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„Wir machen ,Schlümpfe‘!“ Was auch sonst?

Absolute Geheimsache: Wie sich eine Empfinger Frauen-Fasnetsclique auf die Flegga-Fasnet am Schmotzigen vorbereitet

Am Schmotzigen nachts füllen sie die Empfinger Straßen und Lokalitäten mit pulsierendem Leben. Die wohl über zwanzig Fasnets-Cliquen und Kameradschaften sind das Rückgrat der Empfinger Flegga-Fasnet. Alle Cliquenfrauen im gleichen „Häs“ verkleidet, ziehen nach dem Treffen um 21 Uhr unterm Narrenbaum gemeinsam durch die Nacht. Davor steckt jede Menge Arbeit. Die Zeit der Vorbereitung beginnt oft schon im Oktober.

05.03.2011
  • Marcus Michel

Empfingen. Mittwoch, 28. November. Ich treffe zum ersten Mal auf die „Schlümpfe“. 13 junge Frauen sitzen im Nebenzimmer im Ristorante „da Devis“ in kleinen Gruppen über Fasnetskataloge gebeugt, heftig tuschelnd. Was soll das gemeinsame „Häs“ für dieses Jahr werden? Nach und nach werden Vorschläge in den Raum geworfen. Zigeunerinnen, Fräuleins vom Wehrstein, schwule Rocker oder Prinzessinnen? „Schlumpf“ Sandra schlägt zum Jux vor, dass man doch nochmal Mars-Männle machen könnte. Das war vor 14 Jahren das allererste Kostüm der „Schlümpfe“ und war so schön. Oder was mit aktuellem Bezug wie „Daimler-Teststrecke“? Nein, lieber doch nicht. Vielleicht ist das ja Anfang März schon kein Thema mehr? Verirrt sich ein anderer Gast in den Raum, wird es plötzlich still. Das „Häs“ ist Geheimsache. Vor dem Schmotzigen soll davon möglichst niemand erfahren. Ramona erklärt mir später, dass einer der Kicks am Schmotzigen ist, dass erstmal keiner weiß, wer du bist.

„Dass auch jemand, der dich gut kennt, erst einmal stutzt und sich fragt, wer ihm da gerade gegenübersteht?“ Also strengste Geheimhaltung. Wenn Freunde oder Eltern fragen „was macht denn deine Clique an der Fasnet?“, bekommen alle immer dieselbe Antwort: „Wir machen Schlümpfe!“

Als man sich 1998 zum ersten Mal zum Empfinger Fasnets-Umzug anmeldete, wurde dieser Deckname verwendet. Man wollte ja nicht in der Anmeldung verraten, als was man unterwegs sein würde. Und bei diesem Cliquennamen ist es geblieben. Ein „Schlumpf-Häs“ hatten die „Schlümpfe“ an der Fasnet nie an.

Urnengang – fast wie bei der Papstwahl

Entstanden ist die Clique 1997 aus 1978er-Jahrgängerinnen und einem Freundeskreis und ist im Laufe der Zeit auf eine Truppe von jetzt 18 Frauen angewachsen. Trotz der hohen Mitgliederzahl ist die Clique ein gut eingespieltes Team. Das merkt man auch jetzt bei der Häswahl. Ein ausgetüfteltes Verfahren in drei Wahlgängen. Zuerst werden alle Vorschläge auf einer Liste gesammelt, die dann bei jedem Wahlgang reduziert wird. Ab Wahlgang zwei wird geheim gewählt. Yvonne wertet die gefalteten Stimmzettel aus und Heike verkündet das Ergebnis: „Dieses Jahr machen wir – Mars-Männle. Der Außenseitervorschlag hat sich durchgesetzt. Ohne weitere Diskussionen werden die nächsten Schritte besprochen: Ein Termin bei dem die Details fürs „Häs“ festgelegt werden und wer sich bis dahin um Stoffmuster und Einkaufsquellen für die benötigten Materialen und Teile kümmert.

Nähen und Werkeln mit Sekt und Kuchen

Genauso routiniert läuft auch das zweite Treffen ab. Birgit hat ihr altes Mars-Männle-Kostüm dabei, Yvonne Gaus hat Stoffmuster besorgt und bereits die Perücken für alle beschafft. In weniger als zwei Stunden sind Stoffmengen ermittelt, die nötige Menge an Spraydosen in Mars-Männle-Grün fürs Gesicht berechnet und ein Zuschneidetermin vereinbart, bei dem Stoffe und alle andere Materialen verteilt werden.

Nähen muss jede selbst. Was die meisten eigentlich nicht können. Doch hier springen dann Mütter, Freundinnen oder Nähprofi und „Schlumpf“ Ritchie“ („da nähe ich dir noch ein Schrägband dran“) ein.

Das Aufsprühen des Untertassen-Logos auf die Gewandrückseite mit silbernem Autolack wird dann wieder gemeinsam in mehreren Gruppen gemacht, verteilt auf drei Termine.

Lustig geht‘s dabei zu, meist mit Knabbereien, Kuchen und Sekt. In den Gesprächen merkt man immer deutlicher: Alle fiebern jetzt dem ersten Auftritt im neuen Outfit am Schmotzigen Dauschdig entgegen.

Eine Nacht ohne die Männer

Auf meine Frage, warum man am Schmotzigen nicht lieber gemeinsam mit den eigenen Männern oder Freunden durch die Kneipen zieht, erklärt man mir freundlich, aber mit erkennbaren Unverständnis, dass am Schmotzigen nur die eigene Frauenclique zählt und man da die Männer nicht brauchen könne. Schließlich sei man als Clique auch schon gemeinsam unterwegs gewesen, als die meisten noch Singles waren. Und sowieso sei mit den meisten Männern, die nachmittags als Rußhexen unterwegs sind, schon ab fünf Uhr nichts mehr anzufangen.

Es ist so weit. Schmotziger Dauschdig 19.30 Uhr im Hobbykeller bei Yvonne Hellstern drängen sich bei lauter Partymusik die schon voll kostümierten Mars-Männle. Wer nicht mit Schminken oder dem Sprühen des Glitzerfinishs im Gesicht beschäftigt ist, tanzt und singt mit. Kurz nach 21 Uhr setzt sich eine Kolonne aus 13 Marsbewohnerinnen oder auch Mars-Menscher (siehe Artikel unten) Richtung Narrenbaum in Marsch. Im grünen Silberkugel-besetzten „Häs“, mit grünem Gesicht, der Silberperücke und den farbig blinkenden Fühlern sehen die Mädels in den dunklen Straßen tatsächlich aus, als kämen sie von einem anderen Stern.

Nach dem großen Butzentreffen am Narrenbaum, geht‘s gemeinsam zuerst ins Kegelstüble und dann ins Pfarrzentrum und zum Radfahrverein ins Zelt. Da jede immer wieder auf Bekannte und Freunde trifft, teilt sich die Clique im Laufe der Nacht immer weiter auf. Am frühen Morgen sieht man sich dann im Musikerheim, der letzten Station wieder. Auf dem Weg dorthin frage ich das Mars-Männle neben mir: „Und was macht Ihr nächster Jahr?“ Obwohl es morgens um halb Fünf ist, kommt die Antwort prompt „Na, wir machen Schlümpfe!“

Was auch sonst?

Absolute Geheimsache: Wie sich eine Empfinger Frauen-Fasnetsclique auf die Flegga-Fasnet am
Kurz vor dem Abmarsch zum Narrenbaum entstand das Bild der Mars-Männle beim Haus von Yvonne Hellstern.Bilder: Marcus Michel

Absolute Geheimsache: Wie sich eine Empfinger Frauen-Fasnetsclique auf die Flegga-Fasnet am
„Welches ,Häs‘ sollen wir nehmen?“ Der Treff bei Devis im Nebenzimmer.

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05.03.2011, 12:00 Uhr

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