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Dummer Streich oder Nazi-Umtrieb?

Acht junge Männer wurden als „Schwarze Hand“ verhaftet

ROTTENBURG. Unter historisch anderen Umständen wäre es kaum mehr gewesen als ein dummer Jungenstreich, doch die französische Militärregierung sah sich aus gutem Grund herausgefordert: Am 10. August 1945 wurden in Rottenburg acht junge Männer festgenommen, weil sie anti-französische Handzettel verteilt und mit „Schwarze Hand“ unterzeichnet haben sollten. Nach drei Monaten U-Haft verurteilte das Militärgericht in Tübingen die Rädelsführer zu einjährigen Haftstrafen – so erinnert sich nach 60 Jahren Alfred Farger. Er begriff damals gar nicht recht, wie ihm geschah, und wurde freigesprochen.

10.08.2005
  • Willibald Ruscheinski

Rottenburger Mädchen! Denkt an euern Nationalstolz und lasst euch nicht mit Franzosen ein! Es warnt euch die Schwarze Hand!“ So oder so ähnlich, den genauen Wortlaut weiß Adolf Farger nicht mehr, stand es auf einem Zettel, den der seinerzeit 14-Jährige auf dem Marktplatz in die Hand gedrückt bekam. „Wir jungen Kerle hatten ja nichts zu schaffen“, sagt Farger, mittlerweile 74, „und das war halt unser Latschare“. Auch, weil das Lebensmittelgeschäft Zäpfel (bald darauf Economat, heute Optik-Schäfer) breite Schaufenstersimse als bequeme Sitzgelegenheiten bot..

Just ein Bewohner dieses Hauses allerdings steckte auch Kommissar Josef Sedelmaier einige Namen, als der damalige Polizeichef Rottenburgs die Szene betrat. Mit der Folge, dass Alfred Farger einer von acht jungen Männern war, die Sedelmaier abholte und in der alten Rathaus-Arrestzelle (volkstümlich auch Metzgerstüble genannt) einsperrte. „Wir waren gerade bei einer Bekannten im Höfle und haben die Plakate gelesen“, sagt Farger heute dazu. „Ich rief gleich, dass wir damit nichts zu tun hatten, aber das hat die Polizei nicht interessiert.“

Nach einer Nacht im „Strafkämmerle“ wurden die Verhafteten tags darauf in die Justizvollzugsanstalt verbracht – und blieben dort, so erinnert sich Alfred Farger, drei Monate in Untersuchungshaft. „Als mein Vater davon gehört hat, hat er die Suppenschüssel an die Wand geschmissen vor Zorn“, beschreibt er die familiäre Reaktion. Fargers Mutter freilich durfte ihrem Sohn Essen in die Zelle bringen. Ansonsten wurden die inhaftierten jungen Leute beim Bau eines Militärsportplatzes oberhalb vom Hammerwasen eingesetzt und mussten spätsommerliche Erntearbeit leisten: „Mir tut heute noch der Rücken weh, wenn ich daran denke, wie viele Kartoffeln wir raus gemacht haben.“

Dass die Besatzungsmacht die Bildung einer angeblichen Geheimorganisation namens „Schwarze Hand“ nicht als dummen Jungenstreich ansah, sondern sehr ernst nahm, tat sie draußen derweil auf Plakaten der Bevölkerung kund. „Ihre Tätigkeit richtete sich gegen die Besatzungsmacht und gegen diejenigen Personen, die mit derselben in gutem Verhältnis stehen“, ließ Stadtkommandant Lieutenant-Colonel Dufresne mitteilen – auch, dass Hausdurchsuchungen bei den mutmaßlichen Schwarze-Hand-Mitgliedern zum Fund zweier Pistolen geführt hatten.

Seit ihrem Einmarsch in Deutschland hatten die Alliierten mit Vergeltungs- und Partisanenaktionen deutscher „Werwolf“-Gruppen gerechnet, und diese Furcht war auch drei Monate nach Kriegsende noch nicht verschwunden. Außerdem erinnerten sich speziell die Franzosen nur zu gut daran, welches Schreckensregiment sie selbst bis wenige Monate zuvor selber erdulden mussten. „Diese Art Vergehen wurden zur Zeit der Besetzung Frankreichs durch Deutschland durch die Gestapo mit Folterungen und dem Tode bestraft“, ermahnte deshalb Dufresne die Bevölkerung, und: „Sie sind verständig genug, um zu begreifen, welche Konsequenzen aus der Handlung dieser wahnsinnigen jungen Leute sich hätten für Sie ergeben können.“ In die Verantwortung und Friedenspflicht („Vergesst dies nicht!“) nahm der Kommandant in seiner Bekanntmachung ausdrücklich nicht nur „Eltern“ und die „Nazis von Rottenburg“, sondern auch Stadtverwaltung und Polizei.

Wir waren drauf und dran, als Untergrundbewegung erschossen zu werden“, schätzt Alfred Farger heute die Folgen jugendlichen Leichtsinns ein. „Dabei hatten ja im Grunde nur einige Siebzehn- oder Achtzehnjährige etwas dagegen, wenn Mädchen mit Franzosen gingen.“ Dass mehr dahinter steckte, mag aber auch er nicht ausschließen, zumal der nicht abgelieferten Waffen wegen: „Wir Jüngeren waren ja Pimpfe, aber die Älteren schon Hitlerjungen. Und die waren natürlich sehr national eingestellt.“ Die Idee zur geheimbündlerischen „Schwarzen Hand“, so erfuhr Farger später, hatte ein Stuttgarter, der im letzten Kriegsjahr als Evakuierter nach Rottenburg gekommen war.

Auf Initiative der Familien hin soll sogar der damalige Weihbischof Franz Joseph Fischer die Inhaftierten im Gefängnis besucht und sich bei der Militärregierung dafür eingesetzt haben, endlich ein Verfahren zu eröffnen. Dass das Militär dazu drei Monate brauchte, hing schlicht mit Überlastung zusammen: Das Tübinger Kreisgouvernement war selbst erst im Juli 1945 funktionstüchtig geworden, ein halbwegs normaler Alltag kam nur allmählich in Gang. So dauerte es beispielsweise noch bis zum 21. September, ehe das erste SCHWÄBISCHE TAGBLATT erschien, und nicht vor dem vierten Quartal installierten die Franzosen wieder deutsche Freiwilligen-Gerichte.

Die „Schwarze Hand“ indessen fand sich nach drei Monaten Rottenburger Untersuchungshaft und weiteren zweien in Tübingens Doblerstraße vor einem französischen Militärgericht wieder. Es verhängte, sagt Farger, gegen die vier Rädelsführer einjährige Freiheitsstrafen und Geldstrafen von je 100 Reichsmark. Kein ungewöhnliches Strafmaß, wie den TAGBLATT-Ausgaben jener Zeit zu entnehmen ist: Für unerlaubten Waffenbesitz waren bis zu zehn Jahre drin.

Alfred Farger und die anderen drei Freigesprochenen aber durften sich unverzüglich wieder gen Rottenburg in Marsch setzen, was damals ebenfalls mit Hindernissen verbunden sein konnte: „Wir mussten uns erst Sondergenehmigungen holen, denn es war schon neun Uhr abends. Und um Zehn begann die Ausgangssperre.“

Acht junge Männer wurden als „Schwarze Hand“ verhaftet
Eindringlicher Appell: Mit dieser „Bekanntmachung“ regierte das französische Militär auf die „Schwarze Hand“.

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10.08.2005, 12:00 Uhr

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