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Ägypten steht vor dem finanziellen Kollaps
Die Stimmung im Land droht zu kippen. Denn langsam werden auch grundlegende Güter knapp. Foto: afp
Krise

Ägypten steht vor dem finanziellen Kollaps

Lebensmittel werden unbezahlbar, Medikamente sind knapp, vielen Firmen gehen die Rohstoffe aus. In Kairo zieht eine dramatische Wirtschaftskrise herauf.

03.11.2016
  • MARTIN GEHLEN

Kairo. Das Sekunden-Video über den unwirklichen Pomp bei Staatsempfängen war sofort ein Hit. „Im Fernsehen sieht Ägypten aus wie Wien, wenn du aber auf die Straße gehst, sind wir wie Verwandte von Somalia“, schimpfte der Tuk-Tuk-Fahrer, der normalerweise mit seinem dreirädrigen Motortaxi durch die staubigen Kairoer Trabantenviertel knattert. „Bevor der Präsident gewählt wurde, hatten wir genug Zucker, Kaffee und Reis“, setzte er vor der Fernsehkamera noch eins drauf, während ihn eine Menge nickend umringte.

Tagelang beschäftigte der Ausbruch des Unbekannten die Gemüter am Nil. Endlich hatte jemand gewagt, seinem Frust über die Wirtschaftslage offenen Lauf zu lassen in einer Nation, wo bisweilen schon ein kritisches T-Shirt die Bürger hinter Gitter bringen kann. Denn seit Monaten eskaliert die übliche Alltagsmisere zu einem landesweiten Alptraum. Die Inflation galoppiert, und immer mehr Güter werden knapp. Woche um Woche verliert das einheimische Geld so rasant an Wert, dass jetzt selbst Christine Lagarde, die Chefin den Internationalen Währungsfonds (IWF), von einer Währungskrise spricht, die dringend angepackt werden müsse.

Bei dem Niedergang kommt vieles zusammen. Der Tourismus wirft kaum noch Devisen ab. Der vor einem Jahr für viel Geld erweiterte Suezkanal bringt nicht die erhofften Zusatzprofite. Ausländische Investoren haben die Nase voll. Und so liegt der Schwarzmarkt für Dollar und Euro inzwischen 40 bis 50 Prozent über dem offiziellen Kurs. Die Folgen für die Menschen, von denen schon jetzt die Hälfte arm oder sehr arm ist, sind hart und einschneidend. Seit Jahresbeginn stiegen die Lebensmittelpreise um 20 bis 50 Prozent, immer mehr Familien müssen auch beim Essen sparen. Rund 1500 der 8000 gebräuchlichsten Medikamente sind aus den Regalen verschwunden. Einheimische Firmen stoppen ihre Produktion und entlassen Mitarbeiter, weil sie keine Devisen mehr haben, um Vorprodukte oder Rohstoffe einzukaufen.

Das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sissi weiß, dass es im Volk brodelt. Immer unverhohlener warnt der starke Mann am Nil vor Unruhen. Mal lässt er seine Untertanen wissen, die Armee könne binnen sechs Stunden im gesamten Land aufmarschieren, „wenn etwas Falsches passiert“. Mal warnen seine Mitstreiter vor Demonstrationen gegen die Preissteigerungen, wie sie in den sozialen Medien für den 11. November ausgerufen werden. Mal lassen sie an Brücken Plakate mit Durchhalteparolen aufhängen wie „Mutige Reformen verkürzen den Weg“ oder „Wir müssen die Importe reduzieren.“

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03.11.2016, 06:00 Uhr

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