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Die Jagd auf wildernde Katzen und Hunde wird ab April deutlich erschwert

Abschuss von Haustieren nur noch mit Genehmigung

Ist das Leben einer Hauskatze mehr wert als das eines Singvogels? Das TAGBLATT fragte Vogelschützer, Jäger und Förster nach ihrer Meinung zur künftig geltenden Genehmigungspflicht für den Abschuss wildernder Katzen und Hunde.

14.11.2014
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. Wenn sich eine Katze mehr als 500 Meter vom Haus entfernt, darf der Jäger sie nach dem noch geltenden Jagdgesetz abschießen. Die Gesetzesnovelle, die der Landtag in Stuttgart am Mittwoch beschlossen hat, gilt ab 1. April 2015. Danach dürfen Katzen dann nur noch in Schutzgebieten und nach Genehmigung durch die Ortspolizeibehörde geschossen werden. „Wir haben den Tierschutz höher bewertet als die Einwände des Landesjagdverbandes“, bestätigte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums dem TAGBLATT.

Das Ansehen der Katze hat sich gewandelt

„Als ich vor 30 Jahren den Jagdschein gemacht habe, war es unter traditionellen norddeutschen Jägern oberstes Gebot, verwilderte Katzen zu schießen, um den Niederwildbestand zu schützen“, sagt der aus Schleswig-Holstein stammende Thorsten Beimgraben, der an der Rottenburger Forsthochschule Professor für Jagdwirtschaft und Wildökologie ist.

„In Schleswig-Holstein gibt es die großen Hasenjagden, während hier eher Rehe und Wildschweine gejagt werden“, erklärt Beimgraben. „Ich kann heute keine Katze mehr schießen. Das Ansehen der Katzen hat sich gewandelt. Sie ist vom reinen Mäusejäger-Nutztier zum Familienmitglied geworden“, sagt Beimgraben. „Wenn meine Studenten mich fragen, ob sie auf Katzen schießen sollen, dann empfehle ich ihnen, zuerst an die Kinder zu denken, denen die Mieze gehört und es lieber sein zu lassen“, so Beimgraben. Den Gesetzentwurf sieht der Jagdausbilder positiv: „Wenn ein Jäger doch mal eine wildernde Katze oder einen Hund schießen muss, dann tut er es im Auftrag der Behörde und ist abgesichert“, so Beimgraben

Der Kiebinger Bernhard Herrmann ist Vorsitzender des Hegerings Rottenburg. „Beim Gesetz haben viele mitgeredet, die von der Jagd keine Ahnung haben, aber die Einwände von uns Jägern, die das Gesetz umsetzen müssen, wurden nicht berücksichtigt“, sagt er. „Kein Ortsvorsteher oder Bürgermeister wird den Abschuss einer Katze oder eines Hundes genehmigen. Das Thema ist damit de facto durch.“ Er selbst, sagt Hermann, habe noch nie auf eine Katze geschossen und werde das auch künftig nicht tun. „Ich bin mit Katzen aufgewachsen und bin nicht Jäger geworden, um Katzen zu schießen. Einzig der Schutz bedrohter Tierarten wie Feldhamster, Rebhuhn oder Feldhasen könnte das rechtfertigen.“

In Diskussionen bei Hegeringabenden gebe es aber durchaus Jäger, die sich dazu bekennen, Katzen zu schießen, die sie wiederholt im Wald antreffen. „Im Wald hat eine Katze nichts zu suchen“, sagt Herrmann. Tatsächlich würden aber aus einem praktischen Grund nur sehr wenige Katzen erlegt. „Wenn ich eine Katze schieße, ist das Reh gewarnt. Da kann ich gleich nach Hause gehen.“

Die Zahl verwilderter Katzen im Kiebinger Revier schätzt Herrmann auf 20 Tiere. „Mich ärgert, dass sogenannte Tierschützer diese Katzen noch füttern. Es gibt Futterstationen auf Obstwiesen für diese Tiere“, sagt Herrmann. Er fordert Auffangstationen für verwilderte Katzen. „Tierschutz und Naturschutz sind nicht teilbar. Der Singvogel, der Feldhase und der Hamster haben das selbe Recht zu leben wie die Katze.“

Auch für die Tötung von wildernden Hunden ist künftig eine Genehmigung erforderlich. „Wenn man ein leidendes Rehkitz erlösen muss, weil es von Hunden angefallen wurde, ist das keine schöne Aufgabe“, so Bernhard Herrmann. Der Hegering fordere deshalb eine Leinenpflicht für Hunde im Wald zumindest während der Schonzeiten.

Für eine ganzjährige Anleinpflicht in Rottenburgs Wäldern, sagt Erster Bürgermeister Volker Derbogen, fehle ihm die Rechtsgrundlage. Zu den letzten Änderungen, die offenbar auf Drängen der Jäger noch kurz vor der Verabschiedung ins Landesjagdgesetz aufgenommen wurden, gehört jedoch, dass die untere Jagdbehörde eine Anleinpflicht während der Schonzeiten verhängen kann.

Hegering fordert eine Leinenpflicht im Wald

Forstamtsleiter Alexander Köberle kennt ebenso wie Herrmann keinen Jäger im Kreis Tübingen, der in den letzten 20 Jahren einen Hund abgeschossen hätte. Das liege unter anderem an den auch bisher schon hohen Hürden. „Der Jäger muss nachweisen, dass der Hund gewildert hat, dass er versucht hat ihn einzufangen und dass das Herrchen nicht um die Ecke ist“, sagt Köberle. Künftig muss zusätzlich eine Genehmigung der Jagdbehörde vorliegen.

Auch die Jagd auf Katzen empfiehlt Köberle den Jägern nicht. „Es gibt zwar Katzen, die sich auf die Vogeljagd spezialisieren. Ich glaube aber, dass Füchse das größere Problem sind.“ Hinzu komme, das die Wildkatze wieder heimisch werde und auch in Schönbuch und Rammert erwartet werde. „Wenn ein Jäger eine Wildkatze schießt, wäre das tragisch“, sagt Köberle. Im Gegensatz zur verwilderten Hauskatze stelle die Wildkatze keine Gefahr für die Beutetierbestände dar. „Die Natur kann sich anpassen. Wenn weniger Beutetiere da sind, bekommen auch die Raubtiere weniger Jungtiere durch den Winter. Bei Hauskatzen, die gefüttert werden und nur aus Jagdtrieb töten, funktioniert dieser natürliche Anpassungsprozess nicht.“

Abschuss von Haustieren nur noch mit Genehmigung
Katzen, die Vögel fangen, folgen ihrem natürlichen Jagdtrieb. Wie sinnvoll der Abschuss wildernder Hauskatzen ist, darüber gehen die Meinungen in Naturschützer- und Jägerkreisen die Meinungen auseinander. Das soeben verabschiedete neue Landesjagdgesetz erlaubt den Abschuss ab 1. April nur noch in Ausnahmefällen.Archivbild: Metz

Der Schaden, den wildernde Hauskatzen unter den Vögeln anrichten, ist beträchtlich“, sagt die Biologin Karin Kilchling-Hink aus Weiler. „Katzen töten nicht nur Singvögel, sondern auch Blindschleichen, Eidechsen und Spitzmäuse. Sie töten oft nur um zu spielen. Das ist ihr Jagdtrieb“, so Kilchling-Hink, die Sprecherin des Naturschutzbundes (NABU) ist und im Mössinger Vogelschutz-Zentrum arbeitet. „Es sind definitiv zu viele Katzen unterwegs.“
Vor dem Abschuss“, fordert die Biologin, „sollte man aber die Katzenhalter in die Pflicht nehmen, dass sie ihre Katzen kastrieren lassen. Es sollte nicht jeder eine Katze halten dürfen, der nicht damit umgehen kann.“

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14.11.2014, 12:00 Uhr

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