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Balance zwischen Körper und Geist

Adam Zaharan wird nach dem Sieg beim 24-Stunden-Lauf philosophisch

Klaus Wanner lief beim Dettenhäuser 24-Stunden-Lauf 20 Kilometer mehr als bei seinem letztjährigen Sieg. Aber das reichte diesmal nicht für die Spitzenposition. Denn die Szene der Ultra-Läufer bot ganz großen Sport.

25.07.2012
  • Wolfgang Albers

Dettenhausen. 26 Jahre ist Adam Zaharan jung – und schon ein ganz Alter unter den Ultra-Läufern. Mit 17 Jahren hat er Läufe jenseits der Marathon-Distanz begonnen, mittlerweile ist er ungarischer Meister über 50 Kilometer, über 100 Kilometer und den Sechs-Stunden-Lauf.

„Ich kann mir kein Leben ohne Laufen vorstellen“, sagt der Ingenieur, der in Büdingen bei Frankfurt arbeitet. „Ich werde in alle Ewigkeit laufen, ich brauche das für mein Wohlgefühl.“ Und dieses will er sich demnächst beim Spartathlon holen, einem 246-Kilometer-Lauf zwischen Athen und Sparta.

Das 24-Stunden-Rennen, ausgerichtet vom VfL Dettenhausen, kam ihm als Trainingslauf gerade recht. 200 Kilometer wollte er schaffen und ein bisschen experimentieren: nämlich ohne Uhr und ohne Pulsmesser zu laufen. 200 Kilometer laufen die deutschen Top-Athleten, wer 230 Kilometer knackt, gehört zur Weltspitze. Zaharans Schnitt hieß also neun Kilometer in der Stunde. Was das für ein Höllentempo ist, wurde einem Dettenhäuser Läufer klar, der sich anzuhängen versuchte: „Keine Chance – ich musste gleich abreißen lassen. Ein Wahnsinn.“

Wie schafft man das? Auskunft geben konnte Joachim Hauser, Initiator und Mit-Organisator der Dettenhäuser 24 Stunden. Er ist selber Ultra-Läufer und schon schon zweimal quer durch Europa gerannt. Trainieren kann man diese Distanzen ja nur bedingt. Mehr als 30 Kilometer am Tag machen wenig Sinn. Und auch die wollen erstmal gelaufen sein. Die Ultraläufer sind reine Amateure, gehen arbeiten und haben ja oft auch Familie.

„Man muss sich die Zeit regelrecht klauen“, sagt Joachim Hauser. „Partner und Familie können das sicher nicht mehr gut finden, sondern nur noch tolerieren.“

400 bis 500 Kilometer ist Hauser pro Monat gelaufen, vor Wettkämpfen 600 bis 800 Kilometer. „Man muss in den Beinen hart werden, denn diese 24 Stunden machen nicht nur Spaß, das muss man schon mehrfach seinen eigenen Schweinehund besiegen.“ Vor allem müsse man auch im Kopf hart werden: „Man soll möglichst wenig nachdenken. Sonst kommt die Frage hoch: Was mache ich hier? Und dann wird der Körper müde.“

Rund 40 Ultraläufer hatten sich schließlich angemeldet. Vorjahressieger Klaus Wanner aus Holzgerlingen war dabei, Carmen Hamm, die auch noch nach 23 Stunden mit Strahlen auf der Strecke war, das starke Franzosenpaar Ulysse Vigreux und Cathy Muller oder die Italienerin Adele di Lorenzo im Kompressionsanzug – alle locker für 150 Kilometer und mehr gut.

Härter aber noch war das Wetter. Am Samstag schüttete es wie aus Wasserwerfern, und die Waldstrecke wurde zu schmierigen Schlammbahn. Außerdem wurde es verdammt schattig, bis unter zehn Grad fiel das Thermometer. So schön die Strecke auch mit Fackeln ausgeleuchtet war – die Nacht war hart. Adam Zaharan war irgendwann so fertig, dass er in einer Kurve geradeaus weiterlief. Da wusste er: Es geht nicht mehr – und legte sich eine Stunde schlafen. Geh- oder Schlafpausen sind ein taktisches Mittel, um zu regenerieren. Essen und trinken ein weiteres. Das scheint einfach, aber die exakte Dosis ist das Problem. Einfach nur Wasser reinschütten geht nicht – dann macht der Körper zu, nicht einmal mehr das Pinkeln klappt. Joachim Hauser schwört in solchen Situationen auf alkoholfreies Bier: Das hat nicht nur die nötigen Elektrolyte, sondern schwemmt den Körper frei.

Auch bei Adam Zaharans Depot stand das Bier dabei. Wie viele Ultraläufer hatte er sich einen eigenen Verpflegungsstand aufgebaut. Da lagen Kohlehydrat-Gels griffbereit, aber auch Pizza und Schnitzel mit Pommes. Das ist nicht nur Energienachschub, weiß Joachim Hauser aus eigener Erfahrung: „Das ist auch für den Kopf, denn so ein Essen macht glücklich und ist eine Belohnung, wenn man zwischen drei und fünf Uhr in die Krise kommt.“ Adam Zaharan hat sie gemeistert. Trotz Schlafpause rannte er 203 Kilometer. Klaus Wanner steigerte sich in diesem Sog auf 180 Kilometer – zweiter Platz. Dritte wurden Armand Asli und Carmen Hamm mit 167 Kilometern, Adele Di Lorenzo schaffte 162 Kilometer. Fünf über 150 Kilometer – und schließlich 21 über 100 Kilometer – der Dettenhäuser Lauf hatte heftig Qualität.

Im Ziel war Adam Zaharan ganz entspannt, gemäß seiner Devise: „Ich laufe, um die Balance zwischen Körper und Geist zu finden.“ So könne er alle Aspekte des Lebens meistern: „Das ist schon ein bisschen Philosophie.“ Eine, der auch Joachim Hauser beipflichtet: „In jedem Rennen gibt es Krisen, und die muss man bewältigen. Und dieser Sieg über mich selbst gibt mir die Sicherheit, dann auch die Krisen, die im Alltag kommen, ebenso zu bewältigen.“ Joachim Hauser, der seit Jahren gegen die Krankheit Multiple Sklerose anrennt, weiß, wovon er da spricht.

Weitere Bilder auf www.tagblatt.de

Adam Zaharan wird nach dem Sieg beim 24-Stunden-Lauf philosophisch
Der 24-Stunden-Lauf von Dettenhausen: 370 Laufbegeisterte waren einzeln oder in Teams dabei – Kinder, Hobby-Jogger, Ultraläufer. Bei den Ultras schraubte sich der Rekord von 165 Kilometern im Vorjahr auf über 200 Kilometer. Bild: Hantke

Adam Zaharan wird nach dem Sieg beim 24-Stunden-Lauf philosophisch
So geschafft sahen die beiden Erstplatzierten gar nicht aus: Adam Zaharan (links) lief 203, Klaus Wanner rannte 180 Kilometer. Bild: Hantke

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25.07.2012, 12:00 Uhr

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