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Abwarten bis wieder Ruhe einkehrt
Reisebüro-Inhaber Cemil Ergin hat seine Stammkundschaft nicht verloren. Foto: Ferdinando Iannone
Reisen

Abwarten bis wieder Ruhe einkehrt

Viele Stuttgarter Türken schrecken vor einem Besuch in ihrer alten Heimat zurück. Aus unterschiedlichen Gründen: Die einen fürchten Terroranschläge, die anderen politische Verfolgung.

24.01.2017
  • FATIH AKTÜRK

Knapp drei Jahre war Tülay Akman nicht mehr in der Türkei. Für die 46-jährige Deutsch-Türkin aus Ostfildern ist das sehr ungewöhnlich. Denn sie hat in der Türkei viele Verwandte und fliegt normalerweise mindestens einmal im Jahr in die alte Heimat. Aus unterschiedlichen Gründen zerschlugen sich ihre Reisepläne immer wieder. Im letzten Sommer endlich wollte Tülay Akman ihre Schwester in Istanbul besuchen: „Ich hatte mich sehr auf die Reise gefreut. Alles war gebucht.“

Einen Tag vor ihrem geplanten Abflug erreichte sie dann die schockierende Nachricht: Soeben waren bei einem Bomben-Anschlag auf dem Istanbuler Flughafen 41 Menschen getötet worden. „Ich hatte riesige Angst, nachdem ich dem Anschlag nur um einige Stunden entkommen war“, sagt die alleinerziehende Mutter zweier Töchter. Bis heute ist die Angst bei ihr geblieben: „Ich mache mir Sorgen um meine Verwandten. Die Lage dort ist in jeder Hinsicht angespannt. Ich fliege erst dann wieder dorthin, wenn Ruhe eingekehrt ist“, sagt Akman.

Vielen Stuttgartern mit Türkei-Reiseplänen geht es gegenwärtig offenbar ähnlich. Der Stuttgarter Flughafen verbuchte nach eigenen Angaben 2016 bei Flügen in die Türkei einen Rückgang von etwa 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zu den Gründen gehört vor allem auch die Angst vor Terroranschlägen. Allein im Jahr 2016 sind in der Türkei über 210 Menschen durch Terroranschläge ums Leben gekommen. Das neue Jahr 2017 begann gleich mit einem Anschlag auf einen Nobel-Club in Istanbul.

Stammkundschaft ist treu

Verzichten Stuttgarter Türken 2017 wegen der Angst vor Terroranschlägen auf Reisen in die Türkei? Cemil Ergin hält den jetzigen Zeitpunkt für eine verlässliche Prognose noch zu früh. „Sommerurlaube werden in der Regel erst ab Januar eines Jahres gebucht. Deshalb kann man noch nicht sagen, dass viele nicht in die Türkei reisen wollen“, sagt der Inhaber von Pascha Reisen in Stuttgart. Es gebe immerhin bereits einige Buchungen. „Auch im vergangenen Sommer konnte ich keine rückläufigen Zahlen bei den Türkei-Reisen feststellen. Bei mir zumindest war es so, dass ich mehr Buchungen in die Türkei vorgenommen habe als ein Jahr zuvor“, berichtet Ergin. Seine türkische Stammkundschaft sei keinesfalls verlorengegangen.

Zu denen, die weiterhin regelmäßig in ihre zweite Heimat reisen, gehört auch Mustafa Bagci. „Meine Familie lebt schließlich teilweise noch dort“, so der 30-jährige Stuttgarter Unternehmensberater. Außerdem sei nicht nur die Türkei vom Terror bedroht: „Normalerweise hätte ich natürlich Angst. Allerdings haben die Ereignisse der letzten Jahre weltweit dafür gesorgt, dass ich gelernt habe, mit dieser Angst umzugehen.“

Anders ergeht es Sabri Solak (Name geändert). Er ist ein Anhänger des im Exil lebenden Islam-Gelehrten Fethullah Gülen. Staatspräsident Erdogan macht Gülen und seine Anhänger für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich. Erdogan forderte öffentlich dazu auf, Gülen-Anhänger den staatlichen Behörden zu melden. Auch in Deutschland soll es Bespitzelungen und Denunziationen gegeben haben, vor allem durch die aus der Türkei entsandten Imame des Deutsch-Türkischen Moscheeverbands Ditib.

Angst vor Verhaftung

Der 43-jährige Solak hat das am eigenen Leib zu spüren bekommen. Da er unter den Stuttgarter Türken für seine Arbeit in der Gülen-Bewegung bekannt ist, befürchtet er, sein Name sei den türkischen Behörden mitgeteilt worden. Eine Reise in die Türkei ist ihm deshalb zu riskant: „In der Türkei wird willkürlich verhaftet“, sagt Solak, „vor allem Personen, die mit der Bewegung etwas zu tun haben oder hatten.“ Er kenne bereits etliche Leute, die unter ähnlichen Voraussetzungen verhaftet worden seien.

Solak selbst war zuletzt im Sommer 2015 in der Türkei. Angst vor Terroranschlägen habe er aber nicht: „Das kann ja überall passieren“, sagt der Familienvater. Früher reiste er zwei- bis dreimal pro Jahr in die Türkei. Auch mit deutschen Freunden organisierte er Kulturreisen an den Bosporus: „Schade für die Kinder und die gegenseitige Begegnung“, sagt Solak wehmütig. Ihm bleibt nur die Hoffnung auf eine baldige Stabilisierung der Türkei.

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24.01.2017, 06:00 Uhr

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