen sich eigenen Sarg
Hier wurde gehämmert, gesägt und geschraubt: In einer kleinen Garagen-Werkstatt mitten im Schwarzwald haben sich die Tübinger Männer ihren eigenen Sarg gezimmert. Bild: Schneck

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17.09.2010, 12:00 Uhr

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